„Es ist normal, unterschiedlich zu sein“ – Interview zum Tag der Menschen mit Behinderung (3.12.)

Am 3. Dezember ist der „Internationale Tage der Menschen mit Behinderung“. Ist solch ein Jahrestag aus Ihrer Sicht überhaupt sinnvoll?

An diesem Tag wird darauf aufmerksam gemacht, dass es normal ist, unterschiedlich zu sein. Das ist gut und richtig. Aber man meint auch leicht zu wissen, wer „die Behinderten“ sind, wenn man zu oberflächlich guckt. Das ist die Gefahr. Dabei sind „Menschen mit Behinderung“ keine einheitliche Gruppe.

Was meinen Sie damit?

Tatsächlich sind sie so vielfältig wie der Rest der Bevölkerung. Sie sind Frauen und Männer, jung oder älter, haben verschiedene Vorlieben oder Gewohnheiten. Bei manchen ist die Beeinträchtigung erst im Lebensverlauf aufgetreten, andere sind mit einer Einschränkung geboren. Es ist wichtig, nicht nur an Blindheit, Gehörlosigkeit oder damit verbundenes Anderssein zu denken, sondern an Menschen mit diesen oder anderen Beeinträchtigungen und ihre jeweiligen Lebenslagen und Lebenschancen.

Sie leiten bereits zum dritten Mal den wissenschaftlichen Beirat für den Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Wie weit ist denn Deutschland, was Teilhabe angeht?

Ein Schutz vor Benachteiligung ist schon im Grundgesetz festgeschrieben und es gibt viele Leistungen der Eingliederungshilfe. Als die UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren ratifiziert wurde, hat Deutschland sehr schnell unterzeichnet. Man dachte vermutlich, alles sei ja vorbildlich. Als dann aber überprüft wurde, welche Chancen auf Teilhabe an der Gesellschaft im Alltag bestehen, zeigte sich, dass trotz der Gesetze einiges an Benachteiligung existiert, also Beeinträchtigungen mit Benachteiligung verbunden sind.

Zum Beispiel?

Wer in die Statistiken schaut, sieht beispielsweise die schlechteren Chancen auf einen Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigungen. Es genügt dabei nicht, auf angebotene Maßnahmen wie Beschäftigungsquoten zu schauen. Man muss auch sicherstellen, dass sie wirken. Übrigens sind deutlich mehr Menschen von Behinderung betroffen, als in offiziellen Statistiken erfasst werden, die nur die Personen mit Schwerbehindertenausweis zählen. In der Wissenschaft rechnen wir mit etwa 18 statt den amtlich anerkannten rund neun Prozent der Bevölkerung.

Ist es frustrierend, Teilhabeberichte zu veröffentlichen, die immer wieder zeigen, dass vieles im Argen liegt?

Ich begreife das als wissenschaftliche Aufgabe. Wir liefern Informationen für notwendige Umgestaltungen. Wir können durch Analysen nachweisen, wo Hindernisse sind, welche Personengruppen besonders betroffen sind, an welchen Punkten Entwicklungschancen bestehen und welche Stellschrauben man drehen kann. Das finde ich eher beflügelnd als frustrierend.

Forschen Sie an Ihrem Lehrstuhl an der TUM an solchen Stellschrauben?

Genau. Dabei arbeiten wir meistens mit partizipativen Methoden. Das heißt, die Menschen, um die es jeweils geht, sind beteiligt als aktive Partnerinnen und Partner im Forschungsprozess. Gerade beschäftigen wir uns zum Beispiel mit der Aufgabe, eine bessere Gesundheitsvorsorge für Bewohnerinnen und Bewohner in Einrichtungen der Behindertenhilfe zu entwickeln. Das Präventionsgesetz fordert das, aber die Krankenkassen, die Geld dafür bereitstellen, wissen oft nicht, wie man diese Bevölkerungsgruppe richtig erreicht.

Was haben Sie herausgefunden?

Wir wissen nun beispielsweise, dass sich Menschen mit Beeinträchtigungen auch sehr für ihre Gesundheit interessieren und gerne entsprechende Angebote nutzen würden, am liebsten in Vereinen in ihrer Gemeinde. In einem anderen Projekt haben wir Bewegungsprogramme für ältere Menschen mit geistigen Behinderungen entwickelt und erprobt.

Wie sehen Sie die Rolle der Diversitätssoziologie an einer Technischen Universität?

An der TUM ist man seit langem aufmerksam für die Wechselwirkungen von Technologien und Gesellschaft. Dazu gehört auch sozialwissenschaftliche Forschung. Technologien werden von und für Menschen gestaltet. Das kann auf sehr unterschiedliche Weisen und mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen geschehen. Deswegen ist Aufmerksamkeit für Vielfalt sehr wichtig und die Suche nach gesellschaftlicher Teilhabe eine Verantwortung, die auch Wissenschaft übernehmen muss. Hier kommt die Diversitätssoziologie ins Spiel.

Wie arbeiten Sie mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen?

Wir diskutieren zum Beispiel mit Kolleginnen und Kollegen aus der Architektur, wie eine gesunde Stadt aussehen muss und wie sich Barrieren vermeiden lassen. In einem anderen Projekt überlegen wir mit der Medizintechnik, wie passgenau und preisgünstig Prothesen aus dem 3D-Drucker entstehen können, beispielsweise in afrikanischen Ländern. Wir können mit einem Befähigungskonzept herausfinden, wie Informationen gestaltet sein müssen oder die Betroffenen am besten erreicht werden.

Mehr Informationen:

Lehrstuhl für Diversitätssoziologie: https://www.sg.tum.de/diversitaetssoziologie/

Zweiter Teilhabebericht der Bundesregierung: https://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/a125-16-teilhabebericht.html

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Elisabeth Wacker
Technische Universität München
Lehrstuhl für Diversitätssoziologie
Tel: +49 (89) 289 – 24460
elisabeth.wacker@tum.de

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