Einleiten oder abwarten? Studiengang Hebammenkunde gewinnt Hochschulpreis der EHB

In diesem Jahr geht der begehrte mit 800 EUR dotierte Hochschulpreis an Kerstin Müller, Absolventin des dualen Studiengangs Hebammenkunde, für die überzeugende Präsentation ihrer Abschlussarbeit mit dem Thema: „Outcome bei Terminüberschreitung bei physiologischer Schwangerschaft – Abwartendes Verhalten im Vergleich zur Geburtseinleitung.“ Am Donnerstag, 22. November 2018, setzte sie sich im Audimax der Hochschule gegen ihre Mitbewerber_innen auf dem Podium durch. Alle sechs Vorträge der nominierten Absolvent_innen aus den BA-Studiengängen zeichneten sich durch eine hohe Qualität aus. Dennoch war die Entscheidung der Jury eindeutig: Die Referentin Kerstin Müller überzeugte klar durch einen gut strukturierten, wissenschaftlich fundierten und trotz der Komplexität des Themas, lebendigen Vortrag.

Kerstin Müller untersuchte in ihrer Forschungsarbeit die gängige Praxis der Geburtseinleitung unter Berücksichtigung von mütterlichem und kindlichem Outcome. Sie stellte die Frage, ob die medizinisch indizierte Geburtseinleitung ab der 41. Schwangerschaftswoche wirklich routinemäßig erfolgen muss und tatsächlich dem abwartenden Verhalten vorzuziehen ist. In ihrem Vortrag fokussierte sie dabei auf zwei von insgesamt neun Parameter: die Mortalitätsrate des Kindes und das subjektive Empfinden der Mutter. In beiden Fällen konnte sie in ihrer empirischen Arbeit keinen wirklichen Vorteil zugunsten der Geburtseinleitung analysieren. So konnte die Todesursache der Kinder häufig nicht einzig auf die Terminüberschreitung in der Schwangerschaft zurückgeführt werden, da andere, vorher nicht bekannte Fehlbildungen oder Komplikationen bei der Geburt dazukamen.
Dabei verwies die Autorin auf nicht aktuelle Sekundärdaten zu diesem Thema sowie fragliche risikoarme Studienpopularität. Statistisch hat sich die Zahl der Geburtseinleitungen in den letzten 20 Jahren zwar verdoppelt, die Mortalitätsrate der Kinder blieb aber gleich. Zudem fühlten sich die werdenden Mütter in ihrem subjektiven Erleben bei einer Terminüberschreitung vom Fachpersonal oft verunsichert. Hier sei eine Weiterentwicklung der frauenorientierten Betreuung angezeigt. Im Fazit bestehe daher weiterhin ein großer Bedarf in aktueller qualitativer und quantitativer Forschung. Dabei kommt der Etablierung von Forschung durch Hebammenwissenschaftler_innen eine besondere Bedeutung zu.

Dies betonte auch die Laudatorin, Prof. Dr. Julia Leinweber, die die Arbeit als Gutachterin betreute. Kerstin Müller habe in ihrer Forschungsarbeit eine gute Übersicht der aktuellen Literatur zum Thema „Überschreiten des errechneten Geburtstermins bzw. die Konsequenzen von Interventionen“ erarbeitet. Das Thema sei sehr komplex und es brauche einiges an Statistikverständnis, um die Fachartikel auszuwerten. Kerstin Müller, die nach drei Jahren Hebammentätigkeit in der Praxis noch einmal als Quereinsteigerin einen Bachelorabschluss als Hebamme absolvierte, habe sich von Anfang an als sehr zielstrebig ausgezeichnet und auch bei schwierigen Aufgaben Durchhaltevermögen bewiesen. „Optimale Fürsorge für Mutter und Kind sind das Ziel aller Hebammenarbeit“, schloss Professorin Dr. Leinweber in ihrer Laudatio. „Herauszufinden, wie wir dieses Ziel erreichen, ist die Aufgabe der Hebammenwissenschaft. Ihre Arbeit leistet hierzu einen soliden Beitrag.“

Bereits zum 12. Mal verleiht die Evangelische Hochschule Berlin den „Gräfin von der Schulenburg-Preis“ für die beste Präsentation einer Bachelorarbeit des Jahrgangs. Absolvent_innen aus den sechs BA-Studiengängen der Hochschule stellen sich Jury und Publikum in einem spannenden Contest. Nur zehn knappe Minuten haben sie Zeit, um ihre Arbeiten einem sehr heterogenen Publikum verständlich und unterhaltsam zu präsentieren – eine große Herausforderung angesichts der komplexen wissenschaftlichen Themen, die in ihren Forschungsarbeiten behandelt werden. Seit 2007 findet dies im Rahmen der hochschulweiten Veranstaltung ehb.forscht statt. Im Rahmen des „Gräfin von der Schulenburg-Preises“ ermöglicht die Hochschule dem/der Gewinner_in auch die Online-Veröffentlichung der Forschungsarbeit und damit einem breiten Fachpublikum den Zugang.

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