Ein Spiel kann Leben retten

Schüsse tönen durch die karge Wüstenlandschaft, zwei verwundete Kameraden liegen auf dem Boden. Was auf den ersten Blick wie ein „Ego-Shooter“-Spiel klingt, könnte vielleicht bald eingesetzt werden, um Einsatzersthelferinnen und -helfer B der Bundeswehr – sogenannte „Bravos“ – intensiver auf den Einsatz vorzubereiten. Der große Unterschied zum kommerziellen Actionspiel: Der Fokus liegt nicht auf dem Gefecht, sondern auf der medizinischen Erstversorgung Verwundeter und deren präziser Darstellung – jeder hat nur ein Leben. Wer benötigt zuerst Hilfe?

Sind die Kameraden überhaupt ansprechbar? Ist die Atmung flach? Wie tief ist die Wunde? Wenn kein Sanitätspersonal in der Nähe ist, kümmern sich „Bravos“ um die Versorgung von Verwundeten, müssen sich und ihre Kameradinnen und Kameraden aber gleichzeitig vor weiteren Angriffen schützen, was als sogenannte taktische Verwundetenversorgung bezeichnet wird (engl: Tactical Combat Casualty Care; TCCC). Ihre Arbeit reicht dabei über die Erste Hilfe hinaus, die von jedem Soldaten und jeder Soldatin erwartet wird – sie dürfen zum Beispiel Infusionen legen.

Lernspiel als Trainingsergänzung
Ob sich ein Serious Game – eine spielerische Aneignung von Wissen – als zusätzliche Übung für den Einsatz anbietet, untersuchen Prof. Dr. Axel Lehmann, Institut für Technische Informatik, und Privatdozent Dr. Marko Hofmann, Institut für Technik Intelligenter Systeme, an der Universität der Bundeswehr München im Projekt „SanTrain“ („Simulationsbasiertes sanitätsdienstliches Training“). Fachliches Know-how bringen Oberfeldarzt Dr. Lars Schneidereit und Hauptmann Kevin Röhrborn von der Sanitäts-akademie der Bundeswehr sowie die Sektion Notfallmedizin am Bundes-wehrkrankenhaus Ulm von Prof. Dr. Matthias Helm mit ein. Gefördert wird das gesamte Projekt vom Bundesministerium der Verteidigung. „Wir untersuchen, wie das Spiel aussehen müsste, damit es die Vorbereitung auf den Einsatz sinnvoll unterstützen kann. Attraktiv wäre dies vor allem für die jüngere Generation.

Ein solches Spiel bietet neue Ausbildungmöglichkeiten – nicht als Ersatz, aber als Ergänzung“, erklärt Prof. Lehmann. „Die praktische Ausbildung der Bravos ist leider kostenintensiv. Wenn die Einsatzersthelfer ihr Wissen dann wirklich im Einsatz unter hohem Stress anwenden müssen, sind sie oft über-fordert. Mit einem Lernspiel könnten sie ihr Verhalten im Ernstfall zeit-, ort- und situationsunabhängig üben“, fügt Dr. Hofmann hinzu.

Expertenfeedback ermöglicht realistisches Spiel
Um verschiedene Szenarien der Verwundetenversorgung am PC oder Tablet durchspielen zu können, hat sich das Forscherteam verschiedene Experten mit ins Boot geholt: Der Videospieleentwickler Promotions Software GmbH unter-stützt im Spieledesign, der 3D-Darstellung und in der Umsetzung für mobile Geräte.

Prof. Manuela Pietraß, Professur für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Medienbildung an der Universität der Bundeswehr München, konzipiert mit ihrem Team die mediengerechte Gestaltung des Spiels. Von erfahrenen Soldatinnen und Soldaten sowie Ärztinnen und Ärzten der Bundeswehr erhalten die Wissenschaftler wertvolles Feedback, wie die einzelnen Szenarien militärisch und medizinisch noch realistischer abgebildet werden können. Zusätzlich wird das Spiel auch von Einsatzersthelfern ge-testet und wissenschaftlich in Bezug auf den Lernerfolg evaluiert. So können die Wissenschaftler allen Ansprüchen gerecht werden und den TCCC-Algorithmus der taktischen Verwundetenversorgung im Spiel dement-sprechend weiterentwickeln.

Ernst und Spiel schließen sich nicht aus
Ab welchem Blutdruck wird die Haut blass, wann führt eine Blutung zum Bewusstseinsverlust? Damit die einzelnen Vorgänge im Körper je nach Verletzung und deren Behandlung richtig abgebildet werden, simuliert „SanTrain“ deren Wechselwirkungen in einem komplexen und authentischen Physiologie-Modell. Außerdem berücksichtigt das Spiel verschiedene Lernverhalten und bietet, angelehnt an den menschlichen Ausbilder, Feedbackmöglichkeiten. „Einerseits wollen wir Handlungsprozesse trainieren und Wissen verfestigen, andererseits muss das Spiel aber auch Spaß machen“, so Röhrborn. „Die unterschiedlichen Abläufe im Spiel liefern vielfältige Möglichkeiten, sich zu verbessern und die gestellten Aufgaben zu meistern. Man kann viel ausprobieren. Indem sie verschiedene Szenarien durchspielen, bereiten sich die Einsatzersthelfer auch für Situationen vor, mit denen sie noch nicht konfrontiert wurden. Das Ziel ist, dadurch später im Einsatz grobe Fehler zu vermeiden.“

Zivile Verwendung möglich
Sollte aus der Studie, die noch bis Ende November 2018 an der Universität durchgeführt wird, ein Serious Game für den Einsatz entstehen, wäre dies prinzipiell auch auf die zivile Welt übertragbar und könnte beispielsweise Sanitätspersonal auf eine Soforthilfe im Terrorfall vorbereiten – eine mögliche Anwendung wäre hierbei die Schulung im Umgang mit militärischer Sanitätsausrüstung, die seit September in bayerischen Krankenwägen mitgeführt wird. (Text Eva Olschewski)

Michael Brauns
Pressesprecher
Universität der Bundeswehr München
Tel.: 089/6004-2004
E-Mail: michael.brauns@unibw.de

Scroll to Top