eHealth 2.0 – klinische Versorgung chronisch Kranker

Aesculap Stab, Diabetes

„Aus Sicht des Nephrologen“, so in seiner Einführung Dr. Stefan Becker, Leiter der Kommission Digitale Nephrologie der DGfN und Organisator der Konferenz, „ist die wichtigste Säule in der Diagnostik und Therapie von chronischen Erkrankungen die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, aber auch zwischen den beteiligten Ärzten. Im Rahmen des eigentlichen Therapiemanagements spielen die regelmäßige und korrekte Einnahme der Medikation, Kontrolle von Vitalparametern und nicht zuletzt lebensstiländernde Maßnahmen weitere entscheidende Rollen. Dabei stehen nicht selten Patienten und Ärzte unter dem Eindruck, dass mit den bisherigen Möglichkeiten die angesprochenen Erfordernisse und abgeleiteten Bedürfnisse nicht optimal adressiert werden können.“

Gleichzeitig werde sich die Entwicklung der medizinischen Versorgung, so Becker, über das Internet nicht weniger verändern, als es die Einführung des Smartphones mit unserer Alltagskommunikation gemacht habe. Dies in ethischen Dimensionen zu betrachten, ist nach Meinung von Dr. Bernard Frye, Koorganisator, eine wichtige Aufgabe für Ärzte. Einerseits gewinne der mündige Patient durch die neue Technologie an Autonomie, allerdings könne aber auch der Verlust über die Hoheit seiner Daten die Freiheit einschränken.

Im Zuge des sogenannten „Empowerment“ nutzen Patienten heutzutage zahlreiche neue Wege, um sich zu informieren und die medizinische Versorgung nach Hause zu holen oder unterwegs über Smartphone und Tablet zu organisieren. Dabei steigt die Akzeptanz solcher Systeme zunehmend, insbesondere von Mobilapplikationen. Dr. Oliver Praman, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Medizin- und IT-Recht, Hannover, wies auf die rechtliche Dimension der aktuellen Diskussion um das Thema mHealth hin: „Der Unterschied zwischen Health Apps und Medical Apps ist für Hersteller und Anwender relevant. Das Medizinproduktegesetz gibt die Definition des Medizinprodukts vor, unter welche auch Software fallen kann. Dies gilt es im Einzelfall haftungspräventorisch zu prüfen. Die korrekte Einordnung ist für die Verantwortung des Herstellers, aber auch die des Anwenders entscheidend, wenn die Software im Rahmen der Behandlung eingesetzt werden soll. Ein großer Teil der allgemein erhältlichen Apps unterliegt nicht der Regulation, kann aber dennoch im medizinischen Kontext eingesetzt werden. Bei der Anwendung ist somit darauf zu achten, was die Software laut Herstellerangaben tatsächlich leisten kann und wie sicher sie ist.“ Insbesondere beim Management der Medikation und bei der Implementierung des bundeseinheitlichen Medikationsplans sah Prof. Dr. Prokosch, Medizinische Informatik des Universitätsklinikums Erlangen, enormes Potenzial für mHealth Applikationen: „Allerdings sind die Berücksichtigung der Arbeitsprozesse in Apotheken und Arztpraxen sowie allgemein akzeptierter Lösungen zur Interoperabilität basierend auf internationalen Kommunikationsstandards und eine Einbindung in die im Aufbau begriffene deutsche Telematikinfrastruktur zur intersektoralen Kommunikation entscheidend für die Akzeptanz“.

Die Konferenz bot einen spannenden Überblick über die Möglichkeiten, die sich mit der digitalen Transformation ergeben: Projekte u. a. aus den Bereichen Ernährung, Kindernephrologie, Arzt-Patienten- und Arzt-Arzt-Kommunikation, Diabetes, Sturzvermeidung und Telemonitoring folgten dem Aufruf der DGfN und der ZTG GmbH und bewarben sich um den eHealth Preis 2015. Das Projekt „Basis-Sonographie der Nieren und ableitenden Harnwege im Kindes- und Jugendalter – ein telemedizinisches Konzept zur Verbesserung von Diagnose, Therapie und Qualitätssicherung“ der Kinderklinik Traunstein und der DKD Wiesbaden konnte sich gegen neun weitere Projekte durchsetzen und belegte den ersten Platz der Ausschreibung. Diese Ultraschalluntersuchungen gehören zu den häufigsten im Kindesalter und wird überwiegend von Pädiatern durchgeführt. Die Plattform „Basis-Sonographie“ erlaubt erstens eine für junge ärztliche Kollegen didaktisch wertvolle, strukturierte Befunderfassung und zweitens die anonymisierte Weiterleitung von Befund und Bilddaten an ausgewiesene Konsilärzte. Das vorgestellte Programm basiert auf der Erfahrung von 66000 Screeninguntersuchungen im Rahmen des Wiesbadener Modellprojektes (1989 – 2003). Damit gehört das Projekt deutschlandweit zu den am weitesten entwickelten und am besten evaluierten telemedizinischen Programmen. „Ein solches Projekt hilft fachärztliche Expertise auch in strukturschwachen Bereichen der ganzen Bevölkerung anbieten zu können“ sagte Prof. Dr. Andreas Kribben, Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie in seiner Laudatio.

Die Plätze zwei und drei gingen an eine Gruppe an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, die im Rahmen ihres Projektes „MACSS – Medical Allround-Care Service Solutions“ den Prototyp einer neuartigen patientenzentrierten SmartHealth Service Plattform in Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft, Krankenkassen, Leistungserbringern, Patientenverband und Pharmaindustrie entwickeln möchte, sowie an das spanische Unternehmen HealthMatters, S.L. mit dem Projekt „RenalHelp“: Dieses kombiniert Online-Information zu chronischen Nierenerkrankungen mit Socialmedia Elementen. Insbesondere in Teilen der Welt wie Mittelamerika ohne ausreichende nephrologische Betreuung in der Fläche, stellt dieses Projekt eine interessante Möglichkeit dar, das medizinische Informations- und Beratungsangebot zu ergänzen.
Projekte wie diese sind mittlerweile relevant für Investoren in Deutschland. Dr. Andreas Keck, Syte Institute, Hamburg, berichtete, dass Digital Health Investments in Nordamerika kontinuierlich wachsen und im Jahr 2014 bereits die Schwelle von 6 Milliarden Dollar überschritten hätten. Parallel dazu würden wir eine erhebliche Investitionsdynamik in Asien erleben.

Koorganisator Dr. Bernard Frye vom Nierenzentrum Münsterzieht zieht nach der gelungenen Auftaktveranstaltung eine positive Bilanz: „ Ich freue mich, dass die Veranstaltung so regen Zuspruch erhalten hat. Wir haben gezeigt, wie wichtig es ist, über innovative digitale Versorgungskonzepte interdisziplinär zu diskutieren.“ Karl Heinz Wilbers von der Patientenvereinigung I.G. Niere e.V. sieht für die digitale Nephrologie aus Patientensicht ein echtes Potential, die medizinische Versorgung zu verbessern. Er bemerkt aber, dass „eine echte Beteiligung auch von Patienten bei Entwicklung und Einführung sinnvoll und erforderlich ist für Verstehen und Vertrauen.“ Dass sich in Zukunft nicht nur die Technik verbessert, sondern auch die Gesundheitsversorgung, wird maßgeblich von einem verantwortungsvollen Zusammenspiel der Akteure abhängen.

DGfN Deutsche Gesellschaft für Nephrologie
Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ist die Fachgesellschaft für klinische und wissenschaftliche Nephrologie und bündelt als Dachverband die Interessen aller deutscher Ärztinnen/Ärzte und Wissenschaftler(inne)n mit Interesse an diesem breitgefächerten internistischen Fach, das die Pathogenese, Diagnose und Therapie aller Nierenerkrankungen (hereditär, immunologisch, tubulointestitiell) und Systemerkrankungen mit Nierenbeteiligung (z.B. Lupus e.) umfasst. Weitere Kernbereiche der Nephrologie sind die Versorgung nierentransplantierter Patienten, das akute Nierenversagen, die Dialyse und anderer extrakorporaler Therapieverfahren (Immunadsorption oder Leberersatztherapie), die Behandlung von Elektrolytstörungen und Störungen des Säure-Basen-Haushalts sowie die Hypertonie. Auch das Begleiterkrankungen der chronischen Niereninsuffizienz (Mineral-und Knochenstörungen, Anämie, Neuropathie) sowie Maßnahmen zur Verlangsamung der Progression von Nierenkrankheiten fallen in den Aufgabenbereich von Nephrologen.
http://www.dgfn.eu/aerzte/digitale-nephrologie.html

Kommission Digitale Nephrologie der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie
Die Kommission Digitale Nephrologie möchte für die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie den Prozess der digitalen Transformation begleiten, um bei den beteiligten Institutionen und der Industrie frühzeitig die Interessen der klinischen Nephrologie zu vertreten und Akzente zu setzen. Sie wird durch Dr. Stefan Becker, MBA, Universitätsklinikum Essen und die Vorstandsmitglieder der DGfN Prof. Dr. M. Dominik Alscher, Robert-Bosch-Krankenhaus GmbH, Stuttgart, und Prof. Dr. Andreas Kribben, Universitätsklinikum Essen, geleitet.
http://www.dgfn.eu/aerzte/digitale-nephrologie.html

ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH
ZTG hat sich zum Ziel gesetzt, moderne Informations- und Kommunikationstechnologien in das Gesundheitswesen nutzerorientiert einzuführen und zu verbreiten, um die Versorgungsqualität entlang der steigenden Anforderungen zu stärken. Neben Beratung, Gutachten und Projekten befördert ZTG die wichtige Vernetzung der Marktteilnehmer. Seit ihrer Gründung im Jahre 1999 hat sich das Kompetenzzentrum als feste Instanz im Markt der Gesundheitstelematik etabliert. http://www.ztg-nrw.de

Kontakt:
DGfN Deutsche Gesellschaft für Nephrologie
Bettina Albers
E-Mail:presse@dgfn.eu
ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH
Jenny Beyer
Tel. 0234 / 973517 – 22
E-Mail: j.beyer@ztg-nrw.de

 

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