Chirurgen warnen: Zeitmangel beschädigt Arzt-Patienten-Verhältnis

Seit Einführung der Klinikvergütung DRG vor mehr als einem Jahrzehnt arbeiten die Krankenhäuser aus Sicht der Chirurgen immer intensiver daran, wirtschaftlich passgenaue Patientenfälle zu versorgen. „Es gilt, den maximalen Erlös zu erzielen –
je mehr und je schwieriger die Fälle bei mittlerer Verweildauer sind, desto besser“, berichtet Schackert. Die Zeit, die man mit den Patienten verbringt, schlägt sich hingegen nicht in der Vergütung nieder.

Zuwendung wird damit zur entbehrlichen Ressource. „Zeitmangel ist in der heutigen Medizin das zentrale Problem“, sagt Schackert. Mit teilweise gravierenden Folgen: So sei Zeitknappheit eine der Ursachen, weshalb in verschiedenen Fachgebieten die Operationszahlen ansteigen. „Viele Eingriffe würden entfallen, wenn wir die Zeit hätten, im Gespräch den Willen des Patienten kennenzulernen und die richtige, individuelle Indikation zu stellen“, meint die Neurochirurgin. „Dieser Zeitaufwand ist genauso wichtig wie die Operation mit gutem Behandlungsergebnis und muss in der Vergütung berücksichtigt werden.“

Zeitmangel und ökonomischer Druck können darüber hinaus zu einem Verlust an Vertrauen und Information führen. Weil viele Kliniken ums Überleben kämpfen, reduzieren die Einrichtungen die stationäre Verweildauer auf ein Minimum und sparen am Personal. „Es ist bereits üblich, Patienten am Tag des Eingriffs direkt nüchtern in den OP-Saal kommen zu lassen“, berichtet Schackert. „Das setzt nicht nur eine hervorragende Organisation bei der Vorbereitung voraus, sondern sorgt häufig auch für zusätzlichen Stress bei den Patienten“, betont die Medizinerin. Die Aufnahme auf die Station erfolgt dann erst nach dem Eingriff.

Auch ständig wechselnde Ärzte verunsichern die Patienten – nicht zuletzt Folge des Arbeitszeitgesetzes, das die Dauer der Schichten begrenzt und eine regelmäßige Rotation erfordert. „Bei allem Verantwortungsbewusstsein kann es bei den Übergaben zu Informationslücken kommen, die das Behandlungsergebnis gefährden“, warnt Schackert. Ein weiteres Indiz für das sich ändernde Arzt-Patienten-Verhältnis sieht Schackert in der steigenden Zahl an Patientenverfügungen. „Es sollte uns stutzig machen, dass mehr und mehr Patienten versuchen, Therapien zu begrenzen“, resümiert die DGCH-Präsidentin.

Es sei Zeit, sich auf das eigentliche Arzt-Patienten-Verhältnis zu besinnen, auf Empathie und Verantwortung. „Eine Medizin am Fließband, die jährlich eine Leistungssteigerung verlangt, kann nicht das Ziel sein und verliert den Patienten aus dem Blickfeld“, betont Schackert.

Welche Auswirkungen die zunehmende Ökonomisierung auf die operativen Fächer hat, ist Thema verschiedener Symposien auf dem 133. Chirurgenkongress, der am 26. April in Berlin beginnt.

Weitere Infos: .

Termine der Pressekonferenzen:

Vorab-Pressekonferenz
Mittwoch, 20. April 2016, von 11.30 bis 12.30 Uhr
Ort: Bibliothek der DGCH, Langenbeck-Virchow-Haus
Anschrift: Luisenstraße 58/59, 10117 Berlin

Kongress-Pressekonferenzen
Die Pressekonferenzen der DGCH finden während des Kongresses täglich im CubeClub, Ebene 1, Westfoyer im CityCube statt.
Anschrift: Messedamm 26/Ecke Jafféestraße, 14055 Berlin

Dienstag, 26. April 2016, von 12.00 bis 13.00 Uhr
Mittwoch, 27. April 2016, von 12.00 bis 13.00 Uhr
Donnerstag, 28. April 2016, von 12.00 bis 13.00 Uhr
Freitag, 29. April 2016, von 12.00 bis 13.00 Uhr

Weitere Terminhinweise:

Symposium „Wohin führt uns die Ökonomisierung in der Chirurgie?“
Termin: Donnerstag, 28. April 2016, 8.30 Uhr bis 10.00 Uhr
Ort: CityCube, Messedamm 26/Ecke Jafféestraße, 14055 Berlin, Level 1, Saal A7

Symposium „Ökonomisierung: Chirurgie als Profitcenter“
Termin: Donnerstag, 28. April 2016, 16.00 Uhr bis 17.30 Uhr
Ort: CityCube, Messedamm 26/Ecke Jafféestraße, 14055 Berlin, Level 3, Raum M4/5

Kontakt für Journalisten:
Pressestelle Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH)
Anne-Katrin Döbler und Kerstin Ullrich
Pf 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-641
Fax: 0711 8931-167

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