Die Rolle des Ulmer Gründungsrektors im Nationalsozialismus: Prof. Ludwig Heilmeyer war Opportunist

Professor Ludwig Heilmeyer genoss großes Ansehen: Der führende Hämatologe und Gründungsrektor der Universität Ulm durfte sich unter anderem mit mehreren Ehrendoktortiteln sowie dem großen Bundesverdienstkreuz schmücken, und er war selbstverständlich Mitglied renommierter Wissenschaftsakademien. Doch im Jubiläumsjahr der Universität Ulm ist seine Rolle im Nationalsozialismus stärker ins öffentliche Interesse gerückt. Auslöser waren ein im Herbst 2016 erschienener Bericht Freiburger Historiker sowie Hinweise aus der Ulmer Bürgerschaft. Im Auftrag der Universitätsleitung hat Professor Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, die Vergangenheit des Ulmer Gründungsrektors aufgearbeitet. Am Dienstagabend stellte er seine Ergebnisse im gut gefüllten Hörsaal 4/5 vor, diskutierte mit Vertretern der Universität, des Universitätsrats sowie des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) und beantwortete zahlreiche Fragen aus dem Publikum.

In seinem Vortrag „Ludwig Heilmeyer (1899-1969) – Versuch einer politischen Einordnung“ ging Steger auf die verschiedenen Facetten des Gründungsrektors ein, dessen wichtigste Stationen er eingangs kurz darstellte. Nach dem Medizinstudium in München folgte Heilmeyer seinem Lehrer, Professor Wolfgang Veil, und wurde Assistent an der Medizinischen Klinik Jena, wo er sich internistisch weiterbildete und habilitierte. Kriegsdienst leistete er ab 1939 in Krakau und seit 1941 als Luftwaffenarzt in Halle-Dölau, bevor er sich 1943 als beratender Internist im besetzten Rowno (Ukraine) anbot und schließlich die staatliche Krankenanstalt Krakau leitete. Nach einer Station an der Medizinischen Akademie Düsseldorf hatte Ludwig Heilmeyer von 1946 bis 1967 den Lehrstuhl für Innere Medizin an der Medizinischen Klinik Freiburg inne. Seine langjährige Führungserfahrung im Wissenschaftsbetrieb brachten ihm sowohl den Vorsitz des Arbeitsausschusses der Medizinischen Akademie Lübeck ein als auch des Gründungsausschusses der Universität Ulm, deren erster Rektor er 1967 wurde. Nur zwei Jahre später starb Ludwig Heilmeyer bei einem Badeunfall am Gardasee.

Die Verdienste des Arztes und Wissenschaftsmanagers sind unbestritten: Florian Steger nannte unter anderem die Einführung der Psychosomatik in der medizinischen Lehre, Innovationen in der Hämatologie wie den Einsatz von Zytostatika bei Leukämien und Neuerungen in der Nuklearmedizin. Dazu kommt beispielsweise der Aufbau des heutigen Wissenschaftszentrums der Universität Ulm, Schloss Reisensburg. Der Medizinhistoriker zitierte aus einer nach Heilmeyers Tod herausgegebenen Pressemitteilung der Universität Ulm. „Ohne seine unerschöpfliche Tatkraft, seinen unbeugsamen Optimismus und seine warmen Menschlichkeit wäre die Gründung der Universität Ulm nicht möglich gewesen.“
Doch auf der anderen Seite offenbart Heilmeyers Werdegang seine nationale Gesinnung: In München war er Mitglied im Freikorps Epp, in Jena schloss er sich dem Stahlhelm an und er wurde Anführer des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes. Zudem bemühte sich Heilmeyer mehrfach vergeblich um eine Mitgliedschaft in der NSDAP.
1948 im „Bereinigungsverfahren“ nach dem Krieg stilisierte sich der spätere Gründungsrektor vor der Spruchkammer Freiburg allerdings zum Opfer und Widerstandskämpfer. Als Vertreter schickte er einen ehemaligen jüdischen KZ-Häftling, den er nun in Freiburg als Assistenten beschäftigte.

War Ludwig Heilmeyer also ein überzeugter Nationalsozialist? Steger zeichnete das Bild eines Opportunisten, dem bereits 1934 in einem Briefwechsel hohe Funktionäre der NDSAP ein „krankhaft großes Ich-Bedürfnis“, „Geltungsdurst“ und „ungeheuerlichen Opportunismus“ attestierten. In Krakau suchte Heilmeyer die Nähe seines potenziell hilfreichen Schulfreundes, Generalgouverneur Dr. Hans Frank, der dann im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess aufgrund der Deportation und Ermordung von Polen und Juden zum Tode verurteilt wurde. Frank war allerdings nicht der einzige Kriegsverbrecher in Heilmeyers Netzwerk. Zu nennen ist auch Professor Wilhelm Beiglböck, der 1944 als Versuchsleiter Menschenversuche zur Trinkbarmachung von Meerwasser an Roma und Sinti im KZ Dachau zu verantworten hatte. Mit seiner Stellungnahme im Auftrag des Deutschen Kongresses für Innere Medizin trug Heilmeyer 1949 – wohl auch aus Verbundenheit zu Beiglböcks Mentor Professor Hans Eppinger – zur deutlichen Abmilderung der Haftstrafe bei. Nach der Entlassung machte er den fragwürdigen Mediziner zu seinem Oberarzt in Freiburg. „Beiglböck verdient als Mensch, Arzt und Forscher unsere volle Anerkennung und Verehrung“, sagte Heilmeyer 1964 im Eröffnungsvortrag zum Kongress für Innere Medizin.

Zudem berichtete Florian Steger über Heilmeyers laschen Umgang mit den Verdiensten jüdischer Kollegen. So „übernahmen“ er und Professor Anton Hittmair die Herausgabe des „Handbuchs der gesamten Hämatologie“ ohne den in Theresienstadt ermordeten Erstherausgeber der ersten Auflage, Professor Hans Hirschfeld, auch nur zu erwähnen. Ebenfalls unerwähnt blieb Hirschfeld, als Professor Viktor Schilling und dann Heilmeyer die Zeitschrift „Folia Haematologica“ weiterführten.
Nach monatelanger wissenschaftlicher Arbeit – Steger hat auf der Grundlage bereits publizierter Forschungsergebnisse vor allem umfangreiche Quellen aus zahlreichen Archiven studiert und Zeitzeugengespräche geführt – kommt er zu diesem Schluss: „Ludwig Heilmeyer hat sein Fortkommen fest im Blick. Dabei überschreitet er auch Grenzen, was ethisch kritisch zu beurteilen ist. Er wurde bereits von Zeitgenossen als Opportunist bezeichnet.“ Auch im Nachkriegsdeutschland lasse er ein Unrechtsbewusstsein vermissen.

Anschließend leitete Moderator Markus Brock zur Podiumsdiskussion über. Neben dem Referenten vertraten Universitätspräsident Professor Michael Weber sowie Professor Thomas Wirth, Dekan der Medizinischen Fakultät, die Uni Ulm. Dazu kamen Dr. Ingrid Wünning Tschol (Universitätsrat und Robert Bosch Stiftung) sowie der MWK-Amtschef Ulrich Steinbach. Im Zentrum des Austauschs stand nicht nur die Bewertung der Vergangenheit Heilmeyers. Vielmehr wurde auch eine Wertediskussion für die heutige Zeit und für die Zukunft geführt. Denn so lange sich der Wissenschaftsbetrieb um den Wettbewerb um Drittmittel dreht und ein Fortkommen ohne Netzwerke unmöglich scheint, wird es Opportunisten geben. In diesem Zusammenhang wies Universitätspräsident Michael Weber auch auf die Vorbildfunktion Lehrender hin. „An der Universität müssen wir nicht nur eine fachliche Ausbildung leisten, sondern auch urteilsfähige Bürger hervorbringen“, so der Informatiker.

In naher Zukunft wird Professor Steger ein Buch über die Vergangenheit Ludwig Heilmeyers veröffentlichen, Darüber hinaus plant er in einem weiteren Projekt, sich auch mit den weiteren Gründungsprofessoren der Universität Ulm wissenschaftlich auseinandersetzen.

Bildunterschrift Podiumsdiskussion (Foto: Eberhardt/Uni Ulm):

– Die Podiumsmitglieder bei der abschließenden Diskussion (v.l.): Prof. Michael Weber, (Präsident der Universität Ulm), Ulrich Steinbach (Ministerialdirektor und Amtschef im MWK), Markus Brock (Moderator der Veranstaltung), Dr. Ingrid Wünning Tschol (Mitglied des Universitätsrats / Direktorin Strategische Entwicklung der Robert Bosch Stiftung), Prof. Thomas Wirth (Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm) und Prof. Florian Steger (Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Ulm)

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