„Depression: Die guten Behandlungsmöglichkeiten werden oft nicht genutzt!“

Berlin, 13. Oktober 2010 – In den letzten 30 Jahren gab es einen Rückgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf circa 9.400, mit stärkstem Rückgang in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Einer der wichtigsten Gründe für diesen sensationellen Rückgang dürfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sein. Trotz dieser Fortschritte werden auch heute noch weniger als zehn Prozent der circa vier Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, so schätzen Experten. „Dies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen wie Antidepressiva und kognitive Verhaltenstherapie zur Verfügung stehen“, sagte Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen Bündnisse gegen Depression anlässlich des Europäischen Depressionstages (16. Oktober 2010) in Berlin.

Die diagnostischen und therapeutischen Defizite werden auch anhand neuester epidemiologischer Daten dargestellt. Zu den Gründen für diese Defizite zählen auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle und Erschöpfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Außerdem wissen häufig die Betroffenen selbst und oft auch die Ärzte nicht um die guten Behandlungsmöglichkeiten. Mit Antidepressiva und bestimmten psychotherapeutischen Verfahren wie der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie kann bei über 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Übrigens glauben immer noch 80 Prozent der Bevölkerung fälschlicherweise, dass Antidepressiva süchtig machen oder die Persönlichkeit verändern. Dies ist nicht der Fall.

Weniger Suizide und Suizidversuche

Unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (www.deutsche-depressionshilfe.de) und unter Schirmherrschaft des Entertainers Harald Schmidt werden in Deutschland in mehr als 50 Regionen und europaweit bereits in mehr als 100 Regionen gemeindebasierte 4-Ebenen-Interventionen durchgeführt, mit dem Ziel, die Versorgung depressiv Erkrankter zu verbessern und die Suizidraten weiter zu senken. Hier
• erfolgt eine Kooperation mit Hausärzten,
• wird die breite Öffentlichkeit über eine PR-Kampagne informiert,
• werden Multiplikatoren wie Lehrer, Pfarrer, Apotheker, Altenpfleger und Journalisten werden geschult und
• werden Selbsthilfeaktivitäten gefördert.

(1). Eine neueste Auswertung des Modellprojektes „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ ergab, dass hierdurch die Zahl der suizidalen Handlungen (Suizide + Suizidversuche) auch nachhaltig um mehr als 30 Prozent gesenkt werden kann (2).

(1) HEGERL U, WITTMANN M, ARENSMAN E, VAN ADENHOVE C, BOULEAU J-H, VAN DER FELTZ-CORNELIS, GUSMÄO R, KOPP M, LÖHR C, MAXWELL M, MEISE U, MIRJANIČ M, ÓSKARSSON H, PÉREZ SOLA V, PULL C, PYCHA R, RIČKA R, TUULARI J, VÄRNIK A, PFEIFFER-GERSCHEL T (2008): The ‘European Alliance Against Depression (EAAD)’: A multifaceted, community-based action programme against depression and suicidality. World J Biol Psychiatry 9: 51-58.

(2) HEGERL U, MERGL, R, HAVERS I, SCHMIDTKE A, LEHFELD H, NIKLEWSKI G, ALTHAUS D (2010) Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 260(5):401-416.

Ansprechpartner:
Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Prof. Dr. Ulrich Hegerl
Semmelweisstr. 10
04103 Leipzig
Tel: 0341/97-24530
Fax: 0341/97-24599
info@deutsche-depressionshilfe.de
<www.deutsche-depressionshilfe.de>
(idw, 10/2010)

Scroll to Top