Bereits in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren rund acht Millionen Kraftfahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs. Die zunehmende Mobilität hatte viele positive Auswirkungen auf unser Leben und unsere Wirtschaft, aber auch negative Auswirkungen auf die Sicherheit. „Die Zahl der Menschen die bei einem Verkehrsunfall verletzt wurden oder gar starben, nahmen von Jahr zu Jahr zu“, erklärt Dr. Tim Heyne, Vertreter der DIVI im Arbeitskreis „Retten“. „Deshalb unternahm man schon damals große Anstrengungen, um verunfallten Personen schneller zu können. Dazu gehörte ein flächendeckendes Netz so genannter bodengebundener Rettungsmittel, das weltweit dichteste Luftrettungsnetz sowie Verbesserungen der straßenbaulichen Infrastruktur.“ Natürlich arbeiten auch die Automobilhersteller ständig an der Verbesserung der Fahrzeugsicherheit. Mit großem Erfolg: die Zahl der Verkehrstoten konnte seither dramatisch gesenkt werden. Kamen 1991 noch 11.300 Menschen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, sank die Zahl der Opfer bis 2014 auf 3.368.
Auf Initiative des Arbeitskreises für Katastrophenschutz und zivile Verteidigung (AfKzV) wurde 2010 unter dem Dach des Verbands der Automobilindustrie (VDA) der Arbeitskreis „Retten“ gegründet. Hier diskutieren Vertreter der Automobilindustrie mit Experten der Feuerwehrverbände (Deutscher Feuerwehrverband (DFV), Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF), Verein zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) und Fachgesellschaften der Notfallmedizin (DIVI, BAND) aktuelle Aspekte der Unfallrettung und erarbeiten Lösungsansätze.
Wo an der Karosserie müssen Spreizer und Schere angesetzt werden? Wie verhindert man ein Auslösen des Airbags? Wie umgehen mit einem Hybridantrieb? Ohne die entsprechenden Informationen zu jedem Fahrzeug ist das eine herausfordernde und zeitraubende Aufgabe. „Einer der Meilensteine der Arbeit des Arbeitskreises war die Erarbeitung von einheitlichen Fahrzeuginformationen in Form von Rettungsdatenblättern, welche von den Fahrzeugherstellern zur Verfügung gestellt werden und die Etablierung eines weltweit einheitlichen Standards dieser für die Rettungskräfte so wichtigen Informationen“, führt der Experte der DIVI aus, der auch Arbeitsgruppenleiter am Institut für Verkehrsunfallforschung in Göttingen ist. Die Informationen, welche von den Herstellern zur Verfügung gestellt werden, zeigen nicht nur potentielle Gefahren, wie beispielsweise die Lage von unter hohem Druck stehenden Gasgeneratoren zum Füllen von Airbags auf, sondern geben den Einsatzkräften auch klare Handlungsanweisungen, wie etwa zur sicheren Deaktivierung eines Hochvoltsystems in einem Hybridfahrzeug nach einem Unfall.
Die Erarbeitung dieses Standards ist das Ergebnis der engagierten Arbeit der vergangenen Jahre von Rettungsmedizinern und Vertretern der Feuerwehren in Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie und ist aus Sicht des Arbeitskreises deutlich sinnvoller und sicherer. Von entsprechenden Kennzeichnungsideen wurde nach anfänglichen Diskussionen Abstand genommen und auch die Idee des Mitführens von Informationen im Fahrzeug (Stichwort Rettungskarte) wurde aufgrund der nicht sicheren Verfügbarkeit für die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdiensten nicht weiter verfolgt.
Außerdem wurde eine Lösung zur Sicherstellung der Verfügbarkeit der Informationen für die Einsatzkräfte am Unfallort gefunden. Um eine sichere Verknüpfung der Fahrzeuginformationen mit dem verunfallten Fahrzeug tagesaktuell zu gewährleisten, wurde in Zusammenarbeit mit politischen Gremien die gesetzliche Grundlage geschaffen, über die Abfrage des Kennzeichens beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) eine Zuordnung des richtigen Rettungsdatenblattes zum Unfallfahrzeug zu gewährleisten. Derzeit ist diese Abfrage allerdings nur den Leitstellen von Feuerwehr und Rettungsdienst erlaubt.
„Es versteht sich sicher von selbst, dass es bei der technischen und medizinischen Rettung von Unfallopfern in den meisten Fällen um Minuten, wenn nicht gar Sekunden geht“, ergänzt noch Dr. Björn Hossfeldt und fordert als Sprecher der Sektion Notfall- und Katastrophenschutz der DIVI: „Um die notwendigen Daten unmittelbar und ohne zeitliche Verzögerung über die Leitstellen zu erhalten, ist eine umgehende Schaffung der gesetzlichen Grundlage für die Kennzeichenabfrage durch Rettungskräfte direkt von der Unfallstelle notwendig!“ Über das Kennzeichen des verunfallten Fahrzeugs kann so schon an der Einsatzstelle über das Register des Kraftfahrtbundesamt (KBA) umgehend der Typ des verunfallten Fahrzeugs sicher identifiziert und über entsprechende Datenbanken Informationen über den Einbauort von Sicherheitssystemen und Antriebskomponenten zur Verfügung gestellt werden. Dann vergeht keine unnötige Zeit, bis die Informationen die Einsatzkräfte erreichen und vermindert mögliche entstandene Übertragungsfehler bei der Übermittlung von der Rettungsleitstelle an die Einsatzkräfte vor Ort. Diese Möglichkeit der sicheren und schnellen Informationsbeschaffung steht in anderen Ländern der Europäischen Union, z.B. den Niederlanden, schon viele Jahre zur Verfügung.
Die DIVI fordert deshalb alle politischen Vertreter und Verbände neben der Bereitstellung der flächendeckenden Infrastruktur für die Einsatzleitstellen und Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdienst auf, gemeinsam für die Schaffung der gesetzlichen Voraussetzung für die Sicherstellung der Informationenbereitstellung von Fahrzeuginformationen für Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst an den Unfallstellen einzutreten und damit die Grundlage für eine zukünftig noch sicherere und schnellere Rettung von Unfallopfern zu schaffen!
DIVI weltweit einzigartig
Die 1977 gegründete DIVI ist ein weltweit einzigartiger Zusammenschluss von mehr als 2000 Anästhesisten, Neurologen, Chirurgen, Internisten, Kinder- und Jugendmedizinern sowie Fachkrankenpflegern und entsprechenden Fachgesellschaften und Berufsverbänden: Ihre fächer- und berufsübergreifende Zusammenarbeit und ihr Wissensaustausch machen im Alltag den Erfolg der Intensiv- und Notfallmedizin aus. Insgesamt bündelt die DIVI damit das Engagement von mehr als 30 Fachgesellschaften und persönlichen Mitgliedern.
Die Experten der DIVI:
Dr. Tim Heyne ist Facharzt am Zentrum Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen und Vertreter der DIVI im Arbeitskreis „Retten“ des Verbands der Automobilindustrie (VDA).
Dr. Björn Hossfeldt ist Oberfeldarzt/Oberarzt in der Anästhesie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm und Sprecher der Sektion Notfall- und Katastrophenschutz der DIVI.
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