Bildungsprivilegien unter Druck?

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Kann man im Jahr 2020 noch von Bildungsprivilegien sprechen? In der Hochschulbildung lassen sich nach wie vor bedeutsame Bildungsungleichheiten nachweisen. Gleichzeitig steigt das Bildungsniveau in allen sozialen Milieus. Daher sind die in den 1970er Jahren untersuchten Bildungsprivilegien Anfang des 21. Jahrhunderts unter Druck geraten. Welche Bildungs- und Distinktionsstrategien Studierende der oberen Milieus heute entwickeln, um ihre soziale Position zu reproduzieren, erforscht Prof. Dr. Katharina Walgenbach. „Mir geht es um einen Wechsel der Perspektive: Nicht Bildungsbenachteiligung, sondern Bildungsprivilegien stehen im Mittelpunkt“, sagt Katharina Walgenbach, Leiterin des Lehrgebiets Bildung und Differenz an der FernUniversität. „Diese werden im Gegensatz zu den 1970er Jahren in der aktuellen Diskussion um Bildungsgerechtigkeit kaum berücksichtigt.“

Bildungsprivilegien als unsichtbare Ressource

Im Fokus ihrer Forschung steht ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt zu Bildungsprivilegien als unsichtbare Ressource im Bereich der Hochschulen. Wie stellen Studierende aus oberen sozialen Milieus auch in Zeiten gestiegener Bildungsbeteiligung Unterschiede her? „Wir untersuchen konkrete Praktiken der Distinktion. Das können zum Beispiel Studiengebühren an privaten Hochschulen, Auslandssemester, Promotionen und Doppelabschlüsse sein“, erklärt Gregor Schäfer, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter das Projekt begleitet. „Dazu führen wir Interviews mit Master-Studierenden der Musikwissenschaft, Medizin und Betriebswissenschaft.“

In den drei genannten Fächern ist die soziale Reproduktion besonders hoch. Ausgewählt werden die befragten Studierenden nach dem Bildungshintergrund sowie der beruflichen Stellung und dem Einkommen ihrer Eltern. „Wir machen keine Eliteforschung“, betonen Walgenbach und Schäfer. „Es geht um obere Milieus, die nach Untersuchungen der Milieuforschung circa 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ausmachen.“ Bei der Zusammensetzung der untersuchten Stichprobe werden auch unterschiedliche Hochschultypen einbezogen (zum Beispiel Exzellenzuniversitäten, Privatuniversitäten, Hochschulen im Ausland).

Bourdieu und die Struktur der Abstände

Die Grundlage des Forschungsprojekts basiert auf bildungssoziologischen Studien von Pierre Bourdieu. Der französische Soziologe fand in den 1960er Jahren heraus, dass bildungsprivilegierte Studierende ihren eigenen Bildungserfolg auf Talent oder Begabung zurückführten, nicht aber auf privilegierte Startbedingungen. Gleichzeitig seien obere soziale Milieus darauf bedacht, die „Struktur der Abstände“ ihrer Position im sozialen Raum zu erhalten. Dazu greifen Akteurinnen und Akteure oberer Milieus unter anderem auf distinktive Bildungspraktiken zurück. Im Sinne Bourdieus wird in dem DFG-Forschungsprojekt allerdings davon ausgegangen, dass diese Strategien nicht notwendigerweise rational kalkuliert sein müssen.

Abitur als Massenzertifikat

Seit den Studien von Bourdieu ist viel in Bewegung geraten. Die Bildungsreformen in Deutschland haben zu einer gestiegenen Bildungsbeteiligung beigetragen. In allen sozialen Milieus ist das Bildungsniveau gestiegen. Die Quote der Studienberechtigten lag in den vergangenen Jahren in fast allen Bundesländern bei gut 50 Prozent. „Das Abitur hat sich von einem exklusiven Bildungstitel zu einem Massenzertifikat gewandelt“, sagt Katharina Walgenbach. Hinzu kommen der technische Fortschritt und der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Darüber hinaus öffnen sich die Hochschulen gegenüber neuen Zielgruppen wie zum Beispiel Beruflich Qualifizierten. Die Folge: „Bildungsprivilegien sind Anfang des 21. Jahrhunderts unter Druck geraten“, sagt Walgenbach.

Bourdieu ging es in den 1960er Jahren auch um die „Unsichtbarkeit von Macht“. Diese will das bis zum Jahr 2021 laufende Projekt über das Aufzeigen von Bildungsprivilegien sichtbar machen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Katharina Walgenbach, E-Mail: katharina.walgenbach@fernuni-hagen.de


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