Ehrendoktorwürde entzogen

Im Zuge der Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte der Gießener Klinik für Neurologie hat der Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) dem belasteten Hirnforscher Prof. Dr. Julius Hallervorden posthum die Ehrendoktorwürde entzogen. Die Entscheidung des Fachbereichs erfolgte entsprechend dem Votum des Promotionsausschusses. Hallervorden war wie Prof. Dr. Hugo Spatz, der ebenfalls am Gießener Max-Planck-Institut für Hirnforschung tätig war, in das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten eingebunden. Hallervorden wurde 1962 mit der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs ausgezeichnet, Spatz bekam 1969 die Ehrensenatorenwürde der Universität verliehen. Auch der Entzug der Ehrensenatorenwürde von Spatz durch den Senat der JLU wird in Kürze eingeleitet – zunächst wird sich die Senatskommission Ehrungen damit befassen.

„Das Dekanat des Fachbereichs Medizin hat kein Verständnis dafür, dass die schon damals weitgehend bekannte Vergangenheit der beiden Hirnforscher im Gießen der Nachkriegszeit offenbar keine Rolle spielte“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Weidner, Dekan des Fachbereichs Medizin. JLU-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee fügte hinzu: „Die JLU bekennt sich zu ihrer Verantwortung für die eigene Geschichte und wird auch in Zukunft zur Aufklärung der dunkleren Kapitel ihrer Vergangenheit beitragen.“

Hallervorden und Spatz nutzten während des Zweiten Weltkriegs am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin das „Euthanasie“-Programm, um bei der Obduktion der Opfer Gehirne zu entnehmen und damit eigene Forschungen weiterführen zu können. Ihre Sammlung mit mindestens ca. 700 Hirnschnitten von „Euthanasie“-Opfern brachten sie nach dem Umzug und der Umbenennung des Instituts mit nach Gießen, wo sie enge Beziehungen zur Universität und zum Fachbereich knüpften. Dass diese Beziehungen auch weiterhin Bestand hatten, obwohl das Max-Planck-Institut 1962 nach Frankfurt verlegt wurde, belegen die beiden Ehrungen. Der Entzug der Ehrungen sei überfällig, hieß es übereinstimmend von Präsidium und Dekanat.

Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist eine traditionsreiche Forschungsuniversität, die rund 28.000 Studierende anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und Kulturwissen¬schaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist: Human- und Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittelchemie. Unter den großen Persönlichkeiten, die an der JLU geforscht und gelehrt haben, befindet sich eine Reihe von Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit 2006 wird die JLU sowohl in der ersten als auch in der zweiten Förderlinie der Exzellenzinitiative gefördert (Excellence Cluster Cardio-Pulmonary System – ECCPS; International Graduate Centre for the Study of Culture – GCSC).

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