Depression von Bewohnern in Altenpflegeheimen

Depression von Bewohnern in Altenpflegeheimen

Depression von Bewohnern in Altenpflegeheimen. Obwohl Depression nach den Demenzen die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter ist, gibt es bei der Versorgung der Betroffenen in Pflegeheimen große Defizite, insbesondere was die Psychotherapie angeht. Die Erkrankung wird zudem häufig nicht erkannt. Dementsprechend ist es Ziel des Projektes „Depression im Altenpflegeheim: Verbesserung der Behandlung durch ein gestuftes kollaboratives Versorgungsmodell“ (DAVOS), Depressionen bei Bewohnerinnen und Bewohnern in stationären Pflegeeinrichtungen frühzeitig zu erkennen und die medizinische, pflegerische und psychotherapeutische Behandlung zu verbessern. Durch das Hessische Institut für Pflegeforschung (HessIP) mit Sitz an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) werden im Rahmen des Forschungsprojektes unter der Teilprojektleitung von Prof. Dr. Ulrike Schulze Schulungskonzepte zur Qualifikation von Pflegefachpersonen und weiteren Berufsgruppen auf Grundlage von Ergebnissen teilnehmender Beobachtungen entwickelt und formativ evaluiert, also stetig an die Bedürfnissen und Bedarfen der Schulungsteilnehmenden angepasst. Ziel ist es, die Bedürfnisse der Bewohner/-innen mit Depression im Rahmen der Betreuung stärker zu berücksichtigen und Pflegefachpersonen sowie Betreuer/-innen hinsichtlich dieser Erkrankung zu sensibilisieren. Das Projekt DAVOS wird seit April 2018 bis 2021 vom Innovationfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) gefördert und erfolgt in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Die Konsortialführung obliegt der Goethe-Universität (Institut für Allgemeinmedizin). Die Initiatoren kooperieren mit zehn Pflegeeinrichtungen zweier Träger im Frankfurter Raum (Frankfurter Verband und Agaplesion Markus Diakonie).

Depression in Altenpflegeheimen

Das HessIP hat die teilnehmenden Beobachtungen im ersten Projektjahr in vier Altenpflegeeinrichtungen durchgeführt, indem insbesondere Pflegende bei ihrer Arbeit begleitet wurden. Hierbei konnten umfangreiche Einblicke in die Tagesstruktur der Pflegenden, Betreuer/-innen und Bewohner/-innen gewonnen werden. Die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung zeigen, dass sich die Pflegenden im Rahmen ihrer Tätigkeit in einem Spannungsverhältnis zwischen Anforderungen der Einrichtung und den Erwartungen der Bewohner/-innen bewegen. Um diesen teils widersprüchlichen Erwartungen und Anforderungen zu begegnen, entwickeln die Pflegenden in ihrem beruflichen Alltag individuelle Strategien. So zeigte sich beispielsweise, dass es sich auf das Team entlastend auswirken kann, wenn die an den Bewohner/-innen orientierte Aufgabenverteilung gemeinsam priorisiert wird. Dies fördert eine begleitende Teamkultur und die Pflegenden fühlen sich nicht als Einzelkämpfer/-innen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist es – im Sinne der Selbstfürsorge – einen Rückzugsort bzw. Räume zu schaffen, die individuell vom Team gestaltet sind. Dort ist der Ort um inne zu halten oder sich im Team auszutauschen, denn bei steigendem Druck wird das kurze Durchatmen oder das Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen als Ausgleich empfunden.

Depressiv in Pflegeheimen

Auf Basis der Erkenntnisse der teilnehmenden Beobachtung wurden unterschiedliche Spannungsverhältnisse ermittelt, die sowohl aus der Perspektive der Bewohner/-innen mit Depression als auch der Pflegenden relevant sind. Diese werden nun im Rahmen der Qualifizierungsmodule aufgegriffen und mögliche Lösungswege gemeinsam erarbeitet.

Beispielsweise stellt der Einzug in die stationäre Pflegeeinrichtung ein einschneidendes Erlebnis für die Bewohner/-innen dar. Es werden persönliche Gegenstände wie Möbel und Bilder zurückgelassen sowie individuelle Gewohnheiten zugunsten einer pflegerischen Versorgung aufgegeben. Der entstehende Zwiespalt wurde im Projekt durch die Gegenpole „Öffentlichkeit und Privatheit“ als Spannungsbogen abgebildet und unter dem Aspekt, eine vertraute Umgebung schaffen und ein Stück Heimat erhalten zu wollen, den Mitarbeitenden vorgestellt und von ihnen eingeschätzt, welche Möglichkeiten sich hierfür bieten. Aus Sicht der Mitarbeitenden können dies bereits kleine Aufmerksamkeiten im pflegerischen Alltag sein: Wahrung der Privatsphäre durch das Anklopfen und Warten an den Zimmertüren der Bewohner/-innen, Gespräche über die Vergangenheit, Biographiearbeit, Berücksichtigung individueller Wünsche oder die Gestaltung von Gemeinschaftsräumen und persönliche Einrichtungsgegenstände in den Zimmern der Bewohner/-innen. „Die rege Diskussion mit den Berufsgruppen verdeutlichte, dass vonseiten der Mitarbeitenden ein großes Interesse an einem Austausch zu dem Thema ,Depression im Altenpflegeheim‘ besteht“, betont Prof. Dr. Ulrike Schulze, Professorin für Pflegewissenschaft/Klinische Pflege an der Frankfurt UAS und Leiterin des HessIP. „Die Spannungsbögen ermöglichen eine kritische Reflexion und einen berufsübergreifenden Erfahrungsaustausch mit Lösungsorientierung und sensibilisieren gleichzeitig für die Bedürfnisse der Bewohner/-innen mit Depression“, resümiert Schulze. Im Rahmen der Diskussionen wurde zudem deutlich, welcher Handlungsspielraum im pflegerischen Alltag den Pflegenden trotz Vorgaben der Einrichtung zur Verfügung steht und wie dieser im Hinblick auf eine bedürfnisorientierte Pflege gestaltet werden kann. So wurde an einem vorgetragenen Fallbeispiel deutlich, wie die Zeit, in der pflegerische Tätigkeiten stattfinden, trotz Zeitmangel intensiv genutzt und ausgeschöpft werden kann, um Gespräche zu führen und Anliegen der Bewohner/-innen aufzugreifen. Hierbei nimmt auch die berufsgruppenübergreifende, sich ergänzende Zusammenarbeit einen wichtigen Stellenwert ein. Wie diese gelingen kann wurde ebenfalls thematisiert und diskutiert.

Die vorläufige Konzeption der Schulungseinheiten wird im Herbst 2020 inklusive der Durchführung erster Pilot-Schulungen abgeschlossen sein. Besonderheit des Vorgehens ist es somit, dass die Schulungseinheiten im engen Austausch mit der Praxis entwickelt werden, sodass Anregungen und Wünsche der Pflegendenden und Betreuer/-innen, fortlaufend aufgegriffen werden können und bestimmte fachliche Themen oder Übungs- und Arbeitsformen in das Schulungskonzept einfließen können. Mögliche Informationsbedarfe der Mitarbeitenden beispielsweise Verhaltensweisen und Haltungen in schwierigen Gesprächen oder in der Gesprächsführung, werden durch das HessIP kontinuierlich aufgegriffen, didaktisch aufbereitet und im Rahmen der Schulungen vermittelt. Das partizipative Vorgehen stellt sicher, dass die Inhalte auch langfristig in den Altenpflegeeinrichtungen umsetzbar sind und die Berufsgruppen hinsichtlich der Betreuung von Menschen mit Depression unterstützt werden. Ziel wird es sein, den Mitarbeitenden einen Raum zu bieten, um sich über ihren Berufsalltag in Bezug auf die Betreuung von Menschen mit Depression auszutauschen und diesbezüglich Lösungsmöglichkeiten für mögliche Herausforderungen zu entwickeln. „Insbesondere der berufsgruppen- und einrichtungsübergreifende Rahmen kann durch das Einbringen der unterschiedlichen Perspektiven auf Problemstellungen förderlich sein“, so Lisa Luft, wissenschaftliche Mitarbeiterin des HessIP. „Zum Beispiel im Umgang und der bestmöglichen Auslastung der zur Verfügung stehenden Zeit für die einzelnen Bewohner/-innen können die Mitarbeitenden im Austausch voneinander lernen und im Berufsalltag profitieren. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Austauschs häufig herausgearbeitet, wie sich die Berufsgruppen im Alltag gut ergänzen können, was gleichzeitig zu einer gegenseitigen Anerkennung von Expertise führte“, ergänzt Katja Kraus, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im HessIP.

Umgang mit Depressionen in Altenpflegeheimen

Ein zentraler Schwerpunkt des Projektes ist es, den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Depression Zugang zu Psychotherapie zu ermöglichen. Dazu werden ausgewählte Pflegefachpersonen und/oder Betreuer/-innen aus den zehn kooperierenden Altenpflegeheimen als Case-Manager/-innen geschult, um eine entsprechende Versorgung im interprofessionellen Kontext sicherzustellen. Im Rahmen dieses Versorgungskonzepts wird beispielsweise ein Instrument zur Einschätzung möglicher Symptome einer Depression im Alter angewendet und es werden Gruppen zur Verbesserung des Wohlbefindens für die Bewohner/-innen angeboten. Um die Mitarbeitenden bei der Umsetzung ihrer neuen Aufgaben und ihrer neuen Rolle sowie bei der Einführung der neuen Versorgungsformen kontinuierlich zu unterstützen, wurde durch das HessIP ein Supervisionskonzept entwickelt und Supervisionen durchgeführt. „Die Supervision schafft durch unterschiedliche Übungen und Arbeit mit Fallbeispielen Raum für soziales Lernen und fördert Handlungssicherheit im beruflichen Alltag. Bei Bedarf sind ergänzende Einzelsupervisionen vorgesehen“, so Schulze.

„Zwischen dem, was in Form evidenzbasierter und konsentierter Empfehlungen in medizinischen Leitlinien niedergelegt ist, und dem, was in der Praxis am Ende davon ankommt, klafft manchmal eine große Lücke. De facto findet eine Therapie der Depression im Pflegeheim so gut wie gar nicht statt“, erläutert Prof. Dr. med. Johannes Pantel, Leitung Arbeitsbereich Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Uni und Konsortialführer von DAVOS. „Mit dem Projekt DAVOS wollen wir einen praxisnahen Weg aufzeigen, um diesen Missstand in Zukunft abzumildern“, so Pantel weiter.

Die Zwischenergebnisse des Projekts DAVOS wurden im Rahmen von Vorträgen auf dem Kongress Lernwelten in Klagenfurt sowie dem 5. Internationalen Kongress New Generation – ADVANCED PRACTICE NURSE 2.0 präsentiert und der Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

HessIP
Das Hessische Institut für Pflegeforschung (HessIP) wurde 2001 von drei hessischen Hochschulen mit Pflegestudiengängen, der Evangelischen Hochschule Darmstadt, der Fachhochschule Frankfurt am Main –heute Frankfurt University of Applied Sciences – und der Hochschule Fulda mit Geschäftsstelle in Frankfurt gegründet. Neben Erforschung pflegewissenschaftlicher Fragestellungen und deren Umsetzung in die Praxis, ist die Vernetzung von Forschung und Lehre ein weiteres Hauptaufgabengebiet des Instituts. Studierende der drei Hochschulen und darüber hinaus aus der gesamten Bundesrepublik sowie aus dem europäischen Ausland nutzen die Möglichkeit des Praktikums im HessIP. Das HessIP ist mit einer Vielzahl an innovativen, pflegewissenschaftlichen Projekten eine der wichtigsten Anlaufstellen für Pflegeforschung in Hessen.
Weitere Informationen zum HessIP unter: http://www.hessip.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit, Prof. Dr. Ulrike Schulze, Telefon: 069/1533-2845, E-Mail: ; Hessisches Institut für Pflegeforschung (HessIP), 069/1533-3245,

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