Der Blick in das Gehirn: Tübinger Neurowissenschaftler zu Gehirn-OPs bei vollem Bewusstsein

Wird ein Gehirntumor bei einem Patienten festgestellt, besteht der erste Behandlungsschritt meist aus der Entfernung der Geschwulst in einer neurochirurgischen Operation. Eine solche Operation ist riskant. Das menschliche Gehirn ist die Steuerzentrale all unseren Erlebens und unserer Reaktionen und eine Schädigung kann zu einer Beschränkung oder gar zu einem Verlust von kognitiven Fähigkeiten führen. Viele und weit über das Gehirn verteilte Regionen tragen für uns wichtige Funktionen wie zum Beispiel die Sprache, das Gedächtnis, das Erkennen von Gegenständen und vieles mehr. Muss eine Geschwulst in der Nähe solcher Regionen entfernt werden, sind Operationen am wachen Patienten mit umfangreicher Testung der kognitiven Hirnfunktionen während des Eingriffs möglich. Im Verlauf einer solchen Operation ohne Vollnarkose unterhalten sich die Ärzte während des Eingriffs am Gehirn mit dem Patienten oder zeigen Gegenstände, die es zu erkennen und zu benennen gilt. So können die Operateure sofort erkennen, ob sie während der Entfernung des Tumors wichtige und bislang gesunde Strukturen stören. So bleiben dem Patienten Sprach- und Sehstörungen, Lähmungen oder Wesensveränderungen erspart.

Eine solche Operation ist nicht nur für den Patienten segensreich, sondern erlaubt auch (ganz nebenbei) neue Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns.
So dachten Gehirnforscher jedenfalls bisher. Beobachtungen, die bei solchen Operationen gemacht wurden, dienten auch dazu, genaue Aussagen und Modelle darüber zu formulieren, welche spezielle Rolle einzelne Hirnregionen im Konzert mit anderen Regionen innehaben bei Prozessen wie zum Beispiel der Sprache oder der Planung von Bewegungen. In einer Online Vorab-Veröffentlichung der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science weist der Tübinger Neurologe Professor Dr. Dr. Hans-Otto Karnath zusammen mit seinen Kollegen Svenja Borchers und Marc Himmelbach nun darauf hin, dass die bei diesen Operationen gesammelten Beobachtungen für das Verständnis der kognitiven Prozesse selbst nur bedingt hilfreich sind. Zwar lässt sich feststellen, wo im Gehirn sich Regionen befinden, die an solchen Prozessen beteiligt sind, die Funktion selbst aber, das heißt, das Verständnis, wie wir unsere Sprache benutzen, um miteinander zu kommunizieren, wie Vergangenes im Gedächtnis gespeichert und dann wieder abgerufen werden kann oder wie verschiedenste Wahrnehmungen, Gefühle, Absichten oder Gedanken unser Verhalten beeinflussen, lassen sich auf diese Weise leider bislang nicht genau erhellen.
Das mag die Neurowissenschaftler enttäuschen; den Patienten kann es aber egal sein. Schließlich werden diese Eingriffe nicht um der Forschung willen gemacht, sondern dienen allein dem Erhalt solcher Fähigkeiten während einer Gehirnoperation. "Aber auch die Neurowissenschaftler gehen am Ende nicht ganz leer aus", sagt Professor Karnath. "Wenn die Erfahrungen aus den Wach-Operationen mit Ergebnissen aus der Anwendung anderer Methoden, wie zum Beispiel der funktionellen Bildgebung oder auch der Untersuchung von neurologischen Patienten mit Schlaganfällen, kombiniert werden, ergibt sich daraus oft ein Gesamtbild, das auch den Wissenschaftlern neue Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns erlaubt."

Originaltitel der Publikation: Comment on "Movement Intention After Parietal Cortex Stimulation in Humans"
Autoren: Hans-Otto Karnath, Svenja Borchers, Marc Himmelbach
Science advance online publication 05.03.2010 <http://www.sciencemag.org/cgi/reprint/327/5970/1200-c.pdf>
DOI: 10.1126/science.1183735

Kontakte:
Universitätsklinikum Tübingen, Sektion Neuropsychologie,
Zentrum für Neurologie
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
Prof. Dr. Dr. Hans-Otto Karnath
Tel.: 0 70 71/29-8 04 76 (Sekretariat), Fax: 0 70 71/29-59 57
E-Mail: Karnath@uni-tuebingen.de

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(idw, 03/2010)

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