Deutscher Schmerzkongress 2011: Placebo-Effekt beeinflusst das Schmerz- und Bewegungsverhalten

Die Gruppe befasst sich nicht nur mit den Grundlagen des Effekts, sondern auch mit seinem ungeliebten Bruder, dem Nocebo-Effekt. Dieser lässt negative Erwartungen an ein Medikament Wirklichkeit werden. Außerdem diskutieren sie, wie sich Placebo-Wirkungen sinnvoll in den klinischen Alltag integrieren lassen.

Schonverhalten macht den Schmerz noch schlimmer

Es gibt bisher nur wenige Studien, die den schmerzlindernden Placeboeffekt auch auf der Ebene des beobachtbaren Verhaltens untersuchen. Für die Bewertung einer Schmerzlinderung ist das jedoch sehr wichtig: Patienten mit chronischen Rückenschmerzen zum Beispiel neigen stark zu einem Schonverhalten und vermeiden körperliche Bewegung. Auf Dauer macht das den Schmerz nicht besser, sondern verschlimmert ihn sogar. „Ziel der Behandlung ist daher auch eine Steigerung der körperlichen Funktionskapazität“, erklärt Dr. Regine Klinger von der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz Verhaltenstherapie, der Universität Hamburg.

Wirkstofffrei, aber wirksam

Die Forscher fragten sich: Lässt sich durch ein Placebopräparat die körperliche Funktionskapazität von Rückenschmerzpatienten steigern? Sie untersuchten 48 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen mehrfach vor und nach der Anwendung einer wirkstofffreien Tinktur bei der Verrichtung von Alltagsaktivitäten. Die Tinktur wurde für die Patienten unterschiedlich deklariert, z.B. als „Opioidtinktur mit schmerzlindernder und bewegungssteigernder Wirkung“ oder als „Placebotinktur“. Die Wirkung der Tinktur wurde mit Schmerzreizen getestet, die bei einer der Studiengruppen für diese unwissentlich reduziert wurden, so dass die Patienten lernten: Die Tinktur wirkt.

Placebo-Effekt ergänzt pharmakologische Wirkung

Die unabhängigen Beobachter stellten fest, dass die neutrale Tinktur durch die Erwartung und den Lerneffekt das Schmerz- und Vermeidungsverhalten deutlich verringerte. Die Forscher befassen sich nun damit, wie man solche wünschenswerten Placebo-Effekte sinnvoll in den klinischen Alltag integrieren kann und wie sich damit die rein pharmakologische Wirksamkeit eines Schmerzmittels ergänzen lässt. Außerdem erforschen sie den ungeliebten Bruder des Placebo-Effekts, den Nocebo-Effekt. Er sorgt dafür, dass sich negative Erwartungen eines Patienten tatsächlich negativ auswirken, zum Beispiel in Form von unerwünschten Nebenwirkungen.

Ansprechpartnerinnen

Dr. Regine Klinger, Universität Hamburg, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz Verhaltenstherapie Fachbereich Psychologie Von-Melle-Park 5, 20146 Hamburg, Tel. 040/428-38-5374, E-Mail: rklinger@uni-hamburg.de

PD Dr. Ulrike Bingel, Neurologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg, Tel: 040/7410-53570, E-Mail: bingel@uke.uni-hamburg.de

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