Der Mensch ist so alt wie seine Gefäße – Was kann der Gefäßchirurg leisten?

„Vom biologischen Alter her gesehen ist 60 nicht gleich 60: Der eine ist mit 60 Jahren schon steinalt, der andere ist fit und fühlt sich im Großen und Ganzen wohl“, erklärt Gefäßchirurg Professor Dr. Dittmar Böckler. „Das hängt zu einem großen Anteil vom Zustand der Blutgefäße ab.“ Sind die erst einmal verkalkt, verengt und krankhaft verändert, sind schmerzhafte Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt und Schlaganfall nicht mehr weit. Was die Blutgefäße jung hält oder schneller altern lässt, bei welchen Alarmsignalen man zum Arzt gehen sollte und wie Gefäßchirurgen helfen können, erklärt der Ärztliche Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg bei „Medizin am Abend“ am Mittwoch, 29. Juli 2015. Themen sind neben der Vorbeugung, Früherkennung und Diagnostik von Gefäßerkrankungen auch moderne gefäßchirurgische Eingriffe, die heute häufig minimal-invasiv und unter örtlicher Betäubung vorgenommen werden können. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.

„Gefäßerkrankungen sind auf dem Vormarsch“, so Böckler. Das liege vor allem daran, dass immer mehr Menschen immer älter werden: „Wir haben heute in Deutschland bereits die viertälteste Bevölkerung der Welt.“ Grund genug für den renommierten Gefäßchirurgen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass jeder viel für seine Gefäßgesundheit tun kann – das reicht von einem gesunden Lebensstil bis hin zu Vorsorgeuntersuchungen und rechtzeitigen Arztbesuchen. „Viele machen sich keine Gedanken über den Zustand ihrer Blutgefäße und sind sich der Gefahren, die von Gefäßerkrankungen ausgehen, nicht bewusst.“ Das wäre aber nötig, leiden doch hierzulande viele über 40-Jährige bereits unbemerkt an sogenannter Arteriosklerose, d.h. an durch Ablagerungen verengten Gefäßen. Das kann vererbt sein, bei den meisten allerdings eine Folge des Lebensstils. Risikofaktoren sind z.B. Rauchen, unbehandelter Bluthochdruck, falsche Ernährung und zu wenig Bewegung.

Eine häufige Folge sind z.B. Durchblutungsstörungen in den Beinen, die als Schaufensterkrankheit oder periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) bezeichnet werden. Anfangs beginnen die Beine beim Gehen zu schmerzen, ohne Behandlung werden die Beschwerden immer schlimmer, schließlich stirbt Gewebe ab. Ebenfalls häufig sind die Halsschlagadern betroffen, was – wie jährlich bei mehr als 30.000 Menschen in Deutschland – einen Schlaganfall verursachen kann. Löst sich aus dieser Engstelle im Hals ein Blutgerinnsel, kann es Blutgefäße im Gehirn verstopfen.

3D-Navigation während OP und High-Tech-Gefäßprothesen

In seinem Vortrag wird Professor Böckler verschiedene Behandlungsmöglichkeiten vorstellen: Ob offen operiert wird oder Blutgefäße via Katheter wieder eröffnet werden, liegt in erster Linie an Zugänglichkeit und Zustand der Gefäße sowie am allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten. „Beide Vorgehensweisen sind in ihrem Ergebnis gleichwertig und auch die offenen Eingriffe sind nicht mehr so belastend wie noch vor einigen Jahren. Bei rund 45 Prozent der Patienten führen wir die offene Operation an der Hauptschlagader dank hervorragender Anästhesie heute in örtlicher Betäubung durch“, so der Experte. Im Heidelberger Hybrid-OP-Saal ist zudem die Kombination sowie der nahtlose Wechsel zwischen Katheter-Eingriff und offener Operation möglich. In einem Film aus dem OP können die Besucher eine solche Operation an der Halsschlagader verfolgen und gewinnen einen Eindruck davon, welches Ausmaß Gefäßablagerungen annehmen können.

Von der ausgefeilten Technik im Hybrid-OP profitieren auch Patienten mit einem sogenannten Aorten-Aneurysma, einer Aussackung der Bauchschlagader. Ab einer bestimmten Größe sollte ein solches Aneurysma dringend stabilisiert werden, denn es besteht die Gefahr, dass die Gefäßwand an dieser Stelle reißt. Während des Katheter-Eingriffes hilft bei der Orientierung im Gefäß eine präzise intraoperative Bildgebung, für die es im Hybrid-OP einen Röntgendetektor an einem Roboterarm gibt. Dieser kann Aufnahmen aus beliebiger Richtung machen und daraus dreidimensionale, direkt verfügbare Bilder erzeugen. Zusätzlich können zuvor angefertigte Aufnahmen aus Kernspin- und Computertomographie in das Bild aus der OP eingefügt werden. Wie eine solche dreidimensionale Navigationshilfe während der OP aussieht, zeigt Professor Böckler in seinem Vortrag. Zudem stellt er moderne Gefäßprothesen vor, die mit aushärtendem Kunststoff in die Aorta eingepasst werden und das Aneurysma komplett versiegeln.

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang

Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 12.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit ca. 1.900 Betten werden jährlich rund 66.000 Patienten voll- bzw. teilstationär und mehr als 1.000.000 mal Patienten ambulant behandelt. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg.

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