Fakten zur Gesundheit von Migrantinnen und Migranten

Der Medizinhistoriker PD Dr. Michael Knipper der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) stellt am Mittwoch in Berlin gemeinsam mit der Organisation Ärzte der Welt eine umfassende internationale Studie zur Gesundheit von Migrantinnen und Migranten vor. Mit dem Report „Der Gesundheitszustand einer Welt in Bewegung“ will die Kommission zu Migration und Gesundheit der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ verbreiteten Mythen entgegen treten. Knipper gehört zu einem internationalen Wissenschaftlerteam, das für den „Lancet“-Report bestehende Daten zu Migration und Gesundheit untersucht und weitere Studien durchgeführt hat.

Eine der Erkenntnisse des Berichts: Migration nutzt den Gesundheitssystemen der Einwanderungsstaaten insgesamt mehr als dass sie schadet. „Zugewanderte sind im Durchschnitt gesünder“, sagt Knipper, und das aus einem einfachen Grund: „Wenn man sich die globale Migration ansieht, dann sind die, die sich auf die Reise machen, oft diejenigen, die besonders stark und fit sind. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes kommen daher in dieser Gruppe seltener vor.“

Die „Lancet“-Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, mit dem umfassenden Report einen ‚Goldstandard‘ vorzulegen als Grundlage für eine zukunftsweisende Gesetzgebung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bemängeln vor allem, dass Mythen um die Gesundheit von Migrantinnen und Migranten weltweit als Argument für eine Politik der Ausgrenzung benutzt werden. Dagegen müsse verstärkt auf die gesundheitlichen Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten eingegangen werden „Einwanderer tragen für gewöhnlich mehr zu einer Wirtschaft bei, als sie kosten. Wie wir ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden gestalten, wird unsere Gesellschaften für Generationen formen. Es gibt kein dringenderes Thema in Bezug auf die globale Gesundheit“, sagt „Lancet“-Chefredakteur Dr. Richard Horton.

Mit Blick Deutschland kritisiert Michael Knipper bürokratische Hürden beim Zugang von Geflüchteten zu medizinischer Versorgung. „Die Gesundheitsversorgung gerade in abgelegenen Flüchtlingsunterkünften ist schlecht“, betont er. So sei nicht nur der Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung erschwert, sondern die Gesundheitsversorgung sei grundsätzlich auf akute Probleme und Schwangerschaften reduziert. Die komplizierte Antragstellung in allen anderen Fällen führe letztlich dazu, dass die Behandlung von Migrantinnen und Migranten dem Zufallsprinzip folge. „Deutschland leistet sich hier eine teure Diskriminierungsbürokratie“, erklärt Knipper.

Die Begleitung von Migrantinnen und Migranten ist vor allem dann wichtig, wenn es zu einer Infektion mit Tuberkulose gekommen ist. „Die Behandlung der Tuberkulose ist eigentlich einfach: Wichtig ist nur, dass verschiedene Antibiotika über einen längeren Zeitraum hinweg gegeben werden, und dass die Patientinnen und Patienten dabei unterstützt und begleitet werden.“ Vor allem letzteres sei im deutschen Gesundheitssystem schwierig. Mit einem verbreiteten Mythos räumt Knipper in diesem Zusammenhang auch auf: „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Einheimische bei Migrantinnen und Migranten mit Tuberkulose anstecken, liegt praktisch bei Null.“

Die zahlreichen Missverständnisse und Mythen im Bezug auf Migration erklärt der Mediziner damit, dass viel mit Ängsten gearbeitet werde: „Gleichzeitig ist es so, dass Menschenrechte, die von Geflüchteten eingefordert werden, häufig als Zumutung empfunden werden. Aus diesem Grund haben wir mit der ‚Lancet‘-Kommission versucht, Fakten und Argumente zu liefern.“

Termin

Mittwoch, 12. Dezember 2018, 17 Uhr, Langenbeck-Virchow-Haus, Luisenstr. 58/59, 10117 Berlin

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Kontakt

PD Dr. Michael Knipper, Institut für Geschichte der Medizin
Telefon: 0641 99-47706
E-Mail: michael.knipper@histor.med.uni-giessen.de

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