Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie rät zu Aufklärung: Jodmangel gefährdet Mutter und Kind

„Für eine normale Schilddrüsenfunktion benötigt eine werdende Mutter in der Frühphase der Schwangerschaft etwa 50 Prozent mehr an Schilddrüsenhormonen“, erklärt Professor Dr. Dr. med. Dagmar Führer, Vize-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und Direktorin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Universitätsklinikum Essen. Entgegen den allgemeinen Empfehlungen sollten Schwangere den Test bereits zu Beginn der Schwangerschaft durchführen. „Die Funktionskontrolle der Schilddrüse sollte deshalb bereits etwa in der sechsten Woche stattfinden“, so die Expertin. In der Regel bieten Ärzte die Untersuchung als sogenannte individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) im dritten Schwangerschaftsmonat an. Der Test kostet etwa 15 Euro. Bislang übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht.

Der Schilddrüsenfunktionstest beruht auf einer Messung des sogenannten Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) im Blut. Ist dieser Wert erhöht, und werden zudem normale oder erniedrigte Werte des Schilddrüsenhormons Tetrajodthyronin (fT4) gemessen, ist dies ein Anzeichen für eine Unterfunktion der Drüse. Zu niedrige TSH-Werte weisen auf eine Schilddrüsenüberfunktion hin.

„Die Investition in den Test ist in jedem Fall sinnvoll“, sagt Professor Führer. „Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse beeinflussen den Verlauf der Schwangerschaft und die Entwicklung des Kindes, beide können zu Komplikationen und Schäden führen“. Während der Schwangerschaft komme es bei etwa 0,4 Prozent aller Frauen zu einer ausgeprägten und bei 3 Prozent zu einer unterschwelligen Schilddrüsenunterfunktion. Eine Überfunktion der Schilddrüse liege bei etwa 0,1 bis 0,4 Prozent der Schwangeren vor.

Wichtig sei es, schwangerschaftsbedingte Veränderungen der Schilddrüsenwerte von eigenständigen Schilddrüsenfehlfunktionen abzugrenzen, so die Expertin aus Essen. Neben Jodmangel könne auch eine gestörte, fehlgeleitete körpereigene Abwehr Ursache einer Schilddrüsenfehlfunktion sein. Besonders bei Frauen mit Autoimmunerkrankungen wie beispielsweise Typ-1-Diabetes, aber auch bei Frauen mit gehäuften Schilddrüsenerkrankungen in der Familie rät die DGE-Expertin, bereits vor der Schwangerschaft die Schilddrüsenfunktion zu kontrollieren. Nehme eine Frau bereits Schilddrüsenhormone ein, müsse die Dosis in der Schwangerschaft entsprechend angepasst werden. Wenn etwa unter der bisherigen Thyroxindosis eine normale Funktion vorliegt, so wird diese in der Regel um 30 Prozent erhöht.

Über eine Aufnahme der Schilddrüsenuntersuchung in den Katalog der Krankenkassenleistungen im Rahmen der „normalen“ Schwangerschaftsvorsorge diskutiert die Fachwelt seit Jahren. „Noch liegen keine ausreichenden Studienergebnisse vor, die zu einem einheitlichen Votum geführt haben“, erklärt DGE-Mediensprecher Professor Dr. med. Dr. h. c. Helmut Schatz aus Bochum. Die DGE plädiert jedoch dafür, dass Gynäkologen gemeinsam mit ihren endokrinologischen Kollegen alle werdenden Mütter über die Bedeutung von Jod in der Schwangerschaft aufklären. Um eine Unterfunktion der Schilddrüse zu vermeiden, sollten schwangere Frauen auf jeden Fall ausreichend Jod zu sich nehmen, betont Professor Schatz. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt bei Schwangerschaft eine tägliche Jodaufnahme von insgesamt 250 Mikrogramm pro Tag. Da in Deutschland die Verwendung von jodiertem Speisesalz üblich ist, sodass mit der Nahrung ungefähr 100 Mikrogramm Jod pro Tag aufgenommen werden, liegen die Empfehlungen der zusätzlichen Jodzufuhr durch Tabletten während der Schwangerschaft bei 150 Mikrogramm am Tag.

Literatur:
D. Führer: Schilddrüsenerkrankungen und Schwangerschaft, Internist 2011, 52:1158–1166, DOI 10.1007/s00108-011-2823-6, Online publiziert: 5. August 2011

Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Hormone werden von endokrinen Drüsen, zum Beispiel Schilddrüse oder Hirnanhangdrüse, aber auch bestimmten Zellen in Hoden und Eierstöcken, „endokrin“ ausgeschüttet, das heißt nach „innen“ in das Blut abgegeben. Im Unterschied dazu geben „exokrine“ Drüsen, wie Speichel- oder Schweißdrüsen, ihre Sekrete nach „außen“ ab.

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