Europäische Immunbiologen und Komplementforscher treffen sich in Jena

Der Medizin-Nobelpreisträger Paul Ehrlich beschrieb das Komplementsystem als wichtiges Element der angeborenen Immunantwort erstmals vor über 100 Jahren. Fehlfunktionen und Defekte in dem sehr komplexen Komplementsystem sind an einer ganzen Reihe von Erkrankungen beteiligt. In den vergangenen Jahren entwickelte sich daher ein eigenständiges, interdisziplinäres Forschungsgebiet, in dem Immunbiologen, Mikro- und Molekularbiologen, und Mediziner eng zusammenarbeiten. Neue Erkenntnisse der Grundlagenforschung konnten auf diese Weise schnell in klinischen Studien überprüft werden. So wurde es möglich neue Therapiekonzepte für bis dahin oft nicht behandelbare Erkrankungen zu entwickeln und umzusetzen.

Das Komplementsystem ist ein hochkomplexes Netzwerk aus immunologisch aktiven Proteinen, die sich gegenseitig aktivieren und miteinander kommunizieren. Vor allem im Kindesalter ist es für die Abwehr von Infektionserregern verantwortlich. Außerdem erhält das Komplementsystem im menschlichen Organismus das zelluläre Gleichgewicht, die so genannten Homöostase, aufrecht. Bereits geringfügige Veränderungen einzelner Bestandteile verändern die empfindliche Balance zwischen Infektabwehr und Homöostase und können zu lebensbedrohenden Erkrankungen führen. Ein Beispiel ist das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), eine schwerwiegende Nierenerkrankung. HUS kann unter anderem durch den EHEC-Erreger ausgelöst werden, dessen Toxin das Komplementsystem aus dem Gleichgewicht bringt.

„Mit dem internationalen Treffen in Jena wollen wir eine Brücke zwischen der Grundlagenforschung und neuen klinischen Ansätzen schaffen“, sagt Prof. Dr. Peter F. Zipfel, stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut – und einer der Organisatoren des Meetings. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen PD Dr. Christine Skerka und Dr. Teresia Hallström vom gleichen Institut organisiert er die Fachkonferenz in enger Zusammenarbeit mit Medizinern des Universitätsklinikums Jena (UKJ).

Ein wichtiges Thema wird die Diskussion der EHEC-Epidemie in Norddeutschland im Mai 2011 sein. Dort kam es durch den Verzehr von verseuchten Bockshornklee-Sprossen aus Ägypten zur komplementvermittelten Erkrankung HUS und zu Todesfällen. Nach Angaben von Prof. Dr. Gunter Wolf vom UKJ werden die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Epidemie intensiv aufgearbeitet. Prof. Dr. Reinhard Burger, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, wird die Erfahrungen der Bundesbehörde zusammenfassen. Die Sicht des Nephrologen in der klinischen Praxis wird Prof. Dr. Ulrich Wenzel vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf darstellen. In Hamburg, wo die meisten EHEC-Patienten eingeliefert wurden, wurde erstmals ein Inhibitor des Komplementsystems als neue Therapie gegen HUS eingesetzt. Die innovative Behandlungsstrategie führte dazu, dass diese Patienten zwei Jahre nach ihrer lebensbedrohlichen Erkrankung weitgehend genesen sind und eine sehr hohe Lebensqualität haben.

Prof. Zipfel liegt auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses am Herzen: „Wir freuen uns sehr, neben vielen renommierten Experten insbesondere talentierten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Gelegenheit zu bieten, ihre neuesten Forschungsarbeiten vorzustellen und ihre eigene Karriere zu fördern. Einen Anreiz hierfür bilden die vom Europäischen Komplement-Netzwerk und der Kongressagentur Conventus ausgelobten Preise für die besten Poster und Vorträge.“

Kongress-Homepage: www.emchd2013.org

Informationen zum HKI
Das Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut – wurde 1992 gegründet und gehört seit 2003 zur Leibniz-Gemeinschaft. Die Wissenschaftler des HKI befassen sich mit der Infektionsbiologie human-pathogener Pilze. Sie untersuchen die molekularen Mechanismen der Krankheitsauslösung und die Wechselwirkung mit dem menschlichen Immunsystem. Neue Naturstoffe aus Mikroorganismen werden auf ihre biologische Aktivität untersucht und für mögliche Anwendungen als Wirkstoffe zielgerichtet modifiziert.
Das HKI verfügt über fünf wissenschaftliche Abteilungen, deren Leiter gleichzeitig berufene Professoren der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) sind. Hinzu kommen mehrere Nachwuchsgruppen und Querschnittseinrichtungen mit einer integrativen Funktion für das Institut, darunter das anwendungsorientierte Biotechnikum als Schnittstelle zur Industrie. Gemeinsam mit der FSU betreibt das HKI die Jena Microbial Resource Collection, eine umfassende Sammlung von Mikroorganismen und Naturstoffen. Zur Zeit arbeiten mehr als 300 Personen am HKI, darunter 110 Doktoranden.
Das HKI ist Initiator und Kernpartner großer Verbundprojekte wie der Exzellenz-Graduiertenschule Jena School for Microbial Communication, des Sonderforschungsbereiches/Transregio FungiNet, des Zentrums für Innovationskompetenz Septomics sowie von InfectControl 2020 – Neue Antiinfektionsstrategien, einem Vorhaben im BMBF-Programm Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation.

Informationen zur Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 86 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an.
Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen – u.a. in Form der WissenschaftsCampi – , mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam.
Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 17.000 Personen, darunter 7.900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,5 Milliarden Euro.

Ansprechpartner
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Wissenschaftliche Organisation
Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie e. V.
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Adolf-Reichwein-Straße 23
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