Chronische Schlafstörungen. In Industrieländern wie Deutschland leiden schätzungsweise sechs bis zehn Prozent der Erwachsenen unter Chronischer Insomnie. Im fortgeschrittenen Lebensalter steigt die Prävalenz auf bis zu 20 Prozent.7
Was versteht man unter einer chronischen Insomnie?
„Insomnie ist eine eigene Krankheitsentität, die im fortgeschrittenen Lebensalter isoliert oder häufig auch zusätzlich zu anderen Komorbiditäten auftreten kann und eine spezifische und angemessene Behandlung erfordert“, erklärte Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Leer, im Rahmen eines Symposiums von Idorsia auf dem 37. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Weimar.
Welche Krankheiten werden durch chronische Insomnie ausgelöst?
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels warnte die Neurologin vor den möglichen langfristigen Auswirkungen von Insomnie im Alter. So können Schlafstörungen über die Anhäufung von Amyloid-Ablagerungen und Tau-Aggregaten zum Beispiel die Entstehung von neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer fördern.8
Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und psychiatrische Erkrankungen ist bei Patient:innen, die unter einer Chronischen Insomnie leiden, erhöht.9
Symptome bei einer chronischen Insomnie
Gemäß ICD-11 besteht eine Chronische Insomnie, wenn Betroffene mehrmals pro Woche über mindestens drei Monate anhaltende Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen haben, welche trotz angemessener Schlafmöglichkeit und Schlafumgebung auftreten und zu unterschiedlichen Beeinträchtigungen während des Tages führen.10 Altersbedingte Abweichungen wie eine Abnahme der Gesamtschlafdauer, kürzere Tiefschlafphasen und ein häufigeres nächtliches Erwachen seien hingegen physiologisch. Dies sei unbedingt bei der Diagnosestellung zu beachten, so Kotterba. Laut der Expertin werden Schlafprobleme bei geriatrischen Patient:innen beispielsweise häufig durch den Eintritt in den Ruhestand, Einsamkeit, fehlende körperliche Betätigung und verlängerte Aufenthaltszeiten im Bett sowie ein oftmals fehlender Tag-Nacht-Rhythmus induziert. Auch chronische Erkrankungen, Schmerzen und die Einnahme von bestimmten Medikamenten seien typische Auslöser von Insomnie bei älteren Menschen.
Hier gelte es unbedingt entgegenzuwirken und die Insomnie zu therapieren, um vor weiterem kognitiven Abbau im Alter und Frailty zu schützen. „Die kognitive Verhaltenstherapie sollte dem Alter angepasst und gegebenenfalls ein pharmakologischer Ansatz gewählt werden, der individuell auf die Situation der jeweils betroffenen Person zugeschnitten ist“, so Kotterba.
Hohe Orexin-Spiegel in der Nacht beeinträchtigen den Schlaf
„Neben allgemeinen Faktoren erfordert ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus das Zusammenspiel mehrerer neurobiologischer Systeme, unter anderem des Orexin-Systems“, erklärte Prof. Dr. Kai Kahl, Hannover. „Orexin A und B sind Neuropeptide, die über einen Flip-Flop-Mechanismus die Wachheit regulieren. Bei Chronischer Insomnie führt die Überaktivität im Orexin-System während der Nacht zu Hyperarousal mit gestörtem Nachtschlaf, Ein- und Durchschlafstörung und zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Tagesaktivität der Patient:innen.“
Als dualer Orexin-Rezeptor-Antagonist (DORA) setzt Daridorexant genau an dieser möglichen Ursache von Insomnie an und reduziert die überaktiven nächtlichen Wachsignale und erleichtert so das Ein- und Durchschlafen, ohne das physiologische Verhältnis der Schlafphasen zu verändern.#,2 ,11,12 „Dieser Wirkmechanismus bietet eine große Chance, insbesondere auch zur Therapie einer Chronischen Insomnie bei älteren multimorbiden Patient:innen, die aufgrund anderer Erkrankungen bereits viele andere Arzneimittel einnehmen“, so Kahl.
Daridorexant ist indiziert zur Behandlung von Erwachsenen mit Insomnie, deren Symptome seit mindestens drei Monaten anhalten und eine beträchtliche Auswirkung auf die Tagesaktivität haben.2 Der Wirkstoff wird explizit in der Europäischen Leitlinie (Chron. Insomnie) auch bei älteren Patient:innen empfohlen.9
Auch im Alter wirksam und verträglich
Kahl stellte in seinem Vortrag die Ergebnisse einer Subgruppenanalyse der Zulassungsstudie 301 vor, in der die Wirksamkeit und Sicherheit von Daridorexant 50 mg bei Patient:innen ab einem Alter von 65 untersucht wurden.6 „Diese Daten zeigen, dass Daridorexant auch bei älteren Patient:innen gut wirksam und verträglich ist. Auch bei den Älteren wiesen die verschiedenen Schlafparameter signifikante Verbesserungen auf“, erklärte Kahl. Neben den bereits in der Gesamtpopulation beobachteten Vorteilen bei Schlaf, kam es unter Daridorexant nach vier Wochen zu einer klinisch relevanten Verbesserung der Tagesaktivität (Schläfrigkeit, Stimmung und Aufmerksamkeit/Kognition).6 Dabei bestätigte sich in der untersuchten Altersgruppe das günstige Verträglichkeitsprofil mit einer vergleichbaren Gesamtinzidenz unerwünschter Ereignisse. 6
Positiv zu beurteilen ist auch, dass in den Zulassungsstudien keine Erhöhung des Sturzrisikos unter Daridorexant zu beobachten war.11 Denn dieses ist im Alter ohnehin erhöht und kann durch Schlafstörungen und andere Schlafmittel noch verschärft werden.13
Weitere Studien untersuchen Effekte auf Gleichgewichtssinn und Nykturie Unterstützend stellte Kahl eine Studie vor, welche unter anderem die Körperschwankung und den Gleichgewichtssinn bei Aufwecken von Patient:innen in der Nacht unter Daridorexant im Vergleich zu Placebo untersuchte.14 „Dabei zeigten die Patient:innen nach dem Aufwecken einen guten Gleichgewichtssinn und unbeeinträchtigte Motorik“, so Kahl. Die Körperschwankung nach dem Aufwecken erhöhte sich unter Daridorexant dosisabhängig leicht, wobei dieser Unterschied jedoch nicht statistisch signifikant war.14
Abschließend ging der Psychiater auf Nykturie als ein weit verbreitetes Problem in der Geriatrie ein: „Auch hier konnte unter Einnahme von Daridorexant eine Verbesserung der nächtlichen Herausforderungen beobachtet werden: die Anzahl der nächtlichen Toilettengäng konnte im Vergleich zu Placebo in Woche 1 signifikant und in Woche 4 numerisch reduziert werden und das ohne zusätzliches Auftreten von Inkontinenz.“ „Je weniger Toilettengänge erforderlich sind, desto geringer ist das Sturzrisiko geriatrischer Patientinnen und Patienten“, schlussfolgerte Kahl weiter.5
Therapie sollte individuell an Patient:innen angepasst werden
„Die Behandlung der Chronischen Insomnie muss im Kontext Alter und Multimorbidität individualisiert werden“, riet Prof. Dr. Helmut Frohnhofen, Düsseldorf. Anhand einer Kasuistik veranschaulichte der Geriater und Schlafmediziner, dass ältere Patient:innen auch in der täglichen Praxis von Daridorexant profitieren können. Frohnhofen stellte eine multimorbide 79-jährige Patientin vor, welche polypharmazeutisch behandelt wurde, funktionelle, emotionale und kognitive Einschränkungen aufwies und mit einer lang bestehenden Insomnie (verlängerte Einschlaflatenz, frühmorgendliches Erwachen und Durchschlafstörung) vorstellig wurde. Im Rahmen eines gründlichen Medikationschecks konnte die Behandlung der Patientin angepasst und optimiert werden. Eine in diesem Zusammenhang durchgeführte Polygraphie deckte außerdem eine obstruktive Schlafapnoe auf, an die gerade bei betagten Menschen mit Chronischer Insomnie immer gedacht werden müsse, erinnerte Frohnhofen. „Bei Vorliegen einer Schlafapnoe sind fast alle gängigen Hypnotika kontraindiziert, während der Einsatz von Daridorexant möglich ist“, so Frohnhofen weiter. Er machte in diesem Zusammenhang weiter darauf aufmerksam, dass eine Insomnie immer als eigenständige Erkrankung behandelt werden müsse. Das zeigt auch der in dem vorgestellten Fall positive Ausgang: Nach Therapiebeginn mit Daridorexant besserte sich die Insomnie deutlich.
Daridorexant ist auch in der Geriatrie eine Therapieoption
Die Expert:innen waren sich am Ende einig, dass sowohl die Datenlage als auch ihre persönlichen Erfahrungen darauf hindeuten, dass Daridorexant eine hilfreiche Therapieoption zur Behandlung der Chronischen Insomnie in der Geriatrie ist. Einer Disziplin, in der es gilt, viele Komponenten wie Multimorbidität, Polypharmazie und besondere Lebensumstände im Blick zu behalten. Hier ist es sicher hilfreich, einen Wirkstoff zur Verfügung zu haben, der lediglich bei Narkolepsie, Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der Hilfsstoffe und der gleichzeitigen Einnahme starker CYP3A4-Inhibitoren kontraindiziert ist.*,2
# Wie mittels Polysomnographie bei Patient:innen mit Insomnie oder elektroenzephalographischer Aufzeichnung bei Nagetieren untersucht.2
* Bei einer gleichzeitigen Anwendung von Arzneimitteln mit dämpfender Wirkung auf das zentrale Nervensystem sollte aufgrund der potenziell additiven Wirkung eine Dosisanpassung von Daridorexant und/oder der anderen Arzneimittel erwogen werden.2
Quelle:
Idorsia Pharmaceuticals Germany GmbH
Quellen
1 Ancoli‐Israel, S. & Cooke, J. R. J of the American Geriatrics Society 2005; 53, S264-S271.
2 Fachinformation QUVIVIQTM, aktuelle Version.
3 https://www.g-ba.de/downloads/39-261-6139/2023-08-17_AM-RL-III_Nr32-Daridorexant.pdf.
4 Kunz, D. et al. CNS Drugs 2023; 37(1): 93–106.
5 Lederer, K. et al. J Sleep Res. 2025; e70002.
6 Fietze, I. et al. Drugs Aging 2022; 39(10): 795-810.
7 Ohayon et al., Sleep Medicine Reviews 2002; 97-111.
8 Dauvilliers, Y. Front Neurol Neurosci 2021; 45:139–49.
9 Riemann, D. et al. J Sleep Res. 2023; 32(6) e14035.
10 BfArM. ICD-11 Version 2023-01. Online verfügbar unter: www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD 11/uebersetzung/_node.html.
11 Mignot, E. et al. Lancet Neurol 2022; 21: 125–39.
12 Roch, C. et al. Psychopharmacology 2021; 238(10): 2693–2708.
13 Stone, K.L. et al. Sleep Med. 2008;9(suppl 1):S18-S22.
14 Magliocca, M. et al. J Psychopharmacol. 2025; 39(3):223-232.
15 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte; ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung; https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html (Letzter Zugriff 24.06.2025).
16 Levenson, J.C. et al. Chest. 2015; 147(4):1179–1192.
17 Morin, C.M. et al. Nat Rev Dis Primers. 2015; 1:15026.
18 Spiegelhalder, K. et al. Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ – Update 2025 (AWMF-Registernummer 063-003) Version 2.0.
19 Muehlan, C. et al. J Psychopharmacol. 2020; 34(3):326–335.
20 Saper, C.B. et al. Trends Neurosci. 2001; 24(12).726–31.
21 Gotter, A.L. et al. BMC Neuroscience. 2013; 14(1):14–19.
22 De Mendonça, F.MR. et al. CNS Neurol. Disord. – Drug Targets; 2023; 22.2 (2023): 172-179.
