Die MHH macht dem Lernen Beine

Kindern und Jugendlichen bewegen sich immer weniger. Um das Bewusstsein für präventive Maßnahmen bei Eltern und in Schulen zu stärken, startet die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) in Zusammenarbeit mit dem Programm „Bewegte, gesunde Schule Niedersachsen“ die auf zwei Jahre ausgelegte Bewegungsstudie REBIRTH active school. Heute haben in Hannover die ersten Untersuchungen und Trainingseinheiten in der teilnehmenden Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg stattgefunden. Nach den Osterferien beginnt die Studie dann auch an der Integrierten Gesamtschule Kronsberg sowie an drei weiteren Schulen im Kreis Lippe.

Während sich die Kinder im Vorschulalter in der Regel noch ausreichend bewegen, sinkt die Aktivität mit der Einschulung dramatisch ab. Familie und Schulen sind teilweise nur unzureichend über diesen Zustand und dessen negative Konsequenzen aufgeklärt. Denn der Bewegungsmangel ist nicht nur assoziiert mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, sondern führt auch zu einer verminderten Lernfähigkeit und im schlimmsten Fall sogar zu psychischen Erkrankungen. „In den kommenden zwei Jahren möchten wir die Gesundheit und die altersgerechte körperliche Entwicklung von mehr als 400 Schülerinnen und Schülern aus zweiten und fünften Klasse positiv beeinflussen und gleichzeitig auch die Leistungsfähigkeit von etwa 120 Lehrkräften verbessern“, sagt Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der MHH-Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie und Initiator der Studie. Erreichen möchten die Mediziner dies mit regelmäßigen Bewegungseinheiten. Mehrmals täglich werden die Kinder durch Sportwissenschaftler mit Unterstützung der Lehrkräfte angeleitet, sich während des Schulalltags, also auch im Unterricht, zu bewegen. Mindestens die Hälfte der sportlichen Aktivitäten soll während des Unterrichts stattfinden, zum Beispiel Rechenjogging im Matheunterricht oder Koordination und Ausdauerübungen in diversen Fächern.

„Die Bewegungseinheiten zielen darauf ab, dass sich die Kinder anschließend besser konzentrieren können und so ihre Lern- und Leistungsfähigkeit steigern“, erläutert Professor Dr. Uwe Tegtbur, Direktor des MHH-Instituts für Sportmedizin. Um den Effekt dieser Maßnahmen eindeutig beurteilen zu können, werden die Schüler im ersten Jahr in eine Beobachtungs- und eine Interventionsgruppe eingeteilt. Zu Beginn und am Ende der Studie werden beide Gruppen ausführlich durch Kinderärzte der MHH untersucht. „Wir prüfen unter anderem verschiedene Parameter des Herz-Kreislauf-Systems und erfassen die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit. Dafür werden wir Ultraschall-Untersuchungen des Herzens und der Gefäße durchführen sowie Lungenfunktionstests und Fahrrad-Ergometrie. Weitere wichtige Informationen werden wir durch die Untersuchung von Blut, Speichel und Urin erhalten“, erklärt Professorin Dr. Dr. Anette Melk, Oberärztin am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der MHH. Auch den Zahnstatus untersuchen die Mediziner. „Zahnfleischentzündungen gehören weltweit zu den häufigsten Infektionen und beeinflussen über das Blut die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Professorin Dr. Meike Stiesch, Direktorin der MHH-Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde. „Und die sportliche Aktivität hat einen positiven Effekt auf die chronischen Entzündungen.“

Sport wirkt sich positiv auf die Zellregeneration aus

Das Besondere dabei: Die Mediziner messen die Telomerlänge. Telomere nennt man die Genabschnitte an den Enden unserer Chromosomen. Sie spiegeln die Erneuerungsfähigkeit, das sogenannte regenerative Potenzial, von Zellen wider. Dabei ist die Telomerlänge eng mit einer gesunden Lebensweise verknüpft. Aktive Sportler haben längere Telomere. Umgekehrt kann die Telomerlänge sich auf Grund von negativen Einflüssen verkürzen. In einer französischen Untersuchung an fast 800 Kindern hatten übergewichtige, inaktive Kinder bereits deutlich kürzere Telomere. In zwei vorangegangenen Studien mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der MHH konnte das Studienteam zeigen, dass sich regelmäßiger Ausdauersport positiv auf die Telomerlängen – also auf die Zellregeneration – auswirkt.

Bewegung nützt Gesundheit und Kopf

„Gravierenden Veränderungen im Leben der Heranwachsenden wie die Zunahme bewegungsarmer Freizeitaktivitäten oder der stärkeren Inanspruchnahme durch schulische Ganztagsangebote verweisen auf die dringende Notwendigkeit, ihre Lebenswelt bewegungsfreudiger zu gestalten. Das Programm der Bewegten, gesunden Schule Niedersachsen nimmt die Bedeutung der Bewegung ernst und unterstützt deswegen REBIRTH active school als eine Möglichkeit, mehr Bewegung in den Alltag unserer Kinder zu bringen“, sagt Hermann Städtler, Projektleiter „Bewegte, gesunde Schule Niedersachsen“. Nicole Dreyer, Schulleiterin der Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg ergänzt: „Bewegung nützt der Gesundheit und gleichermaßen auch dem Kopf. Vielleicht helfen die in dieser medizinisch orientierten Studie entstehenden Erkenntnisse dabei, Bewegung stärker als bisher in Lernprozesse zu integrieren.“
Die Studie wird von der Braukmann-Wittenberg-Stiftung mit 1,3 Millionen Euro, dem Exzellenzcluster REBIRTH und mit Landesmitteln des Niedersächsischen Vorab unterstützt.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Lena Grams, MHH-Institut für Sportmedizin, Telefon (0176) 1 532 4731, Grams.Lena@mh-hannover.de.

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