Experten fordern neues Finanzierungsmodell gegen Krankheiten der Armut

Marktgetriebene Forschung und Entwicklung haben bei der Suche nach Massnahmen gegen die grossen globalen Gesundheitsherausforderungen weitgehend versagt. Das stellen renommierte Gesundheitsexperten aus Universitäten, Industrie und NGOs in einem Essay fest, der heute in der Zeitschrift PLOS Medicine veröffentlich wird. Deshalb brauche es ein neues Finanzierungsmodell zur Entwicklung innovativer Medikamente und Gesundheitslösungen. Der Beitrag richtet sich insbesondere an die Teilnehmer des G7-Gipfels im Juni in Deutschland und an die Delegierten der sechsten Weltgesundheitsversammlung Ende Mai in Genf.

Neuer Gesundheitsfonds soll Lücke schliessen

Nicht nur würden Erreger zunehmend resistent gegenüber herkömmlichen Wirkstoffen. Es fehlten innovative Entwicklungen zur Bekämpfung vernachlässigter oder neu auftretender Infektionskrankheiten der Armut. Epidemien, wie der Ebola-Ausbruch in Westafrika, könnten sich so plötzlich zu einer globalen Bedrohung ausbreiten.

Krankheiten der Armut und sporadisch ausbrechende Epidemien sind für den privaten Sektor wenig interessant. Sie versprechen wenig Profit und sind schwierig planbar. Entsprechend gibt es ein Innovationsdefizit. Genau deshalb müssten hier neue Formen der globalen Finanzierung und Koordination gefunden werden, fordert insbesondere Marcel Tanner, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH) und Mitautor des Essays.

„Wir brauchen eine engere Zusammenarbeit zwischen verschiedensten Akteuren aus dem privaten wie dem öffentlichen Sektor, um wirksame Medikamente und Therapien zu entwickeln“, sagt Tanner.

Die Autoren fordern einen globalen und multi-lateralen Finanzierungsfonds. Er soll die Entwicklung neuer Therapien gegen Infektionskrankheiten der Armut beschleunigen. Damit könne das Problem der Resistenz-Entwicklung gemindert, sowie Therapien gegen neue oder wieder ausbrechende Krankheiten wie Ebola entwickelt werden.

Der vorgeschlagene Fonds über 10 Milliarden Dollar sollte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angegliedert und von den Regierungen finanziell unterstützt und überwacht werden. Er soll die bestehenden Lücken in der Medikamenten-Pipeline orten, um dann Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Wirkstoffe zu initiieren und zu koordinieren. Dabei arbeiten Partner aus der Industrie, der Wissenschaft, gemeinnützigen Organisationen und Regierungen verschiedenster Länder zusammen.

Erfolgreiche Modelle

Während grosse, internationale, multilaterale Fonds zur globalen Gesundheitsversorgung bereits bestehen, gibt es wenig Finanzierungsmechanismen zur Erforschung und Entwicklung von Medikamenten gegen vernachlässigte und neu auftretende Infektionskrankheiten.

Der Fonds könnte sich an erfolgreichen Initiativen wie der ‚Drugs for Neglected Disease Initiative (DNDi) oder Medicines for Malaria Venture (MMV) orientieren. Das Swiss TPH arbeitet beispielsweise seit Jahren im Rahmen solcher Initiativen mit Partnern aus der Industrie und philanthropischen Organisationen zusammen. Gegenwärtig sind in Zusammenarbeit mit Medicines for Malaria Venture (MMV) sechs neue Wirkstoffe gegen Malaria aus den Labors des Swiss TPH in der fortgeschrittenen klinischen Prüfung.

Der neue Fonds sollte aber nicht nur die Erforschung neuer Wirkstoffe beschleunigen. Er versucht auch einkommensschwachen Ländern den Zugang zu den wichtigen Medikamenten und Impfstoffen zu erleichtern. Eine der diskutierten Massnahmen besteht darin, die Entwicklungs- und Produktionskosten eines Medikaments vom Marktpreis zu entkoppeln.

„Die Entkoppelung der Kosten vom Marktpreis ist ein Schlüsselansatz. Damit kann der Zugang zu Therapien für arme, vernachlässigte Bevölkerungsgruppen erhöht und wirksame und verteilungsgerechte Gesundheitsinterventionen ermöglicht werden.“

Nur wenn sich auch Regierungen einkommensschwacher Länder die nötigen Medikamente und Therapieansätze leisten können, lassen sich Krisen wie die Ebola-Epidemie in Westafrika künftig wirksamer angehen und gar verhindern.

Publikation

Balasegaram M, Bréchot C, Farrar J, Heymann D, Ganguly N, et al. (2015) A Global Biomedical R&D Fund and Mechanism for Innovations of Public Health Importance. PLoS Med 12(5): e1001831. doi:10.1371/journal.pmed.1001831

Kontakt

Prof. Marcel Tanner,
Direktor Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), marcel.tanner@unibas.ch +41 61 284 82 83

Über das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH)

Das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) ist eine der führenden Institutionen der Schweiz im Bereich Public- und Global Health. Das mit der Universität Basel assoziierte Institut vereint Forschung, Lehre und Dienstleistungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Das Swiss TPH ist eine öffentlich-rechtliche Organisation und deckt etwa 20% seines Budgets von etwa 72 Millionen Franken durch Kernbeiträge der Kantone BS, der Universität Basel und damit auch des Kantons BL (10%) sowie des Bundes (8%). Die restlichen Mittel (80%) werden kompetitiv eingeworben. Das Institut umfasst über 600 Mitarbeiter, die in 21 Ländern tätig sind. Es wird von Prof. Marcel Tanner geleitet.

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