Bindungsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern von drogenabhängigen Eltern

Drogenabhängige Frauen wünschen sich ebenso eine Familie wie andere junge Frauen. Mangelnde Informationen oder mangelndes Wissen der betroffenen Frauen führt allerdings häufig zu der subjektiven Annahme, nicht schwanger werden zu können. Das Ausbleiben der Menstruation ist ihre „Normalsituation“, eine Kontrazeption scheinbar nicht erforderlich. Eine Schwangerschaft wird aufgrund fehlender Körperwahrnehmung von den Frauen selbst nicht erwartet und erst spät (ab der 20. SSW) bemerkt. Gleichzeitig führt der Drogenkonsum (auch die Substitution) häufig zu Frühgeburten, so dass eine „bewusste“ Schwangerschaft oftmals nur ca. 4 Monate andauert.

Traumata, Bindungsstörungen, Sucht
Das Thema „Drogenkonsum und Elternschaft“ ist in Deutschland kein neues Thema. Geschätzt wird, dass ca. 40 – 60.000 Kinder in Familien aufwachsen, in denen die Eltern substituiert werden oder Drogen konsumieren (Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2007). Wie sich die psychischen, emotionalen und physischen Belastungen der werdenden Mütter auf ihre ungeborenen Kinder auswirken, wird durch die noch relativ junge Disziplin der Neurowissenschaften mehr und mehr hinterfragt.

Als eines der wesentlichsten Themen der neurologischen Studien zeigten sich die Bindungsstörungen, die bei nahezu allen Frauen vorliegen und durch ihre Biographie verursacht sind. Traumata und Traumafolgestörungen liegen ebenfalls bei nahezu allen Frauen vor – insbesondere wenn, wie bei einem großen Teil der drogenabhängigen Frauen, gewaltsame Übergriffe (sexuell, psychisch, körperlich) innerhalb ihrer Familie erfolgten. Traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit mit potentiellen Bindungspersonen, die eigentlich für Schutz und Sicherheit zuständig sind, führen sehr häufig zu der Entwicklung von Bindungsstörungen.

Verhaltensmuster von Bindungsstörungen – wenn Kinder Angst haben oder sich überfordert fühlen
Wenn Kinder im Säuglings- und Kleinkindalter Bindungsstörungen – die Neurologie spricht hier auch von „desorganisierten Beziehungsmustern“ – entwickeln, verhalten sie sich auch als Jugendliche und Erwachsene in Beziehungen oder bindungsrelevanten Situationen auffällig. So zeigen sie zum Beispiel die verschiedenen Verhaltensmuster von Bindungsstörungen wenn sie Angst haben oder sich überfordert fühlen. Sie zeigen weniger prosoziales, mehr aggressives Verhalten in Konfliktsituationen, präsentieren sich mit vielen psychosomatischen Störungen, geraten häufig erneut in Missbrauchs- und Misshandlungssituationen. Als Eltern verhalten sie sich traumatisierend gegenüber ihren Kindern, da sie keine Bindungssicherheit erfahren haben, die sie weitergeben können.

Eine Metaanalyse (van IJzendoorn, M. H., Schuengel, C. & Bakermans-Kranenburg, M.J. (1999). Disorganized attachment in early childhood: Meta-analysis of precursors, concomitants and sequelae. Development and Psychopathology (11 ), 225-249. ) aus 80 Studien mit 6282 Eltern-Kind Dyaden und 1285 als desorganisiert gebunden klassifizierten Kindern ergab unter anderem folgende Ergebnisse: In nichtklinischen Stichproben beträgt der Anteil an Kindern mit desorganisiertem Bindungsmuster 15 Prozent, wobei er in niedrigeren sozialen Schichten je nach Messinstrument zwischen 25-34 Prozent variiert. In klinischen Stichproben zeigen Kinder mit neurologischen Auffälligkeiten zu 35 Prozent desorganisierte Bindungsmuster und Kinder von alkohol- oder drogenabhängigen Müttern zu 43 Prozent.

Hoffnung durch professionelle Begleitung
Eine Schwangerschaft ist auf der anderen Seite aber auch die größte Motivation im Leben drogenabhängiger Frauen, sich aus der Drogenbindung zu lösen – und somit, aus unserer Sicht, eine Möglichkeit, die das Hilfesystem nicht unbeachtet lassen darf. Dies entspricht aber nicht der Realität der Versorgung.

BELLA DONNA hatte sich bereits in den 1990er Jahren dafür eingesetzt, schwangere drogenabhängige Frauen möglichst frühzeitig zu erreichen; ebenso drogenabhängige Mütter mit ihren Kindern. Durch spezifische, konsequent frauenbezogene Angebote konnte dies auch gelingen. Es gab jedoch einerseits insgesamt wenig Erkenntnisse zu einer fachlichen Angebotsgestaltung, andererseits gab es kaum Grundlagen für eine verbindliche und notwendige Zusammenarbeit zwischen der Jugendhilfe und der Drogenhilfe sowie zwischen der Jugendhilfe, Drogenhilfe und der medizinischen Versorgung (niedergelassene GynäkologInnen, KinderärztInnen, Entbindungskliniken und Kinderkliniken).

Diese Situation gab den Anstoß zur Initiierung des Modellprojektes „VIOLA, Ambulante Hilfen für drogenabhängige schwangere Frauen und Frauen mit Kindern“, welches vom Land NRW für eine dreijährige Erprobungsphase von 1997 bis 2001 finanziert wurde. Als Ergebnisse wurden konkrete Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit schwangeren Frauen, Müttern und den Kindern erarbeitet. Den Abschlußbericht finden Sie hier: Abschlußbericht: "Ambulante Hilfen für drogenabhängige schwangere Frauen und Frauen mit Kindern"

Die betroffenen Frauen können ein eindeutiges Verständnis dafür entwickeln, dass es ihren Kindern gut geht, wenn es ihnen gut geht und umgekehrt. Auch drogenabhängige Frauen möchten, genau wie alle anderen Frauen auch, dass es ihren Kindern gut geht. (Martina Tödte/Stefanie Berg 10/2010)

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