Experten benennen Forschungsprioritäten für UN-Welternährungsausschuss

Um Hunger und Fehlernährung bis 2030 zu bekämpfen, müssen alle an einem Strang ziehen: Das ist das Ergebnis eines Treffens von 200 Wissenschaftlern und Experten aus aller Welt am 27.9.2016 an der Universität Hohenheim. Zwei Wochen vor dem Welternährungstag berieten sie mit dem wissenschaftlichen Beirat des UN-Welternährungsausschusses über Forschungslücken und Innovations-Strategien zur zukünftigen Sicherung der Welternährung.

Fehlernährung und die starke Zunahme ernährungsbedingter Krankheiten, massive Landflucht, Klimawandel und die Verknappung natürlicher Ressourcen – das sind neue Herausforderungen denen sich die Wissenschaft stellen muss. Zudem hungern immer noch 795 Millionen Menschen weltweit aufgrund ihres mangelnden Zugangs zu Land, Produktionsmitteln und Einkommen. Über die richtigen Ansätze und Strategien zur Lösung dieser Probleme besteht jedoch nur teilweise Einigkeit.

Prof. Dr. Regina Birner vom Institut für Tropische Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim stellt fest: “Auch wenn man sich im Ziel einig ist, so sind die Wege dorthin innerhalb von Wissenschaft und Politik sehr umstritten.“ So bestehe zwar Konsens über die Notwendigkeit einer nachhaltigen Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. „Aber sind dafür hoch-technologische Produktionsverfahren notwendig, oder sind möglichst naturnahe Verfahren zielführender? Darüber gibt es noch keinen Konsens.“

Themenfindung für UN-Welternährungsausschuss

Die 200 Wissenschaftler und Experten formulierten auf dem Kolloquium in Hohenheim konkrete Forschungsprioritäten, die auch als Beitrag für die globale Forschungsagenda dienen: Ernährung in Zeiten von Krieg und Konflikt, nachhaltiger Konsum, der Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Verlust von Diversität. Sie können nicht mehr allein durch nationale Forschungsprogramme bearbeitet werden, sondern brauchen viel stärker als bisher eine globale Forschungsagenda.

Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats (HLPE) des UN-Welternährungsausschusses (CFS), Dr. Patrick Caron hat viele Jahre zum Thema geforscht. Er sieht die Ergebnisse des Kolloquiums in Hohenheim als wichtigen Beitrag für die zukünftige Arbeitsagenda des UN-Gremiums. In einem einjährigen Konsultationsprozess soll das HLPE aktuelle Schlüsselthemen für die globale Ernährungssicherung definieren. „Die Wissenschaft kann der Politik helfen, Veränderungen für nachhaltige Ernährungssysteme voranzutreiben.“

Ganzheitlicher Ansatz nötig

Alicia Kolmans, Geschäftsführerin des Forschungszentrums für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme an der Universität Hohenheim, führt dazu aus: „Die Sicherung der Welternährung ist eine Meta-Herausforderung, die wir mit einem Blick für das Ganze und fachübergreifend angehen müssen.“

Wie und was die Menschheit esse stehe zum Beispiel in Wechselwirkung mit Böden, Gewässer und Klima, aber auch in Zusammenhang mit Handelsbedingungen, Einkommensverteilung, Verbraucherverhalten und Ernährungskultur. Um alle Menschen mit ausreichender und gesunder Nahrung zu versorgen sei es daher notwendig, die Probleme nicht isoliert voneinander zu betrachten.

Auf dem Kolloquium wurde deutlich, dass Ansätze der Zusammenarbeit über verschiedene Disziplinen hinweg noch stärker konkretisiert und mit Leben gefüllt werden müssen. Außerdem plädierten die Experten für eine Stärkung der Förderung von anwendungs- und bedarfsorientierter Forschung. Dafür müssten Forschung und Praxis intensiv zusammenarbeiten.

Traditionelles Wissen in die Forschung einbeziehen

Von den Philippinen angereist war Esther Penunia, Leiterin der Asian Farmers‘ Association for Sustainable Rural Development. Der Verband bündelt 17 Bauernorganisationen in 13 asiatischen Ländern und vertritt ca. 12 Millionen Kleinbauern. Penunia weiß, mit welchen Problemen diese zu kämpfen haben: „Vor allem bäuerliche Familien leiden noch immer am meisten unter Hunger“, so Penunia. Deshalb sei es wichtig, die Betroffenen in die Forschung frühzeitig und ernsthaft einzubeziehen.

Die Expertin für ländliche Entwicklung fordert von der Forschung, sich den Bedürfnissen der Produzenten anzupassen: „Wir müssen weg vom reinen Technologietransfer hin zu gemeinschaftlicher Innovation. Nachhaltige Entwicklung braucht die Wissensressourcen von allen Akteuren.“

HINTERGRUND: Der UN-Welternährungsausschuss (CFS) und das High Level Panel of Experts (HLPE)

Der Welternährungsausschuss (Committee on World Food Security / CFS) ist ein Gremium („Governing Body“) der Vereinten Nationen. Der CFS ist auf internationaler Ebene die zentrale Plattform zur Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung des Welthungers. Er wurde 1974 ins Leben gerufen und 2009 grundlegend reformiert.

Heute ist er eine von breiter Akzeptanz getragene Institution, die neben Regierungsvertretern auch multilaterale Agenturen sowie privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure in den Entscheidungsprozess einbezieht. In Bezug auf diesen partizipativen Ansatz gilt der CFS als modellhaft.

Das High Level Panel of Experts (HLPE) ist der wissenschaftliche Beirat des CFS. Er liefert unabhängige wissenschaftliche und wissensbasierte Analyse und Beratung. Die Ergebnisse und Empfehlungen dienen als Grundlage für politische Diskussionen im CFS.

HINTERGRUND: UN-Gremium beteiligt Wissenschaftler und Zivilgesellschaft

Das Kolloquium ist ein Baustein einer internationalen Konsultation des HLPE zur Identifizierung von aktuellen Herausforderungen und Schlüsselthemen (Critical and Emerging Issues), denen sich der UN-Welternährungsausschuss zukünftig widmen soll. Eine Befragung von Wissenschaftlern ist darin gleichermaßen vorgesehen wie die Beteiligung der interessierten Öffentlichkeit. Verbände oder Interessenvertretungen, aber auch Privatpersonen können sich noch bis zum 7. Oktober direkt online mit ihren Anliegen an der Konsultation beteiligen. Die Ergebnisse der Befragung werden zusammengefasst und im kommenden Jahr im CFS beraten, um daraus das Arbeitsprogramm des Gremiums abzuleiten. (siehe http://www.fao.org/cfs/cfs-hlpe/en/)

HINTERGRUND: Die Agenda 2030

Die Agenda 2030 bezeichnet die im Jahr 2015 neu definierten Ziele nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen. Dabei handelt es sich um 17 Ziele für nachhaltige soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung, welche die Weltgemeinschaft bis 2030 erreichen will.

Die Bekämpfung von Hunger und Armut zählen ebenso zu den Zielen wie Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, gesicherte Wasserversorgung, saubere Energie oder Schutz der Artenvielfalt. Das Thema Ernährungssicherung ist eng mit vielen der Ziele verbunden. Festgelegt ist auch, wann ein Ziel als erreicht gilt. (siehe http://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/)

HINTERGRUND: Forschungszentrum für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme an der Universität Hohenheim

Die Sicherung der globalen Ernährung stellt einen der drei Forschungsschwerpunkte an der Universität Hohenheim dar. Das Forschungszentrum für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme (GFE) an der Universität Hohenheim verbindet Forschungsthemen wie nachhaltige landwirtschaftliche Produktionssysteme, Qualität und Verfügbarkeit von Lebensmitteln, Zugang zu den Märkten sowie Verarbeitung, Lagerung und Nutzung von Lebensmitteln. Ein besonderer Fokus liegt auf der entwicklungsorientierten Agrarforschung.

Text: Barsch / Klebs

Kontakt für Medien:

Alicia Kolmans, Universität Hohenheim, Forschungszentrum für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme,
T 0711 459-23201 E alicia.kolmans@uni-hohenheim.de

Carolin Callenius, Universität Hohenheim, Forschungszentrum für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme,
T 0711 459-23472 E carolin.callenius@uni-hohenheim.de

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