Endokrinologen raten zu Vorsicht: Neue Medikamente zur Gewichtsabnahme in den USA zugelassen

In den letzten Jahrzehnten mussten immer wieder Appetitzügler wegen erheblicher Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Im Oktober 2008 entschied die Europäische Arzneimittelkommission, die Zulassung von Acomplia® (Wirkstoff: Rimonabant) ruhen zu lassen, da es schwere psychische Krisen bis hin zu Selbstmordgedanken auslösen kann. Reductil® (Wirkstoff: Sibutramin) wird wegen erheblicher Risiken für Herz und Kreislauf seit 2010 nicht mehr eingesetzt. In Deutschland ist derzeit nur noch Xenical® verfügbar. „Dessen Wirkstoff Orlistat hemmt die Fettverdauung im Darm und senkt dadurch die Kalorienzufuhr“, erläutert Professor Dr. med. Dr. h.c. Helmut Schatz, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie aus Bochum: „Das Mittel hat sich als sicher erwiesen, ist aber wegen seiner abführenden Wirkung nicht sehr beliebt.“

In den USA können Ärzte jetzt zwei neue Medikamente einsetzen. Ende Juni wurde Belviq® zugelassen, drei Wochen später folgte Qsymia® (Qnexa). Der Belviq®-Wirkstoff, ein Serotonin 2C-Rezeptor-Agonist, aktiviert im Gehirn Nervenzellen, die den Appetit hemmen. Als Nebenwirkungen können Kopfschmerzen, Übelkeit und Verstopfung auftreten. Qsymia® ist eine Kombination aus zwei bekannten Wirkstoffen, Phenteramin und Topiramat. „Bei diesen bereits seit längerer Zeit für andere Krankheitsbilder eingesetzten Medikamenten wurde als Nebenwirkung eine Gewichtsabnahme beobachtet“, berichtet Professor Schatz. Der Effekt ist allerdings begrenzt. In den klinischen Studien erhielten die Teilnehmer Qsymia® diätunterstützend und nahmen etwa zehn Prozent des Körpergewichts ab. „Beide Wirkstoffe sind nur bei Fettleibigen zugelassen, deren Body-Mass-Index über 30 angestiegen ist“, erläutert Professor Schatz. Der BMI errechnet sich aus Gewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße zum Quadrat. „Wenn zusätzliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck, ein Diabetes oder hohe Cholesterinwerte vorliegen, ist ein Einsatz bereits ab einem BMI von 27 erlaubt“, ergänzt der Bochumer Hormonexperte.

„Diese Wirkstoffe sind keine Lifestyle-Medikamente, die eine schnelle Gewichtsabnahme ohne Diät ermöglichen“, mahnt Professor Schatz. Er weist auch auf die Risiken und Nebenwirkungen hin: Qsymia® beschleunigt den Herzschlag. Wenn es Frauen trotz strenger Kontraindikation während der Schwangerschaft einnehmen, besteht zudem für das ungeborene Kind ein Risiko, mit einer Lippen- oder Gaumenspalte zur Welt zu kommen. Belviq® (Lorcaserin) habe in Tierversuchen Krebs ausgelöst, was sich aber glücklicherweise in den klinischen Studien nicht bestätigte.

„Bei den ersten Medikamenten dieser Art, die jetzt nicht mehr erhältlich sind, traten die Risiken erst zutage, als diese schon längere Zeit auf dem Markt waren“, berichtet Professor Schatz: „Deshalb ist bei neuen Medikamenten zur Gewichtsreduktion Vorsicht geboten.“ Ein mahnendes Beispiel sei das unter dem Namen Mediator® bekannte Präparat mit dem Wirkstoff Benfluorex. Trotz bekannter Risiken war es in Frankreich bis 2009 zugelassen. Nach Schätzungen sind während dieser Zeit 1300 Menschen, die Mediator® einnahmen, an Herzklappenfehlern gestorben. Weitere 3000 Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Im Mai 2012 begann in Frankreich ein Prozess gegen den Hersteller, der Mediator® als „Diabetes-Medikament“ vertrieb, obwohl die schädigenden Effekte bekannt waren. Das Urteil steht noch aus. In Deutschland war dieses Medikament nie zugelassen.

Literatur:

(1) DGE-Blog-Beitrag vom 5. Juli 2012: Gute und weniger gute Nachrichten im Kampf gegen Adipositas und Diabetes
(2) DGE-Blo-Beitrag vom 5. März 2012: Anti-Obesitas-Medikament Qnexa von dem FDA Advisory Board zur Zulassung empfohlen

Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Hormone werden von endokrinen Drüsen, zum Beispiel Schilddrüse oder Hirnanhangdrüse, aber auch bestimmten Zellen in Hoden und Eierstöcken, „endokrin“ ausgeschüttet, das heißt nach „innen“ in das Blut abgegeben. Im Unterschied dazu geben „exokrine“ Drüsen, wie Speichel- oder Schweißdrüsen, ihre Sekrete nach „außen“ ab.

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