Der Arzt als Getriebener?

„Ärztliches Handeln – Erwartungen und Selbstverständnis.“ Das ist das Thema, das auf dem diesjährigen Leopoldina-Symposium am 7. und 8. April in Rostock diskutiert wird. Gastgeber ist die Alma Mater der Hansestadt. Uni-Rektor Professor Wolfgang Schareck freut es, dass die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina erneut in Rostock tagt und ein sehr aktuelles Thema diskutiert.

Selbstbestimmung des Patienten, Schadensvermeidung, Ausrichtung am Patientenwohl und der Aspekt der sozialen Gerechtigkeit treffen in der konkreten Arzt-Patienten-Begegnung auf eine vielschichtige und zum Teil widersprüchliche Realität. Vom Anfang bis Ende des Lebens.

„Die Medizin hat heute großartige Möglichkeiten, durch die sie aber auch vor noch schwereren Entscheidungen steht als früher“, sagt Professor Wolfgang Bernard, Inhaber des Lehrstuhls für Gräzistik und Direktor des Heinrich-Schliemann-Instituts für Altertumswissenschaften an der Uni Rostock. Er hat gemeinsam mit Professor Rudolf Guthoff, der von 1992 bis 2014 Direktor der Universitätsaugenklinik Rostock war und jetzt Seniorprofessor der Uni Rostock ist, die wissenschaftliche Koordination des Symposiums. Die große Frage sei zu diskutieren, „dürfen wir alles tun, was wir tun können?“, sagt Prof. Guthoff. Zudem seien die Verfahren oft teuer. Und: Wie entscheide man, wer in den Genuss der Behandlung komme und wer nicht? Professor Bernard ergänzt: „Die Frage verschärft sich, wenn man sie im globalen Maßstab stellt“. Allgemein sei zu fragen, inwieweit wirtschaftliche Fragen in der Medizin eine Rolle spielen dürfen. Prof. Bernard: „Unsere Tagung will die aktuelle Diskussion über Medizinethik um eine internationale kulturvergleichende Dimension und um historische und philosophische Aspekte bereichern“. Da gehe es um solche Themen: „Soll und darf die Medizin sich ganz der Naturwissenschaft zuwenden, oder muss sie als Wissenschaft über den Menschen auch andere Aspekte berücksichtigen“. Professor Bernard ist mit seinem Kollegen Professor Rudolf Guthoff seit langem über solche Fragen im Gespräch. Beim Symposium der Leopoldina wollen die beiden Wissenschaftler, wie sie es formulieren, „den Versuch unternehmen, ein echtes Gespräch über die ethischen Probleme ärztlichen Tuns in der heutigen Welt zwischen Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Herangehensweisen in Gang zu bringen.“

Das ist auch die Erwartung von Professor Attila Altiner, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Rostock. Für ihn sei das Symposium ein Austausch von Wissenschaftlern, die sich tiefgreifend mit wichtigen Fragen beschäftigen, die sowohl Wissenschaft als auch die Gesellschaft interessieren. „Das Symposium bietet die Chance, den eigenen Horizont zu erweitern.“ Ärzte würden sich gegenwärtig in einer sehr herausfordernden Situation befinden, sagt Prof. Altiner. Er verweist auf die zahlreichen Zwänge der Mediziner: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Standards, die von außen definiert würden, unterschiedliche Ansprüche von Arzt und Patient und auch rechtliche Aspekte. Diese Verantwortung könne durch mehr Transparenz auf mehrere Schultern verteilt werden. „Dadurch würde der Arzt freier und er sei weniger Getriebener, wie es nicht selten der Fall ist“. Insofern könne verhindert werden, dass die Medizin ihre Seele verliert“, sagt Prof. Altiner, der ein Plädoyer für mehr Patienten-Partizipation hält. Es gehe darum, auf welche politischen und rechtlichen Eckpunkte das ärztliche Selbstverständnis heute treffe. Text: WOLFGANG THIEL

Kontakt:
Universität Rostock
Prof. Dr. Wolfgang Bernard,
Institutsdirektor
Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften
Tel. +49 381 498-2785
E-Mail: wolfgang.bernard@uni-rostock.de

Scroll to Top