BMBF-geförderte STOP-IgAN-Studie publiziert

Seit über 50 Jahren wird in der Glomerulonephritisbehandlung eine entzündungshemmende, immunsuppressive Therapie (mit Kortikosteroiden, aber auch mit neueren Immunsuppressiva und Zytostatika) eingesetzt. Wie bei jeder schweren und/oder chronischen Erkrankung ist eine gute unterstützende Behandlung aller Begleitumstände (supportive Therapie) wichtig. Dazu gehört eine konsequente Blutdrucksenkung und Proteinuriebehandlung (mit Angiotensin-Converting-Enzyme (ACE)-Inhibitoren und der Angiotensinrezeptor-Antagonisten). Einzelne kleinere Studien hatten in der Vergangenheit Hinweise darauf gegeben, dass durch die antihypertensive und antiproteinurische Therapie ein ähnliches Resultat wie mit der immunsuppressiven Therapie erzielt werden könne.

Um das prospektiv-randomisiert zu überprüfen, wurde 2006 die STOP-IgAN-Studie auf den Weg gebracht. Es handelt sich dabei um eine Forscher-initiierte („investor initiated“), industrieunabhängige Studie aus Deutschland, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die unter Leitung Aachener Nephrologen (Thomas Rauen, Frank Eitner, Jürgen Floege) und Medizin-Statistiker (Christina Fitzner, Ralf-Dieter Hilgers) durchgeführt wurde und heute im „New England Journal of Medicine“, einem der weltweit renommiertesten internationalen Journals, erschienen ist.

In der Studie erfolgte zunächst eine sechsmonatige „Run-in“-Phase, in der alle Patienten nach einem intensivierten supportiven Protokoll behandelt wurden und die 309 von insgesamt 379 gescreenten Patienten beendeten. Wie sich zeigte, konnte in dieser Phase bereits bei knapp 30% der Betroffenen die Proteinurie auf unter 0,75 g/d gesenkt werden, also eine Krankheitsremission erreicht werden, so dass die Patienten nicht mehr den Einschlusskriterien entsprachen. Die verbliebenen 162 Patienten wurden dann randomisiert, 80 erhielten weiterhin die intensivierte supportive Therapie, 82 erhielten zusätzlich Immunsuppressiva. Im Ergebnis zeigte die dreijährige Studie, dass es keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich der Erkrankungsprogression (gemessen am Nierenfunktionsverlust) zwischen den Gruppen gab. In der mit Immunsuppressiva behandelten Gruppe traten dagegen signifikant mehr Nebenwirkungen, auch gefährliche Infektionen, auf, ein Patient verstarb an einer Sepsis.

Laut der Autoren wird die Studie einen Paradigmenwechsel in der Therapie der IgA-Nephropathie einleiten: „Für den klinischen Alltag bedeutet das Studienergebnis, dass zunächst immer eine intensivierte supportive Therapie (antihypertensive und antiproteinurische Medikation) erfolgen sollte. Erst bei Nicht-Ansprechen kann dann nach sorgfältiger Risikoanalyse bei einzelnen Patienten der Einsatz einer immunsuppressiven Therapie erwogen werden. Der flächendeckende, sofortige Einsatz von Immunsuppressiva ist bei diesem Krankheitsbild ab sofort obsolet“, erklärt Prof. Dr. Jürgen Floege, Universitätsklinikum Aachen.

Pressekontakt
Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN)
Dr. Bettina Albers
E-Mail: presse@dgfn.eu
0174/ 2165629

Die IgA-Nephropathie
Die IgA-Nephropathie (IgAN / IgA-Nephritis, früher auch Morbus Berger) ist die häufigste der idiopathischen Glomerulonephritiden. Glomerulonephritiden (GN) stellen in Europa nach der diabetischen und hypertensiven Nephropathie die dritthäufigste definierte Ursache einer terminalen Niereninsuffizienz dar. Die IgAN ist bei Erwachsenen vor dem 50. Lebensjahr die häufigste Ursache, die eine Nierentransplantation notwendig macht. Eine „Glomerulonephritis“ ist eine Nierenentzündung, die vorwiegend die Nierenkörperchen („Glomeruli“) betrifft. Die Glomeruli sind die eigentlichen Filtereinheiten der Niere. Bei einer entzündlichen Schädigung sind sie nicht mehr in der Lage, wichtige Blutbestandteile wie Albumin (Eiweiß) bzw. ganze Blutzellen wie Erythrozyten zurückzuhalten, es kommt zur Proteinurie, ggf. zur (Mikro)-Hämaturie. Die gestörte Urinproduktion führt zum Ungleichgewicht von Salz und Wasser im Körper, häufig kommt es daher zu Ödemen. Im Gegensatz zur Nierenbeckenentzündung, die bakteriell verursacht wird, haben Glomerulonephritiden immunologische Ursachen, das weiß man heute, wenn auch die Einzelheiten der Pathomechanismen an manchen Punkten noch nicht vollständig geklärt sind. Das macht die Therapie nicht einfach, Antibiotika helfen hier im Gegensatz zu anderen, bakteriellen Entzündungen nicht.

Bei der IgAN werden aus unbekannten Gründen Immunkomplexe, die IgA enthalten, im Glomerulum abgelagert. Diese Ablagerungen führen zu einer komplexen Entzündungsreaktion mit Einwanderung von Granulozyten und Proliferation von Mesangium-Zellen. Männer sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Ca. 20% der Patienten entwickeln innerhalb von 10-20 Jahren ein dialysepflichtiges terminales Nierenversagen. Risikofaktoren für einen solchen progredienten Verlauf sind Bluthochdruck, ausgeprägte Proteinurie, männliches Geschlecht, und Nikotinkonsum. In Europa beträgt der Anteil der IgAN an der Gesamtzahl der Glomerulonephritiden ca. 30%, im asiatischen Raum ist der Anteil deutlich höher, in den USA möglicherweise geringer. Solche Populations-Unterschiede sprechen immer für eine genetische Prädisposition. Da die Erkrankung schmerzlos und in der Regel auch symptomfrei ist, wird sie in vielen Fällen nur zufällig oder gar erst im Stadium der fortgeschrittenen Niereninsuffizienz entdeckt.

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