Empfehlungen zum Corona-Krisenmanagement im Gesundheitswesen

Die wichtigsten Empfehlungen:

• Empfehlung 1:
Nach Schweregraden bedarfsgerecht versorgen, keine Kapazitäten blockieren
Um einen erhöhten Anstieg der Neuerkrankungen zu bewältigen, ist konsequent auf eine bedarfsgerechte Versorgung zu achten. Hierzu gehören neben der Bereitstellung von Intensivbetten mit Beatmungsgeräten zusätzliche Überwachungs- und Beatmungskapazitäten für schwere, aber nicht intensivpflichtige Fälle jenseits der Intensivstation. Die Entscheidung über die Zuordnung der Patienten muss von den Ärztinnen und Ärzten vor Ort medizinisch vollständig eigenverantwortlich getroffen werden.

• Empfehlung 2:
Ausrüstungsreserven identifizieren, Produktion priorisieren, Zuteilung zentral koordinieren
Um die Krankenhäuser mit ergänzenden Beatmungsgeräten auszustatten, sollten bestehende Reserven aktiviert werden. Die Bestandsaufnahme sollte die Bundeswehr und den Katastrophenschutz einbeziehen und auch medizinisches Material erfassen, das für den Schutz von Ärzteschaft und Pflegekräften benötigt wird. Mit Blick auf die Herstellung solcher Produkte sollte während der Zeit der akuten Krise das Vergaberecht ausgesetzt werden. Bei der Zuordnung von Beatmungsgeräten ist eine zentrale Koordination sinnvoll.

• Empfehlung 3:
Bürokratie vollständig aussetzen, verantwortungsvoll lokale Lösungen finden
Um schnelles Handeln zu ermöglichen, ist für die Zeit der akuten Hochphase der Pandemie jegliche hemmende Bürokratie durch Vorgaben rund um die Betreuung von CoviD-Patienten auszusetzen. Ärzte vor Ort sollten grundsätzlich ausschließlich anhand medizinischer Kriterien entscheiden können, wie und mit welchen Ressourcen die Behandlung vorgenommen wird. Die Einhaltung arbeitszeitrechtlicher Vorgaben darf die Versorgung nicht behindern, sie sollten für das Krankenhauspersonal befristet ausgesetzt werden.

• Empfehlung 4:
Budgetsicherheit für Krankenhäuser gewährleisten
Um die für die Behandlung schwerer Krankheitsverläufe notwendigen Kapazitäten freizuschaufeln, sollten Krankenhäuser geplante, medizinisch nicht unmittelbar notwendige so genannte elektive Eingriffe zeitlich verschieben. Um drastische wirtschaftliche Einbußen zu verhindern, sind kurzfristig liquiditätsstützende Maßnahmen für Krankenhäuser nötig. Zudem sollten die entstandenen Kosten für über Leasingfirmen eingesetztes ärztliches und pflegerisches Personal in voller Höhe refinanziert werden.

• Empfehlung 5:
Ruhendes Personal aktivieren, Personalressourcen umlenken, Laienreserve ertüchtigen
Um die Versorgungskapazität in der akuten Krisenphase zu erhöhen, sollten sämtliche Personalreserven soweit wie möglich aktiviert werden. Teilzeitkräfte könnten vorübergehend zu Vollzeit animiert und Eltern aus der Elternzeit reaktiviert werden. Fachkräfte aus anderen Bereichen, Personal aus Rehabilitationskliniken sowie derzeitige Medizinstudierende könnten in der intensivmedizinischen Betreuung unterstützend eingesetzt werden. Denkbar ist zudem die Einrichtung eines Freiwilligendienstes.

• Empfehlung 6:
Transparenz über lokale Ressourcen schaffen, Engpässe frühzeitig identifizieren
Um in Echtzeit auf lokaler Ebene das Angebot von und den Bedarf an Ressourcen identifizieren zu können, sollten alle Leistungserbringer eine zentrale Plattform nutzen. Neben Intensiv- und Beatmungskapazitäten müssen Geräte, Laborkapazitäten, wichtige Engpassartikel und Personalressourcen ebenso erfasst werden wie geheilte Mitarbeiter. Ebenso zu erfassen ist der Ressourcenverbrauch, vor allem die Anzahl der hospitalisierten Corona-Patienten und der jeweilige Anteil der intensivpflichtigen Patienten.

• Empfehlung 7:
Keine Vollbremsung der Volkswirtschaft provozieren An der Strategie, dem akuten Anstieg der Neuerkrankungen durch das Unterbinden von Sozialkontakten die Spitze zu brechen, führt kein Weg vorbei. Aber weder lässt sich eine lang anhaltende Vollbremsung der Volkswirtschaft durchhalten, noch wäre ohne die Immunisierung der Bevölkerung ein dauerhaft stabiler Zustand erreicht. Die Strategie, in langsamem Tempo eine „Durchseuchung“ der Bevölkerung zuzulassen, muss jedoch mit Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen verbunden werden.

Zu den derzeit notwendigen Maßnahmen im Gesundheitswesen sagt RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky: „Es geht jetzt kurzfristig darum, die zu erwartenden Entwicklungen auf der Angebots- und Nachfrageseite fortlaufend und bis hinunter in die kommunale Ebene abzuschätzen und dadurch vorausschauend zentrale Stellschrauben sowie etwaige Engpässe zu identifizieren. Auf diese Weise wird das deutsche Gesundheitssystem bestmöglich durch die zu erwartende Herausforderung kommen.“ RWI-Präsident Christoph M. Schmidt ergänzt zur Gesamtsituation: „Im Zentrum des Krisenmanagements stehen jetzt vor allem die Gesundheitsversorgung und der Versuch, dem akuten Anstieg der Neuerkrankungen durch das Unterbinden von Sozialkontakten die Spitze zu brechen. In der aktuellen Situation halte ich es aber für richtig, dass die Bundesregierung den Rest der Volkswirtschaft nicht aus dem Auge verliert und den Unternehmen nach dem Prinzip, Liquidität geht vor Rentabilität‘ kurzfristige und umfassende Unterstützung zugesagt hat.“

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Ihre Ansprechpartner/in dazu:

Sabine Weiler (Kommunikation), Tel.: (0201) 81 49-213

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Dieser Pressemitteilung liegt die RWI Position „Corona-Krisenmanagement im Gesundheitswesen – Kernpunkte einer Strategie zum Umgang mit SARS-CoV-2“ zugrunde. Sie kann unter http://www.rwi-essen.de/publikationen/rwi-positionen/ oder im Anhang dieser Pressemitteilung als pdf-Datei heruntergeladen werden. Über die Inhalte der Position berichtet die „Rheinische Post“ heute unter der Überschrift „Sieben-Punkte-Plan des RWI gegen den Gesundheitskollaps“.

Originalpublikation:
http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-positionen/pos_076_corona-krisenmanagement_im_gesundheitswesen.pdf

Weitere Informationen:

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