Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin macht sich stark für neue Wege in der Schmerzversorgung

Jedes Jahr treffen sich beim „Schmerz- und Palliativtag“ Schmerzexperten aus ganz Deutschland – ob Mediziner, Psychologen, Physiotherapeuten, Pharmazeuten oder Pflegekräfte. Gemeinsam wollen sie die Versorgung der Schmerzpatienten in Deutschland verbessern. Denn nach wie vor ist ein Großteil der insgesamt 23 Millionen Schmerzpatienten und etwa 2,8 Millionen der schwersterkrankten Patienten unterversorgt.1 Helfen könnte ihnen ein dafür speziell ausgebildeter Schmerzmediziner, der den Patienten ganzheitlich betrachtet, frühzeitig die Ursache der Beschwerden erkennt und bei Bedarf andere Fachärzte sowie Physiotherapeuten oder Psychologen hinzuzieht, um mit ihnen gemeinsam ein Therapiekonzept zu entwerfen. Aber diese sind rar gesät. Von den wenigen Leuchtturmprojekten der interdisziplinären Zusammenarbeit profitiert am Ende nur ein Bruchteil der Betroffenen. „An der Basis gibt es bislang keine grundlegenden Verbesserungen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist zeitaufwändig und wird zu wenig honoriert“, resümierte Müller-Schwefe.

Hinzu kommt, dass aktuell die Behandlung auf wenigen Schultern und aufgrund des demografischen Wandels auf einer immer älter werdenden Ärztegeneration ruht. Gleichzeitig aber steigt die Anzahl der Patienten. „Wenn wir den Nachwuchs für unser Fachgebiet begeistern können, ist vielen Patienten geholfen“, ist sich Dr. Johannes Horlemann, Vizepräsident der DGS, sicher. In kaum einer anderen Disziplin als der Schmerzmedizin arbeitet der Arzt so interdisziplinär – technisch, pharmakologisch, kommunikativ und psychosomatisch. Dazu ist es eines der dynamischsten Felder mit ständigem Zuwachs an neuem Wissen und neu evaluierten Konzepten. „Mit unserem umfangreichen Fortbildungskonzept wollen wir nicht nur die angrenzenden Fachgebiete, sondern verstärkt auch junge Mediziner erreichen“, so Horlemann.

Chronischer Schmerz ist ein Querschnittsgebiet
Damit die Patientenversorgung nicht an Fachgrenzen scheitert, setzt die DGS auf eine schmerztherapeutische Weiterbildung und Qualifikation von Ärzten aus allen Fachrichtungen. „Jeder Arzt sollte zumindest Basisfähigkeiten besitzen, um die richtige Behandlung einzuleiten oder rechtzeitig den Zeitpunkt zu erkennen, wann der Patient in die Hände eines Schmerzmediziners gehört“, ist DGS-Vizepräsident Dr. Oliver Emrich überzeugt. „Dafür muss Kommunikation über Fachgebietsgrenzen hinaus stattfinden“, so Emrich weiter.

Ein gut funktionierendes Netzwerk und die wichtigsten Schnittstellen zu identifizieren, sind weitere Ziele der DGS. Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten hat dabei für die DGS eine zentrale Bedeutung, denn als erste Anlaufstelle können und sollten bereits beim Hausarzt die Weichen für eine erfolgreiche Behandlung richtig gestellt werden.

Patientenbedürfnisse im Fokus der VersorgerGesellschaft
Kontinuierliche Forschung ist wichtig, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Diese in die Praxis umzusetzen – darin liege aber die eigentliche Herausforderung, so die langjährige Erfahrung des DGS-Vorstandes. Die Patienten mit ihren Bedürfnissen stärker in den Fokus zu rücken, dafür setzt sich die DGS in Kooperation mit der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga (DSL) e.V. bereits seit vielen Jahren ein. Ein Meilenstein stellt die Online-Plattform „mein-schmerz.de“ dar, über die – via Daten-Einspeisung in das DGS PraxisRegister Schmerz (iDocLive®) – erstmalig auch die Sicht der Betroffenen dokumentiert werden kann. „Bislang waren diese speziellen Schmerzfragebögen nur über ärztliche Einrichtungen erhältlich bzw. Betroffene darauf angewiesen, dass sie einen Behandler finden, der ihnen einen solchen Fragebogen nicht nur zur Verfügung stellt, sondern auch auswertet und mit ihnen bespricht. Ein Prozess, der angesichts der geringen Zahl qualifizierter Schmerztherapeuten in Deutschland meist mit monate-, mitunter auch jahrelangen Wartezeiten verbunden war“, erklärte PD Dr. Michael A. Überall, DGS-Vizepräsident und Präsident der DSL, die Situation.

In diesem Jahr gehen die beiden Organisationen noch einen Schritt weiter und stellen das Thema „Tumorschmerz“ in den Mittelpunkt: Mit der „Praxisumfrage Tumorschmerz“ werden explizit Symptombelastungen bei tumorbedingten Dauer- und Durchbruchschmerzen abgefragt. Laut Überall müssen bei diesen Patienten die zugrundeliegenden Schmerzen kontinuierlich evaluiert werden, um sowohl den Behandlungsbedarf als auch die Behandlungsintensität an das aktuell angestrebte Behandlungsziel anzupassen. Dies sei mit dem von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und der Deutschen Schmerzliga neu ins Leben gerufenen Online-Fragebogen „Tumorschmerz“ nun möglich.

Mit Schmerzen leben
Über Ängste und Einschränkungen im Alltag berichtete DSL-Vizepräsidentin Birgitta Gibson. Sie ist selbst von chronischen Schmerzen betroffen und weiß, dass für mehr Lebensqualität neben einer kompetenten Schmerzmedizin auch Eigeninitiative nötig ist. Sie setzt auf aktive Mitarbeit des Patienten und eine Arzt-Patienten-Kommunikation auf Augenhöhe. Hierbei spielen auch Selbsthilfegruppen eine wichtige Rolle. Ihre Erfahrung ist: „Der Austausch von Tipps und Tricks sowie gemeinsame Aktivitäten haben schon vielen Betroffenen aus dem Schmerz-Tal zurück in ein relativ „normales“ Leben geholfen.“

Die Theorie in die Versorgung bringen
Damit Patienten stets evidenzbasiert nach den neuesten Erkenntnissen behandelt werden können, entwickelt die DGS PraxisLeitlinien, aktuell zum Fibromyalgiesyndrom, zur Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Opioidfehlgebrauch (Prescription opioid misuse) und zu „Tumorschmerz“. Alle DGS PraxisLeitlinien verbinden die bestmögliche Evidenz aus der Literatur mit der Expertenerfahrung und den Meinungen und Haltungen der Patienten zu ihren Schmerzen. Neuere Entwicklungen dazu werden beim Kongress dem Fachpublikum präsentiert.

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