Das Rezept gegen den Hausärzte-Mangel geht auf

Die Verbundweiterbildung Plus Allgemeinmedizin wächst und gedeiht: Die teilnehmenden Ärzte sind hoch zufrieden, die Anzahl der Verbünde steigt weiter an, ein hochkarätiger Beirat aus wichtigen Entscheidungsträgern wurde gebildet, und im Februar hat das Modellprojekt die Auszeichnung "Ort des Tages" der Initiative "Deutschland – Land der Ideen" erhalten.

Professor Dr. Joachim Szecsenyi, Leiter des Heidelberger Kompetenzzentrums und der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg, und seine Arbeitsgruppe scheinen ein Rezept gegen den Hausärztemangel gefunden zu haben, indem sie den Ärzten ihre Weiterbildung quasi auf dem goldenen Teller servieren. Das Programm ist so attraktiv, dass sogar ausgewanderte Ärzte wieder nach Deutschland zurückkommen möchten.

Kein Flickenteppich mehr, sondern Weiterbildung aus einem Guss

In Deutschland können demnächst rund 20.000 Hausarztpraxen nicht nachbesetzt werden, so die düstere Vorhersage von Fachleuten. Die Mitarbeiter des Baden-Württembergischen Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin haben erkannt, wie sie den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver machen können, um diesem Mangel entgegen zu wirken. Die Verbundweiterbildung Plus Allgemeinmedizin bietet den Bewerbern über 5 Jahre eine strukturierte, kontinuierliche und qualitativ hochwertige Weiterbildung mit regelmäßigen begleitenden ganztägigen Seminaren an, die die angehenden Hausärzte optimal auf die Arbeit in der Praxis vorbereitet. "Gerade der Austausch mit anderen jungen Kolleginnen und Kollegen und das gemeinsame Lernen in der Gruppe ist hochattraktiv und macht den besonderen Reiz des Programmes aus", so Privatdozenton Dr. Stephanie Joos, selbst Allgemeinärztin und eine der Betreuerinnen.

Bisher sah die Weiterbildung für den Facharzt für Allgemeinmedizin so aus, dass die Ärzte in unterschiedlichen Fachgebieten allerlei fachspezifische, aber nicht unbedingt hausärztlich relevante, Inhalte erlernt haben. Die angehenden Hausärzte mussten sich die passenden Weiterbildungsstellen selbst zusammensuchen und häufig wechseln, um die Weiterbildungsanforderungen erfüllen zu können. Die neuen Weiterbildungsstellen dagegen sind so zugeschnitten, dass die späteren hausärztlichen Tätigkeiten immer im Auge behalten werden. Die regionalen Weiterbildungsverbünde bieten nahtlos ineinander übergehende Stellen in Kliniken und ausgewählten Praxen an, die in der unmittelbaren Umgebung liegen und den Bewerbern ständige Umzüge ersparen.

Nachahmer in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Bayern

Inzwischen ist die Anzahl der Verbünde auf 22 gestiegen, jeder dieser Verbünde kann mindestens eine kontinuierliche Weiterbildungsstelle anbieten. Bisher konnte jeder Bewerber berücksichtigt werden. Baden-Württemberg ist bundesweiter Vorreiter für diese Form der Verbundweiterbildung, Nachahmer finden sich aber bereits in mehreren Bundesländern u.a. in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Bayern. Im November 2009 wurde ein neuer Beirat aus Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung, Krankenkassen, Ministerien, Ärztekammern, Krankenhausgesellschaft und Repräsentaten der Gemeinden gebildet, um wichtige Entscheidungsträger und ihre unterschiedlichen Perspektiven zu integrieren und das Programm gemeinsam weiter zu entwickeln.

Am 18. Februar 2010 war die Verbundweiterbildung Plus, Heidelberg, "Ort des Tages" der Initiative "Deutschland – Land der Ideen". Anlässlich dieser Auszeichnung wird es am 24. April diesen Jahres auch eine öffentliche Veranstaltung geben.

Schulungsprogramm für den Arzt als Unternehmer und "Corporate Identity"

Sechsmal im Jahr bietet das Modellprojekt zusätzlich zur Weiterbildung ein spezielles Schulungsprogramm für alle im Programm eingeschlossenen Ärzte an, das auch auf die unternehmerischen Fähigkeiten eines selbstständig arbeitenden Praxisinhabers vorbereitet. Zurzeit nehmen 45 Ärzte am Schulungsprogramm teil, 20 weitere warten auf den Beginn der nächsten Kohorte. Die Schulungen erfolgen immer in der gleichen Gruppe mit etwa 20 Teilnehmern, so dass ein kollegialer Zusammenhalt über das Programm hinaus entstehen kann.

Ende Januar fand die Auftaktveranstaltung für die 2. Kohorte der Ärzte in Weiterbildung statt. Die Veranstaltung stieß auf eine sehr gute Resonanz bei den Teilnehmern. Dass das Programm tatsächlich auch eine neue Hausarztidentität schafft, zeigen folgende Teilnehmer-Kommentare: "Nach dieser Veranstaltung bin ich stolz zu sagen, dass ich Hausärztin werden will", "Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal eine Wertschätzung zu erhalten", "Man bekommt eine Perspektive für die Zukunft", "Toll, dass man sich organisiert und eine Lobby hat". Über die Schulungen bleibt die Anbindung an universitäre Strukturen erhalten, und auf Wunsch erhalten die Bewerber einen Mentor.

Weitere Informationen im Internet:
www.allgemeinmedizin.uni-hd.de
www.versorgungsforschung-aktuell.de
www.kompetenzzentrum-allgemeinmedizin.de
www.verbundweiterbildung-allgemeinmedizin.de

Literatur:
Joos S., Das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin. In: Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (Hrsg.): Versorgungsbericht 2008. KV BW Stuttgart 2009; 22-25.

Joos S, Szecsenyi J., Bessere Vernetzung soll den Hausärztemangel bekämpfen. Deutsches Ärzteblatt 2009; 106(14): A-652.

Steinhäuser J., Joos S, Ledig T, Peters-Klimm F., FORUM Weiterbildung – gegen Zufall und Beliebigkeit – Beitrag zur Entwicklung einer die Weiterbildung begleitende Gruppe. Z Allg Med 2008; 84: 336-339.

Kruschinski C, Blauth E, Peters-Klimm F., Allgemeinmedizinische Aus- und Weiterbildung: Was können und sollten wir vom Ausland lernen? Bericht über das Vasco da Gama Movement (VdGM) – eine Interessengemeinschaft junger Allgemeinärzte in Europa. Z Allg Med 2008; 84: 243-245.

Ansprechpartnerin:
Priv. Doz. Dr. med. Stefanie Joos
komm. Leitende Oberärztin
Abteilung Allgemeinmedizin u. Versorgungsforschung
Universitätsklinikum Heidelberg
Voßstr. 2
69115 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 62 63
Fax: 06221 / 56 19 72
E-Mail: stefanie.joos@med.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.600 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.400 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.

www.klinikum.uni-heidelberg.de

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

TN
(idw, 03/2010)

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