Der dritte Mann – Psychische Folgen der künstlichen Befruchtung

Künstliche Befruchtung durch Samenspende, Eizellspende, Embryoadaption oder Leihmutterschaft: Immer mehr Menschen nehmen die Reproduktionsmedizin in Anspruch – sei es, weil sie unfruchtbar sind, weil sie in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben oder ein Kind alleine aufziehen möchten. Welche psychischen Folgen die modernen Fortpflanzungsmethoden für die Psyche haben können, wurde bisher von der Forschung noch wenig beachtet. „Bei der künstlichen Befruchtung entsteht ein Interessenkonflikt zwischen den Eltern und dem so gezeugten Kind“, berichtet Ann Kathrin Scheerer, niedergelassene Psychoanalytikerin in Hamburg. „Während die Eltern die Art der Zeugung am liebsten verschweigen möchten, wollen die Kinder möglichst viel über ihre biologische Herkunft erfahren und haben ein Recht auf Aufklärung.“ Welche Folgen hat die Aufspaltung zwischen genetischer und sozialer Elternschaft für die Eltern und vor allem für das Kind? Welche Rolle spielt der unbekannte dritte Mann oder die unbekannte dritte Frau innerhalb der Familie? Darüber wird die Psychoanalytikerin auf der 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. referieren, die morgen in Würzburg beginnt.

„Die Reproduktionsmedizin hat die Macht der Biologie lange unterschätzt“, sagt Scheerer, die zusammen mit einer Kollegin das kürzlich erschienene Buch „Auf neuen Wegen zum Kind“ herausgegeben hat. „Wir wissen aber aus den Erfahrungen mit Adoptionen, dass Kinder den starken Wunsch verspüren zu wissen: Von wem stamme ich ab?“ Aus Gesprächen mit „Spenderkindern“ – also Kindern, die mit Hilfe einer Samenspende zur Welt gekommen sind – weiß sie, dass die Kinder häufig spüren, dass es ein Geheimnis gibt. Automatisch machen sie sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten mit ihren Eltern, die sie möglicherweise dann vermissen. Haben sie herausgefunden, dass sie ein „Spenderkind“ sind, kollidiert ihr Interesse, den biologischen Vater kennenzulernen, mit dem Wunsch, den sozialen Vater nicht zu kränken. Der unbekannte Dritte verwirrt möglicherweise ihr Selbstbild, die Identitätsfindung ist erschwert. „Diese Konflikte werden auch nicht mit dem Argument aufgelöst, dass sie doch – im Gegensatz zu vielen natürlich gezeugten Kindern – Wunschkinder seien“, so Scheerer. „Vielmehr betrachten sie sich als Ersatzkind für das Kind, das die Eltern auf natürlichem Weg nicht zeugen konnten.“ Sie fordert, dass Paare sich mit all diesen Fragen mehr auseinandersetzen, bevor sie das Abenteuer einer künstlichen Befruchtung eingehen. „Schließlich sollten es die sozialen Eltern schaffen, den oder auch die Dritte mit ins Familienboot zu holen.“

Neben den Auswirkungen der Reproduktionsmedizin stehen gewollte Kinderlosigkeit, Klimawandel, Rechtspopulismus, die Weitergabe von traumatischen Erfahrungen über die Generationen hinweg und viele andere Themen mehr auf dem Programm. Mit der Tagung feiert die DGPT gleichzeitig ihr 70-jähriges Bestehen.

Während des Kongresses ist die DGPT erreichbar unter Tel. 030 887163934 oder unter Tel. 0931 3053751 (Ansprechpartner: Dr. Felix Hoffmann).

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