Bundesweit einmalig: MHH startet neues Projekt für nierentransplantierte Patienten

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) startet ein neuartiges Nachsorgemodell für Erwachsene und Kinder, denen eine Niere transplantiert wurde. Das Innovationsprojekt namens „NTx 360°“ verfolgt drei Hauptziele: Das neue Organ soll möglichst lange funktionieren, die Lebensqualität der Patienten soll sich verbessern, und die medizinische Versorgung der Betroffenen soll optimiert und wirtschaftlich effizienter werden. Das Nachsorgeprogramm wird als sogenannte neue Versorgungsform mit rund sechs Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert.

Optimale Versorgung nierentransplantierter Patienten ist komplex

Bei einer terminalen Niereninsuffizienz, also dem dauerhaften Versagen der Nierenfunktion, stellt eine Nierentransplantation für die Betroffenen die beste Therapieform dar. Jedoch verlieren acht Prozent der Transplantierten das neue Organ in den ersten drei Jahren nach der Verpflanzung wieder. In den Folgejahren nimmt das Transplantatversagen weiter stetig zu – für die einzelnen Betroffenen und auch angesichts des allgemeinen Mangels an Spenderorganen eine traurige Situation. „Bei Jugendlichen ist besonders während der Übergangsphase ins Erwachsenenalter ein Anstieg von Transplantatversagen zu beobachten“, erklärt Professor Dr. Lars Pape von der Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen, der gemeinsam mit Professor Dr. Mario Schiffer von der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen das Projekt „NTx 360°“ leitet. Schon geringe Abweichungen in der Medikamenteneinnahme erhöhen das Risiko für eine Abstoßung deutlich. „Die optimale Versorgung eines nierentransplantierten Patienten ist komplex und sollte neben einer für jeden Patienten individuell angepassten Therapie idealerweise auch Erkrankungen, die bei Transplantierten im Laufe der Zeit häufiger auftreten, reduzieren. Dazu gehören Herz-Kreislauferkrankungen“, erläutert Professor Schiffer. „Das geförderte Programm ermöglicht uns, durch eine enge Zusammenarbeit mit den Kollegen in den heimatnahen Praxen und mit weiteren Fachdisziplinen dieses zu erreichen.“

Neuartiges Versorgungsnetzwerk wird geschaffen

„Das Programm gibt uns als größtem Transplantationszentrum Deutschlands die Möglichkeit, ein neuartiges Versorgungsnetzwerk aufzubauen und ungelöste Probleme in der gesamten Transplantationsnachsorge systematisch anzugehen“, sagt Dr. Andreas Tecklenburg, Vize-Präsident der MHH und zuständig für das Ressort Krankenversorgung. „Von Hannover aus wird damit ein Modell für ganz Deutschland entwickelt.“ Das Projekt „NTx 360°“ ist das erste Versorgungsprogramm, in dem Kinder und Erwachsene gemeinsam betreut werden. Es können alle Patientinnen und Patienten daran teilnehmen, die 2010 oder später in der MHH oder im Nephrologischen Zentrum Niedersachsen (NZN) in Hannoversch Münden transplantiert wurden und deren Krankenkasse an dem Versorgungsvertrag teilnimmt. Insgesamt wird das Programm rund 1.000 Nierentransplantierte einschließen.

„Sektorenübergreifende Versorgung ist richtungsweisend“

Bei der Umsetzung des Programms haben Professor Schiffer und Professor Pape neben zwei internen Partnern, dem Institut für Sportmedizin und der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) und die AOK Niedersachsen (AOKN) an ihrer Seite. 400 Projektteilnehmer sind bei der AOK versichert. „Wir haben die Förderung dieses Projekts durch den Innovationsfonds nicht nur für eine optimale Versorgung der 400 bei uns versicherten Patienten unterstützt. Wir sind überzeugt, dass die sektorenübergreifende Versorgung richtungsweisend ist“, erklärt Jan Seeger, Geschäftsführer der AOK Niedersachsen. Mehrere andere Krankenkassen haben inzwischen ebenfalls ihre Bereitschaft erklärt, an dem Projekt teilzunehmen: BKK Landesverband Mitte stellvertretend für die Mitglieder der BKK Vertragsarbeitsgemeinschaft Mitte, BKK Mobil Oil, hkk, IKK Classic und TK.

Kommunikation zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten wird verbessert

Weitere Projektbeteiligte sind die niedergelassenen Nephrologen in Niedersachsen. Sie übernehmen die Betreuung der Patienten nah am Wohnort und sind daher wichtige Partner bei der Nachsorge der Nierentransplantierten. „Bei der Vorbereitung des Projekts zeigte sich, dass insbesondere die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Sektoren, also der MHH und den Facharztpraxen, eine Schwachstelle war. Durch die jetzt entwickelten Maßnahmen wird diese Situation verbessert“, erläutert Professor Dr. Gerhard Lonnemann vom Nephrologischen Regionalverbund Niedersachsen.

Telemedizinisches Netzwerk mit elektronischer Patientenakte

Das Projekt „NTx 360°“ wird zentral in der MHH koordiniert und bietet den Patienten eine enge Anbindung an ein sektorenübergreifendes Nachsorgeprogramm, das individuell auf ihre Situation abgestimmt ist. Kernstück des Programms ist ein telemedizinisches Netzwerk mit gemeinsamer elektronischer Patientenakte, auf die alle ins Programm eingebundenen Ärzte – in der MHH und auch in den Praxen vor Ort – Zugriff haben. Auch die Patienten selbst haben Einblick in ihre Daten, das ist Professor Pape und Professor Schiffer besonders wichtig. So werden Untersuchungen, Diagnosen, Medikationen, Therapien und vieles mehr für alle sichtbar und die Kommunikation zwischen den Betreuern zum Wohle der Patienten strukturiert und intensiviert. „Die Telemedizin wird zu einer besseren Koordination der Versorgung und zu effektiveren Nachsorgeuntersuchungen auf allen Ebenen bei weniger Fahrten in die MHH führen“, ist sich Professor Pape sicher. Durch sogenannte Televisiten können Risiken für die Gesundheit der Patienten früher erkannt und entsprechende therapeutische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Technik wurde von dem Softwareunternehmen symeda GmbH entwickelt.

Psychosomatiker unterstützen die Patienten

Zur Optimierung der Versorgung soll jeder Patient regelmäßig vom Psychosomatiker gesehen werden, denn schwerwiegende psychische Störungen können den Transplantationserfolg beeinträchtigen. „Wir werden Lebensqualität und psychosoziale Situation erheben sowie die Adhärenz der Patienten mit den medizinischen Maßnahmen prüfen. Wenn psychologischer Unterstützungsbedarf besteht, bieten wir zeitnah ein Coaching an, das auch telemedizinisch erfolgen kann“, erläutert Professorin Dr. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie.

Sportmediziner entwickeln auf jeden Patienten abgestimmte Trainingstherapien

Patienten nach Nierentransplantation haben wegen der jahrelangen Krankheitsphase und der damit verbundenen Inaktivität erhebliche Einschränkungen der alltäglichen Belastbarkeit. Um den Alltag besser körperlich bewältigen zu können, die kardiovaskulären Begleiterkrankungen zu reduzieren und den durch die immunsuppressive Therapie beschleunigten Abbau von Knochendichte und Muskulatur entgegenzutreten, erhalten die Patienten im Institut für Sportmedizin eine Belastungs- und Leistungsdiagnostik und eine darauf abgestimmte persönliche Trainingstherapie. „Das Training der Patienten wird durch eine Trainings-App telemedizinisch gesteuert und regelmäßig an die Belastbarkeit des einzelnen Patienten angepasst“, sagt Professor Dr. Uwe Tegtbur, Direktor des Instituts für Sportmedizin. Über die telemedizinische Plattform sind auch Trainingssprechstunden per Video möglich.

Damit transplantierte Kinder und Jugendliche während der Pubertät und beim Eintritts ins Erwachsenenleben lernen, die nötigen Medikamente regelmäßig einzunehmen, gehört ein Transitionsprogramm zum Projekt, das den Übergang der Betreuung vom Kinder- zum Erwachsenen-Nephrologen begleitet. Die Integration von Patienten aller Altersklassen ist ein einzigartiger Aspekt des Projekts.

Patienten setzen Hoffnungen in das neue Projekt

Die Aussicht, demnächst eine elektronische Patientenakte zu haben, findet Patient Christoph W. vielversprechend. Dem 50-Jährigen aus Seelze wurde im März 2016 in der MHH eine neue Niere transplantiert. Seine Mutter hatte das Organ für ihn gespendet. Nachdem er zunächst durch eine Darmentzündung geschwächt war, geht es ihm inzwischen einigermaßen gut. Alle zwei Wochen geht er zur Nachsorgeuntersuchung, jeweils im Wechsel in der MHH und bei seinem Nephrologen vor Ort. „Ich fühle mich zwar insgesamt gut betreut, aber manchmal kommt es schon zu widersprüchlichen Aussagen und Anordnungen der Ärzte. Wenn der Austausch zwischen beiden besser klappen würde, wäre das ein großer Fortschritt“, sagt Christoph W.

Gerlinde K. aus Bremen ist ebenfalls Teilnehmerin an dem Programm. Sie verspricht sich Einiges von dem sportlichen Trainingsprogramm. Denn obwohl ihre Ärztin ihr Bewegung empfohlen hat, hat sie noch nicht die passende Sportart für sich gefunden. „Walking fand ich zunächst sehr anstrengend, und Schwimmen durfte ich anfangs nicht. Mein Mann trainiert auf dem Cross-Trainer, aber da traue ich mich nicht so richtig ran“, erklärt die 64-jährige ehemalige OP-Schwester. Sie hatte im Dezember 2012 von ihrem Ehemann eine neue Niere bekommen, nachdem sie 8 Monate lang an der Dialyse war. Gerlinde K. ist zuversichtlich, dass sie doch noch sportlich aktiv wird. „Ich bin offen und schaue mal, welche Möglichkeiten es noch gibt.“

Moses L. gehört zu den kleinen nierentransplantierten Patienten. Der sechsjährige Junge aus dem hessischen Vellmar hat bereits zwei Nierenverpflanzungen hinter sich, weil das erste transplantierte Organ schon während der Transplantation verloren ging. Nach einer langen Zeit in Angst und Sorge konnten seine Eltern nach der zweiten Transplantation im Dezember 2015 endlich aufatmen. „Er hat jede Menge Energie, ist aufgeweckt und holt alles nach“, freut sich Mutter Katharina. „Moses spielt Fußball, tollt herum und macht jetzt auch einen Schwimmkurs.“ Die Angst um ihr Kind ist zwar nicht verschwunden, aber sie und ihr Mann Daniel sind sehr erleichtert. „Die Telemedizin könnte auch für uns Vorteile bringen“, sagt Katharina L. im Hinblick auf die langen Anfahrtswege nach Hannover. „Vielleicht könnten wir dann auch einiges hier vor Ort abklären“, hofft sie. Das würde den Alltag für Moses ein Stück weiter normalisieren.

MHH ist größtes Nieren-Transplantationszentrum in Deutschland

Die MHH ist das größte Nieren-Transplantationszentrum in Deutschland. Dort werden jährlich bis zu 170 Spendernieren verpflanzt. Eng damit verknüpft ist die klinische und experimentelle Forschung am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Transplantation (IFB-Tx). Durch die Kooperation mit dem Nephrologischen Zentrum Niedersachsen (NZN) unter der Leitung von Professor Dr. Volker Kliem in Hannoversch Münden, in dem jährlich 60 bis 100 Nierentransplantationen erfolgen, umfasst das Programm „NTx 360°“ alle nierentransplantierten Patienten in Niedersachsen. Das gesamte Projekt wird unabhängig evaluiert. „Alle Anteile, die nachweislich die Versorgung der Patienten verbessern, sollen bundesweit in die Regelversorgung übernommen werden“, betont Professor Schiffer. Außerdem sollen die positiv evaluierten Elemente auch bei der Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt werden.

Das Projekt „NTx 360°“ ist eines von insgesamt 29 Projekten, die der Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses im Jahr 2016 im Bereich der neuen Versorgungsformen gefördert hat. Die gesamte Fördersumme des Innovationsfonds beträgt in den Jahren 2016 bis 2019 jeweils 300 Millionen Euro. 75 Prozent der Mittel sollen für die Förderung neuer Versorgungsformen verwendet werden, 25 Prozent für die Versorgungsforschung.

Informationen zu dem Thema im Internet unter http://ntx360grad.de

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Lars Pape, Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen, Telefon (0511) 532-3283, pape.lars@mh-hannover.de sowie bei Professor Dr. Mario Schiffer, Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, Telefon (0511) 532-4708, schiffer.mario@mh-hannover.de.

Scroll to Top