Europäisches Symposium „Societal Impact of Pain“ (SIP) 2016

Die Teilnehmer repräsentierten medizinische Forschung und Versorgung, Patientenorganisationen, Krankenkassen, Versicherungen, Pflegeverbände sowie Gesundheits- und Aufsichtsbehörden. In den letzten Jahren unterstützten immer mehr Mitglieder des Europäischen Parlamentes die SIP-Plattform und nahmen die Ziele in ihre parlamentarische Arbeit mit auf – dieses Jahr waren es 20 Parlamentarier, die ihre Zustimmung und Unterstützung, auch als Redner und Moderatoren, kundtaten. Die wissenschaftlichen Inhalte der SIP-Plattform verantwortete die europäische Schmerzgesellschaft EFIC , die als Kooperationspartner die europäischen Patientenorganisationen Pain in Europe (PAE) und Active Citzenship Network (ACN) gewinnen konnte. Das pharmazeutische Unternehmen Grünenthal GmbH war verantwortlich für die finanzielle und logistische Unterstützung. Auch dieses Jahr fand SIP 2016 wieder unter der Schirmherrschaft des italienischen Gesundheitsministeriums statt.

Verabschiedet wurden insgesamt acht Handlungsempfehlungen, die europäische und nationale Politiker auffordern sollen, die Schmerzversorgung zu verbessern:

1. Implementierung der Erfassung des Schmerzgrads im Artikel 8 § 5 der europäischen grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung
2. Etablierung einer EU-Plattform zur gesellschaftlichen Auswirkung von Schmerz
3. Integration von chronischem Schmerz in politische EU-Strategien zu chronischen Krankheiten
4. Sicherstellung, dass die Schmerzversorgung Teil der Krebstherapie und -Rehabilitation ist
5. Initiierung von Strategien, die die Auswirkungen von Schmerz in der Arbeitswelt aufzeigen
6. Implementierung von Maßnahmen zur Berufswiedereingliederung
7. Erhöhung der Investitionen in der Schmerzforschung
8. Priorisierung von Schmerz in der Ausbildung von Mitarbeitern des Gesundheitssystems, Patienten und breiter Öffentlichkeit

Giovanni La Via, Mitglied des Europäischen Parlaments und Leiter des Komitees Umwelt, Gesundheitswesen und Nahrungsmittelsicherheit des EU-Parlaments, bestätigte auf dem SIP 2016, dass er mit einer Reihe von weiteren EU-Parlamentariern an einer schriftlichen Deklaration zum chronischen Schmerz zusammenarbeite. Darin solle unter anderem im Europäischen Referenz-Netzwerk, das in diesem Jahr von der Europäischen Kommission eingerichtet wird, auch ein Netzwerk für Kompetenzzentren der Schmerztherapie gefordert werden. Alfred Sant, ehemaliger Ministerpräsident von Malta und jetziges Mitglied des EU-Parlaments, beglückwünschte die Teilnehmer zu ihrem Symposium und lud die SIP-Plattform für 2017 ein, das Symposium unter der Schirmherrschaft des maltesischen Ratsvorsitzes der Europäischen Union auf Malta zu veranstalten.

Dr. Leonie Mallmann, Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa), gab zu Bedenken, „die älteren Menschen beim Thema chronischer Schmerz nicht zu vergessen, denn die Schmerzerfassung ist bei ihnen oft aufgrund physischer oder kognitiver Beeinträchtigungen problematisch.“ Vor allem bei Demenzpatienten, deren Anzahl kontinuierlich steige, greife die normale Schmerzerfassung nicht, die Pflegekräfte seien auf genaue Beobachtung angewiesen, die aber viel Zeit und mehr Personal benötige, so Mallmann.

Qualitätsindikatoren für Schmerz (neu) definieren
In der Arbeitsgruppe „Schmerz als Qualitätsindikator der Gesundheitsversorgung“ diskutierten die Teilnehmer, dass eindeutige Indikatoren für die Schmerzmessung fehlen. Diese seien aber entscheidend, um beispielsweise Anspruch auf medizinische Versorgung im Rahmen der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung zu haben, betonte Prof. Dr. Bart Morlion, gewählter EFIC-Präsident. Prof. Dr. Winfried Meissner, Universitätsklinikum Jena, plädierte dafür, funktionelle Einschränkungen als Qualitätsindikatoren für eine gute Schmerzversorgung zu verwenden, beispielsweise ob der Schmerz an der Mobilisierung, am Schlaf, am Luftholen oder Husten hindere. „Diese können ebenso wie die Schmerzintensität mit einfachen Fragen erhoben werden, beschreiben aber die Auswirkungen des Schmerzes sehr viel besser“, präsentierte Meissner seine Erfahrungen als Projektleiter des europäischen Akut-Schmerz-Registers „Pain Out“. Dr. Hubert Schindler, Referatsleiter Abteilung Gesundheit des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (VDEK) will „die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zu den Qualitätsindikatoren sofort umsetzen, um einen Fragebogen für die Verantwortlichen in Krankenhäusern zur Strukturqualität der Schmerzversorgung in ihren Häusern zu entwickeln und diesen mit den teilnehmenden deutschen Experten abstimmen.“

Schmerz als eigenständige Erkrankung
In der zweiten Arbeitsgruppe „Chronischer Schmerz: eine Krankheit oder ein Symptom?“ wurde festgestellt, dass der chronische Schmerz nach wie vor nicht als eigenständige Erkrankung, sondern als Symptom angesehen wird. „Die Diskussion, dass der Schmerz eine eigenständige Erkrankung ist, muss unbedingt weitergeführt werden“, konstatierte Prof. Dr. Dr. Thomas R. Tölle, Technische Universität München. „Es gibt neurobiologische Veränderungen, die belegen, dass ein akuter Schmerz in die Erkrankung chronischer Schmerz führen kann. Auch die Berichte der Patienten bestätigen, dass anders als der akute Schmerz der chronische Schmerz für sie einen echten, eigenständigen Krankheitswert entwickelt hat“. Tölle ist sich sicher, dass die Aktualisierung der ICD(International Classification of Diseases)11, die dieses Jahr von der Weltgesundheitsorganisation diskutiert wird, den chronischen Schmerz als Krankheit enthalten und dieser somit endlich institutionalisiert wird.

Weitere Themen: Schmerzen bei Krebserkrankungen und Reintegration am Arbeitsplatz
Neben den Ergebnissen dieser beiden Arbeitsgruppen waren auch die Resultate der anderen Arbeitsgruppen „Relevanz der Schmerzen in der Krebstherapie und –rehabilitation“ und „Schmerz, Rehabilitation und Wiedereingliederung von Arbeitnehmern“ Bestandteil der acht verabschiedeten Handlungsempfehlungen. Auch in diesen beiden Bereichen gibt es nach wie vor Defizite, die es gilt zu beseitigen. So haben mehr als 70% der Krebspatienten Schmerzen3, deshalb sollte ein effektives Schmerzmanagement unbedingt Teil der Krebstherapie und Palliativmedizin sein. Muskoskelettaler Schmerz verursacht mehr als 50% der Arbeitsunfähigkeit von mindestens drei Tagen und 60% der Berufsunfähigkeit in der EU.2 Für diesen Bereich wurden unter anderem mehr Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Schmerzpatienten in die Arbeitswelt gefordert.

Dr. Alberto Grua, Mitglied der Geschäftsführung der Grünenthal-Gruppe, resümierte: „Wir müssen uns die Zeit nehmen, die vielen verschiedenen Akteure und Interessensgruppen an einem Tisch zu versammeln und allen, insbesondere den Patienten zuzuhören. Die Mannigfaltigkeit der Präsentationen und die Qualität der Arbeitsgruppen haben mich beeindruckt, nun ist es wirklich Zeit, für Veränderungen.“

Über die internationale Plattform Societal Impact of Pain (SIP)
„Societal Impact of Pain“ (SIP; die gesellschaftlichen Auswirkungen von Schmerz) ist eine internationale, multi-Stakeholder Plattform, gegründet in 2010, mit dem Ziel Aufmerksamkeit zu schaffen für die Relevanz der Auswirkungen von Schmerz auf unsere Gesellschaft, Gesundheits- und Wirtschaftssysteme sowie Information und Erfahrungen zwischen den Europäischen Mitgliedsstaaten auszutauschen und europäische und nationale Strategien für politische Maßnahmen und Aktionspläne für eine verbesserte Schmerzversorgung in Europa zu entwickeln. Die Plattform bietet daher eine Diskussionsmöglichkeit für Vertreter des Gesundheitssystems, Schmerzorganisationen, Politiker, Krankenkassen, Versicherungen und Vertretern von Gesundheits- und Aufsichtsbehörden. Mehr als 240 internationale und nationale Patientenorganisation, wissenschaftliche Fachgesellschaften und Verbände unterstützen das Ziel der früheren SIP-Symposia. Die Ziele des diesjährigen SP-Symposiums unterstützten 160 Schmerzorganisation und wissenschaftliche Verbände. Weitere Informationen unter: www.sip-platform.org.

Über EFIC
Der europäische Schmerz‐Dachverband EFIC® (European Federation of IASP Chapters®) ist eine multidisziplinäre Fachorganisation im Bereich der Schmerz‐Wissenschaft und Medizin und besteht aus 36 Ländern („Chapters“) der Internationalen Schmerz‐Gesellschaft IASP® (International Association for the Study of Pain). Der 1993 gegründete Verband repräsentiert rund 20.000 Wissenschaftler, Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Psychologen und weitere Gesundheitsexperten aus ganz Europa mit dem Ziel, die heutige Schmerztherapie in Europa zu verbessern. Weitere Informationen unter www.efic.org.

Über Grünenthal
Die Grünenthal Gruppe ist ein unabhängiges, international tätiges, forschendes Pharmaunternehmen in Familienbesitz mit Konzernzentrale in Aachen. Wir sind ein unternehmerischer Spezialist, der den Patienten echten Nutzen bringt. Durch unsere nachhaltige Investition in Forschung und Entwicklung über dem Branchendurchschnitt verpflichten wir uns der Innovation, um medizinische Versorgungslücken zu schließen und nutzenbringende Produkte auf den Markt zu bringen. Grünenthal ist ein Unternehmen mit vollständig integrierter Forschung und Entwicklung; wir verfügen über langjährige Erfahrung in innovativer Schmerzbehandlung und der Entwicklung modernster Technologien für den Patienten. Die Grünenthal Gruppe ist in insgesamt 32 Ländern mit Gesellschaften in Europa, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten vertreten. Grünenthal-Produkte sind in mehr als 155 Ländern erhältlich und knapp 5.300 Mitarbeiter arbeiten weltweit für die Grünenthal Gruppe. Der Umsatz 2015 betrug 1,2 Mrd. €. Weitere Informationen unter: www.grunenthal.com.

Quellen:
1. Breivik H. Survey of chronic pain in Europe: prevalence, impact on daily life, and treatment, European Journal of Pain 2006; 10 (4): 287-333
2. Fit for Work Foundation, Reducing Temporary Work Absence Through Early Intervention: The case of MSDs in the EU, 2013.
3. Breivik H et al. Cancer-related pain: a pan-European survey of prevalence, treatment, and patient attitudes. Ann Oncol. 2009 Aug;20(8):1420-33. doi: 10.1093/annonc/mdp001. Epub 2009 Feb

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