EHFG-PRÄSIDENT BRAND: EUROPAS GESUNDHEITSSYSTEME MÜSSEN KRISENFEST GEMACHT WERDEN

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der daraus resultierenden Austeritätspolitik auf die Europäischen Gesundheitssysteme und die Gesundheit der Menschen sowie die Dringlichkeit der Förderung resilienter und innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen im Gesundheitsbereich – dies sind einige der zentralen Themen auf der Agenda des European Health Forum Gastein (EHFG), das heute in Bad Hofgastein eröffnet wurde.

„Wie müssen uns fragen, wann der kritische Punkt erreicht ist, an dem Sparprogramme ein Risiko für die Gesundheitsversorgung und die sozialen Sicherheitsnetze darstellen. Die Folgen wachsender Ressourcenknappheit auf das Gesundheitswesen und dessen Potenziale, diesen Herausforderungen durch Strukturreformen und Innovation zu begegnen, werden beim 16. EHFG-Kongress das unausweichliche Leitmotiv sein“, sagte EHFG-Präsident Prof. Dr. Helmut Brand.

Gesellschaftliche Strukturprobleme wie Arbeitslosigkeit, Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt und der damit verbundenen Ängste einer „Generation jobless“, Einkommenseinbußen bei steigenden Lebenserhaltungskosten oder Budgetkürzungen im Bildungs- und Sozialbereich wirken sich negativ auf die Gesundheit der Menschen aus, so Prof. Brand. „In Ländern, die besonders unter der Wirtschaftskrise leiden, ist ein Zusammenhang zwischen einer drastischen Austeritätspolitik und der Verschlechterung des Gesundheitszustandes, der Zunahme psychischer Gesundheitsprobleme oder einer steigenden Rate von Infektionserkrankungen wie HIV besonders deutlich.“

Die Gesundheitssysteme brauchen zwar effizientere und schlankere Strukturen, um die beschränkt verfügbaren Ressourcen bestmöglich auf die Bedürfnisse und das Wohl der Menschen ausrichten zu können, so der EHFG-Präsident. „Aber hier sind innovative Zugänge gefragt. Kürzungen im Spitalsbereich ohne Aufbau adäquater ambulanter Kapazitäten, einschneidende Einsparungen beim medizinischen Personal oder die Einführung bzw. Erhöhung von Patienten-Zuzahlungen vermindern de facto Zugangsmöglichkeiten, Effizienz, Produktivität und Qualität des Gesundheitssystems.“

Im spanischen Katalonien ist etwa in der ersten Jahreshälfte 2011 die Zahl der Operationen um sechs Prozent zurückgegangen, bei gleichzeitigem Anstieg der Wartelisten um 23 Prozent – 17.000 Menschen waren betroffen. In Irland stieg unmittelbar nach Ausbruch der Wirtschaftskrise die Zahl der auf Wartelisten Eingetragenen um neun Prozent.

Kontraproduktive Einsparungen im Personalbereich

Dass unbedachte Sparmaßnahmen dem Gesundheitsbereich Schaden zufügen und langfristig die Kosten erhöhen anstatt zu senken, zeigen etwa Kürzungen im Personalbereich. „In Rumänien hatten massive Gehaltskürzungen um 25 Prozent im Jahr 2010 einen Exodus von etwa 2.500 Ärzten zur Folge. In Bulgarien emigrieren infolge von Eingriffen in die Gehälter des Pflegepersonals mit Kürzungen zwischen zehn und 25 Prozent Jahr für Jahr etwa 1.200 Pflegebedienstete“, so Prof. Brand.

Europas Gesundheitssysteme krisenfest machen

Um auch in Zeiten begrenzter Budgets den aktuellen Anforderungen entsprechen zu können, müssen Europas Gesundheitssysteme dringend krisenfest gemacht werden, wie der EHFG-Präsident betonte. „Gleichzeitig müssen in Zeiten von Wirtschaftskrise, Armut und psychischen Belastungen der Platz und die finanziellen Mittel für Innovationen sichergestellt werden. Investitionen in Gesundheit sind auch Investitionen in das soziale Wohlergehen, den Wohlstand und die wirtschaftliche Entwicklung. In keinem anderen Bereich ziehen die Bürger/-innen mehr direkten Nutzen aus Innovation.“

Drei zentrale Fragen werden die mehr als 550 Teilnehmer/-innen des EHFG in den drei Kongresstagen in diesem Zusammenhang diskutieren, berichtete Prof. Brand: „Was macht Gesundheitssysteme resilient und zugleich innovationsfähig? Was sind die wichtigsten Innovationen, die die Resilienz und Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme fördern? Und wie können politische Entscheidungsträger/-innen diese Innovationen am besten umsetzen?“

Die Sicherstellung resilienter Gesundheitssysteme, die auch für Krisensituationen gerüstet und entsprechend handlungsfähig sind, ist Teil der Tallinn-Charta von 2008, zu der sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet haben. „Demgemäß soll Gesundheitspolitik auf gemeinsamen Werten der Solidarität, Chancengleichheit und Teilhabe basieren, Investitionen fördern sowie Transparenz und die Übernahme von Verantwortung für Leistungen des Gesundheitssystems stärken. Maßgebliche Interessensgruppen sind in die Gestaltung und Umsetzung von Gesundheitspolitik einzubinden“, sagte Prof. Brand.

Eine auf Resilienz und Innovation bedachte Gesundheitspolitik müsse zudem den demografischen und epidemiologischen Wandel, die Strukturveränderungen in der Arbeitswelt und die steigende Nachfrage nach Langzeitpflege berücksichtigen. „Ein gut funktionierendes Sozialsystem kann die Negativfolgen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf den Gesundheitsbereich abfedern. Alle Politikbereiche müssen ihre Vollzüge auf gesundheitlich relevante Implikationen prüfen“, so der EHFG-Präsident.

Neben der Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen und der Frage nach Umsetzung und Finanzierung von Innovationen im Gesundheitsbereich werden in den Plenardebatten des EHFG-Kongresses unter anderem die Notwendigkeit gezielter Investitionen in das Gesundheitssystem, die Rolle psychischer Gesundheit als Basis und Motor einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung und Produktivität, der innovative Bereich mHealth sowie die sogenannten Zivilisationserkrankungen (NCDs) schwerpunktmäßig diskutiert.

„Resiliente und innovative Gesundheitssysteme in Europa“ ist das Motto des diesjährigen EHFG. Mehr als 550 Teilnehmer/-innen aus rund 45 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme.

EHFG Pressebüro
Dr. Birgit Kofler
B&K Kommunikationsberatung GmbH
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