Die menschliche Individualität – verloren und neu gesucht

Das 3. Wittener Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie am 21. und 22. März 2014 beschäftigt sich mit der Frage nach einer menschenwürdigen personalisierten Medizin. Unter personalisierter oder individualisierter Medizin wird ein Ansatz verstanden, der z.B. Krebsbehandlungen auf die speziellen genetischen Voraussetzungen des jeweiligen Patienten abzustimmen sucht. Damit ist aber nur die physische, molekulare Ebene eines Individuums in den Blick genommen. Die Wissenschaft steht deshalb vor der Herausforderung, ihr Verständnis von „Person“ bzw. „menschlicher Individualität“ umfassend, ganzheitlich und zeitgemäß zu beschreiben.

Neben der körperlichen, heute vornehmlich molekularbiologisch verstandenen Dimension, sind vor allem auch psychologische, soziale, kulturelle und spirituelle Aspekte bedeutend, die in der Regel jedoch in wissenschaftlicher Hinsicht keine Rolle spielen. So beschreiben etwa Neurobiologie und Psychologie zwar psychische Phänomene, sie anerkennen jedoch keine Psyche oder Seele als eigenständige Realität, sondern führen das Seelenleben kausal auf dessen neurophysiologische und vegetativ-endokrine Korrelate zurück. Bei der Frage nach der Individualität des Menschen spitzt sich diese Denkform zu: Ist der Mensch eine eigenständige Person? Was ist die menschliche Individualität? Die europäische Wissenschaftskultur hat diese einst mit hoher Differenziertheit als geistig beschrieben, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch folgenreich bis heute verloren. Seit dem 20. Jahrhundert wird sie in ihrer leiblichen, seelischen und geistigen Dimension neu gesucht. Das diesjährige Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie möchte zu dieser Suche aus Sicht unterschiedlicher natur- und geisteswissenschaftlicher Perspektiven einen Beitrag leisten.

Das Vortragsprogramm in Stichworten:
Zunahme der Autonomie in der Evolution bis hin zur Individualität des Menschen (PD Dr. med. vet. Bernd Rosslenbroich), Psychologie ohne Seele und Geist? Das Seelenleben des Menschen als Ausdruck seiner geistigen Individualität (Prof. Ulrich Weger), Kreativität und menschliche Individualität (Dr. med. univ. Johannes Weinzirl), Verlust und Wiedergewinnung der menschlichen Individualität in Medizin und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts am Beispiel Viktor v. Weizsäckers (Prof. Dr. med. Peter Selg), Personale Medizin und die Anthropologie im 20. Jahrhundert (Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer), Entwicklung und Gefährdung der menschlichen Individualität im Kindesalter (Dr. med. Michaela Glöckler), Möglichkeiten und Gefährdung der Individualitätsentwicklung im Kontext medizinischer Betreuung (Dr. phil. Bettina Berger), Der Mensch als der Schöpfer seiner selbst bei Goethe und bei Hölderlin (Prof. Dr. phil. Angela Martini), Spirituelle Aspekte der Individualität im Kontext der modernen Medizin (Georg Soldner), Synthese. Oder: Warum die Existenz der geistigen Individualität des Menschen durch die Neurobiologie nicht widerlegt ist (Prof. Dr. med. Peter Heusser).

Details zum Programm und zur Anmeldung im Tagungsflyer.

Bisherige Bucherscheinungen zum Wittener Kolloquium Humanismus, Medizin und Philosophie:

Heusser Peter, Weinzirl Johannes (Hrsg.) – Medizin und die Frage nach dem Menschen (Wittener Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie, Band 1). 2013. Königshausen & Neumann, Würzburg.

Heusser Peter, Weinzirl Johannes (Hrsg.) – Was ist Geist? (Wittener Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie, Band 2). April 2014. Königshausen & Neumann, Würzburg.

Weitere Informationen bei Frau Marina Frieben, Tel.: +49 (0)2330 / 62 4761; Email: Marina.Frieben@uni-wh.de (Tagungsbüro)

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1983 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.750 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

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