„Die Alzheimerforschung muss nach weiteren Wegen suchen“

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben 1,2 Millionen Demenzkranke in Deutschland, zwei Drittel von ihnen leiden an Alzheimer – und jährlich kommen circa 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Die Entwicklung einer Immuntherapie, umgangssprachlich Alzheimer-Impfung genannt, ließ die Medizin darauf hoffen, dass das Fortschreiten der Krankheit zumindest verlangsamt werden kann. Nun verunsichern neue Studienergebnisse die Alzheimerforschung: Hat man jahrelang das falsche Ziel ins Visier genommen oder erfolgte die Therapie der Betroffenen viel zu spät? Mit dieser Frage beschäftigen sich circa 150 Wissenschaftler und Mediziner vom 21. bis zum 24. September 2011 bei der 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN) an der Universität Tübingen.

Als Ursache der fortschreitenden Demenz wird die Ablagerung bestimmter Proteine, sogenannter Plaques, im Gehirn angesehen. Die Immuntherapie sollte diese Ablagerungen vermindern. Doch im letzten Jahr überraschte der englische Forscher James Nicolls mit seiner Untersuchung von Gewebeproben verstorbener Alzheimerpatienten die Fachwelt: In seiner Studie wurden einige Alzheimerpatienten mit diesen Medikamenten zum Abbau der Plaques im Gehirn behandelt, andere hingegen erhielten nur Placebomedikamente. Eine Auswirkung auf die Symptome der Betroffenen hatte die Verminderung der Plaqueablagerungen jedoch nicht. Selbst bei Patienten, bei denen fast gar keine Ablagerungen mehr gefunden wurden, konnte die fortschreitende Demenz nicht aufgehalten werden.

Bedeutet dies, dass die Plaqueablagerungen gar nicht die Ursache der Erkrankung sind und die Medizin jahrelang das falsche Ziel bekämpft hat? Oder erfolgte die Behandlung so spät, dass der Prozess der Demenz nicht mehr aufzuhalten war? Zweifellos spielen die Eiweißablagerungen im Gehirn eine wesentliche Rolle. Man weiß aus der Forschung mit Zellkulturen auch, dass diese Ablagerungen für die Nervenzellen sehr schädlich sind. Trotzdem weisen die Forschungsergebnisse in verschiedene Richtungen. Beispielsweise konnte die Mitarbeiterin des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) an der Universität Tübingen Dr. Yvonne Eisele ebenfalls im vergangenen Jahr im Tierversuch nachweisen, dass die Plaqueablagerungen wie Infektionserreger auf gesunde Tiere übertragbar sind. „Getreu dem Zitat von Albert Einstein – Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind – muss die Forschung nach weiteren Wegen suchen. Warum ergeben Tierversuche und Untersuchungen am menschlichen Gewebe so scheinbar widersprüchliche Ergebnisse?“, fragt Prof. Dr. Richard Meyermann, Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Universität Tübingen und Präsident der Jahrestagung der DGNN. „Die zukünftige Forschung muss die Frage stellen, was genau auf zellbiologischer Ebene hinter den Proteinveränderungen im Gehirn steckt. Darüber hinaus müssen wir untersuchen, welche Symptome möglichst früh allein auf die Alzheimer Krankheit hindeuten, um Patienten so zeitig wie möglich zu behandeln. Geruchsstörungen oder Gedächtnisstörungen haben vielfältige Ursachen und reichen als Hinweis auf eine beginnende Erkrankung nicht aus“, so Meyermann weiter.

Sollte der Medizin zukünftig kein Durchbruch bei Prävention und Behandlung gelingen, wird sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft im Jahr 2050 auf 2,6 Millionen erhöhen. Hier ist also noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Mit der erfolgreichen Bewerbung des Tübinger Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) um die Mitgliedschaft im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) wird das Institut Teil eines deutschlandweiten Verbundforschungsnetzes. Initiiert wurde das DZNE durch die Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan. Die Forschungsschwerpunkte des Instituts, Alzheimersche Erkrankung und Parkinsonsche Erkrankung, können damit in Zukunft erheblich forciert werden. „Mit meiner Nachfolge wird auch das Institut für Neuropathologie in diesen Großforschungsverbund integriert werden“, so Meyermann.

Medienvertreter sind herzlich zum Besuch der Tagung und zur Berichterstattung eingeladen. Bei Interesse steht Prof. Meyermann gern als Interviewpartner zur Verfügung.

Das wissenschaftliche Programm sowie weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie auf der Kongresshomepage www.neuropathology-tuebingen.de

Hintergrund:
Neuropathologen untersuchen das bei Operationen entfernte Nervengewebe und liefern den behandelnden Ärzten so eine Antwort auf die Frage, welche Therapie im Anschluss an die Operation sinnvoll ist. Insbesondere bei der Klassifizierung von Hirntumoren oder bei der Diagnose anderer Erkrankungen der Nervenzellen wie Alzheimer, Parkinson oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind neuropathologische Untersuchungen zur Diagnose zwingend notwendig, da nur so die verschiedenen Ursachen erkannt werden. Die DGNN hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Forschung im Bereich Neuropathologie und Neuroanatomie zu fördern, den Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen ihren Mitgliedern zu unterstützen und die Zusammenarbeit mit den angrenzenden Fachdisziplinen der Medizin und der Naturwissenschaften, insbesondere der Neurochirurgie, Neuroradiologie, Neurologie und Psychiatrie, Neuropädiatrie, Pathologie sowie den experimentellen Neurowissenschaften zu organisieren.

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