Dissertationsschrift von Greifswalder Wissenschaftlerin wird ausgezeichnet

Das Bewusstsein dafür, dass mit Zufallsbefunden, d. h. nichtintendierten Befunden aus medizinischen Untersuchungen, vielschichtige ethische Herausforderungen einhergehen können, hat in den letzten Jahren zugenommen. Dennoch sind Entscheidungen hinsichtlich eines ethisch verantwortbaren Umgangs mit Zufallsbefunden nach wie vor mit großen Unsicherheiten behaftet: Der einschlägige Regulierungsstand bleibt zum Teil vage, die Perspektive der Betroffenen selbst weitestgehend unberücksichtigt.

Die Arbeit von Dr. Erdmann untersucht vor diesem Hintergrund am Beispiel der Ganzkörper-MRT-Untersuchung in SHIP, welche Auswirkungen Zufallsbefunde auf die betroffenen Studienteilnehmer haben können. „Ich fand die Fragestellung hoch interessant und habe mich gerne darauf eingelassen, weil damit die Möglichkeit bestand, endlich einmal eine Perspektive zu beleuchten, die bislang wenig beforscht ist: Warum stellen sich Menschen der Forschung zur Verfügung, welche Auswirkungen hat die Teilnahme für sie und wie kann man die entsprechenden Prozesse so optimieren, dass die Bereitschaft zur Teilnahme einerseits nicht auf falschen Erwartungen beruht und andererseits die Auswirkungen mit möglich wenig Nachteilen für die Betroffenen verbunden ist“, unterstreicht Dr. Pia Erdmann.

Für den empirischen Teil der Untersuchung wurden, unter Anwendung eines Mixed-Methods-Ansatzes, SHIP-ProbandInnen, die sich in Greifswald der Ganzkörper-MRT unterzogen hatten, befragt. Im normativ-theoretischen Teil der Arbeit erfolgen eine Darstellung des derzeitigen forschungsethischen Regulierungs- und Diskussionsstandes sowie die Präsentation eines eigenen ethischen Modells. Im Fokus stehen dabei die Aufklärung der Studienteilnehmer, Umfang und Art der Mitteilung von Zufallsbefunden sowie Fragen der Schaden-Nutzen-Abwägung im Hinblick auf den Einsatz der Ganzkörper-MRT in epidemiologischen Studien.

Die Zusammenführung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung mit den Erkenntnissen der theoretischen Grundlage ermöglicht schließlich einen Abgleich zwischen dem forschungsethisch Gebotenen und dem Ist-Stand. Ergebnis dieses Abgleichs sind ethisch begründete Einschätzungen im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten beim Umgang mit Zufallsbefunden aus bildgebenden Verfahren in populationsbasierter Forschung. Dies betrifft unter anderem die Art und Weise, wie Zufallsbefunde den Studienteilnehmern am besten mitgeteilt werden sollten. Die Ergebnisse aus Dr. Erdmanns Studie begründen die Empfehlung, solche Ergebnisse nie nur schriftlich, sondern immer auch im Rahmen eines persönlichen Arzt-Gespräches mitzuteilen. Diese Erkenntnisse wurden in denjenigen GANI_MED-Kohorten, in denen bildgebende Verfahren zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt wurden, direkt aufgegriffen und umgesetzt.

„Der Preis ist für mich nicht nur Würdigung all der Arbeit, die ich hier geleistet habe, sondern auch Bestätigung dafür, dass ich es richtig gemacht habe. Die richtigen Fragen gestellt, die richtige Methoden gewählt und die richtigen Schlussfolgerungen gezogen“, resümiert Pia Erdmann.

Unter dem Titel „Zufallsbefunde aus bildgebenden Verfahren in populationsbasierter Forschung – Eine empirisch-ethische Untersuchung“ erschien die Arbeit 2015 als Monographie im mentis-Verlag Münster.

Dr. rer. med. Pia Erdmann studierte an den Universitäten Göttingen und Erlangen-Nürnberg. Sie schloss ihr Studium zum M.A. im Hauptfach Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg ab. Zwischen 2009 und 2012 arbeitete Dr. Pia Erdmann als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projektbereich „Ethik“ des Verbundvorhabens GANI_MED – Greifswald Approach to Individualized Medicine. Ihre in diesem Rahmen durchgeführten Forschungen zum Umgang mit Zufallsbefunden arbeitete sie zu einer Dissertationsschrift aus, mit der sie 2014 zum Dr. rer. med. an der Universitätsmedizin Greifswald promoviert wurde. Zwischen 2012 und 2014 war Frau Erdmann am DZNE, Standort Rostock-Greifswald, tätig. Seit August 2014 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald (Lehrstuhl für Systematische Theologie) im Verbundprojekt MENON – Medizintheoretische, normative und ökonomische Evaluation der Systemmedizin.

Weitere Informationen
Arbeitskreis Medizinischer Ethikkommissionen in der Bundesrepublik Deutschland e. V.

GANI_MED
Lehrstuhl für Systematische Theologie

Porträt Dr. Pia Erdmann
Foto: Felix Pörtner
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Ansprechpartnerin an der Universität Greifswald
Dr. Pia Erdmann, M.A.
Theologische Fakultät
Lehrstuhl für Systematische Theologie
Am Rubenowplatz 2/3, 17489 Greifswald
Telefon 03834 86-2504

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