Bewegungs- und Verhaltenstherapie: Die unterschätzten Behandlungsmöglichkeiten bei Übergewicht

Übergewicht

Von Übergewicht sind mehr als 150 Millionen EuropäerInnen betroffen. Viele Betroffene haben neben ihrem Übergewicht mit diversen Begleiterscheinungen zu kämpfen. Die modernen Therapien versprechen betroffenen Personen Hilfe. Verstärkt rücken neben medikamentösen Behandlungen auch Therapien, die auf einen veränderten Lebensstil abzielen, in den Fokus. Als (unterschätzte) Bausteine im „Kampf“ gegen Übergewicht fungieren Verhaltens- und Bewegungstherapie. Sie arbeiten nicht auf eine schnelle Lösung, sondern auf einen dauerhaft gesünderen Lebensstil hin. 

Maßnahmen und Ziele zur Behandlung von Adipositas

Es gibt viele Ursachen für Übergewicht – sowohl genetische Dispositionen als auch psychische oder medikamentöse Ursachen. Eine ausgeprägte Fettleibigkeit zu behandeln, bedeutet für Ärzte und Betroffene eine herausfordernde und langfristige Therapie. Als dauerhafte Grundlage, um Übergewicht zu behandeln, kommen unterschiedliche therapeutische Ansätze infrage. 

Eine wichtige Basis bildet der kombinierte Ansatz aus Verhaltens- und Bewegungstherapie. In schwierigen Fällen können ergänzend dazu operative oder medikamentöse Maßnahmen helfen. Ein chirurgischer Eingriff verkleinert den Magen, wodurch das Sättigungsgefühl zurückgeht. Nachteilig an dieser Methode ist, dass sie sich nicht rückgängig machen lässt. Erschwerend können Verdauungsprobleme hinzukommen, welche die Lebensqualität der Betroffenen zusätzlich beinträchtigen. Deshalb raten Mediziner bei Übergewicht, zunächst alle nicht-operativen Optionen auszuschöpfen.

Dazu gehören beispielsweise medikamentöse Gewichtsreduktionen. Arzneimittel mit dem Wirkstoff Orlistat blockieren die Fettaufnahme aus der Nahrung. Betroffene Übergewichtige können die Fettverwertung somit deutlich reduzieren. Da oftmals das für Betroffene belastende Sättigungsgefühl reduziert wird, verringert sich zudem die Nahrungsaufnahme. Dennoch führt auch bei der medikamentösen Therapie kein Weg an begleitenden Maßnahmen vorbei. Bewegungs- und Verhaltenstherapien sollten zum Einsatz kommen, damit Patienten ihre Lebensqualität nachhaltig verbessern.

Wie eine Verhaltenstherapie aktiv gegen Übergewicht hilft

Eine Verhaltenstherapie zielt darauf ab, den eigenen Alltag umzustrukturieren. Betroffene werden ermutigt, gewohnte Verhaltensweisen zu hinterfragen und somit Negativ-Kreisläufe zu durchbrechen. Gemeinsam mit dem Therapeuten reflektieren und analysieren Betroffene ihre Verhaltensweisen und Gedanken kritisch. Sie lernen dabei, wie sie das eigene Verhalten beobachten und falsche Denkmuster erkennen können. Tagebücher und Protokolle zum Trink- und Essverhalten sowie zur körperlichen Aktivität dienen als Beratungsgrundlage. 

Auch der richtige Umgang mit Lebensmitteln ist für Betroffene wichtig. Sie erlernen in der Verhaltenstherapie daher bestimmte Strategien, um verantwortungsbewusst zu essen. Hilfreich ist es beispielsweise, lediglich geringe Mengen an Lebensmitteln als Vorrat anzulegen. Weiterhin ist es im Rahmen der Therapie und darüber hinaus sinnvoll, nur gesättigt einkaufen zu gehen. Wer dauerhaft abnehmen möchte, sollte zudem auf feste Essenszeiten achten.

Ferner gehören zur Verhaltenstherapie auch Zielvereinbarungen – und Strategien, um mit Rückfällen fertig zu werden. Ein zentrales Anliegen der Verhaltenstherapie besteht darin, den Faktor «Nahrung» durch attraktive Alternativen zu ersetzen. Hierbei können soziale Kontakte, positive Rückmeldungen und Hobbies als verstärkende Strategien zum Erfolg beitragen.

Studien weisen auf Erfolg kognitiver Verhaltenstherapie bei Übergewicht hin

Eine Studie mit Frauen, die am PCO-Syndrom litten, deutet auf einen positiven Einfluss der Verhaltenstherapie hin. Den Ergebnissen zufolge gelänge es übergewichtigen Frauen, die eine kognitive Verhaltenstherapie durchführten, besser, ihr Körperfett nachhaltig zu reduzieren. Bei den Frauen, die einmal wöchentlich an einer Verhaltenstherapie teilnahmen, stellten die Forscher ein niedrigeres Stresslevel und bessere Blutwerte fest.

Bewegungstherapie bei Übergewicht

Als zweite Säule ist die Bewegungstherapie ein wichtiger Ansatz. Gezielte Trainingseinheiten unterstützen Betroffene dabei, Kalorien zu verbrennen und dadurch ihre Mobilität zurückzuerlangen. Durch die sportlichen Einheiten reduzieren Betroffene auch das Risiko für Begleiterscheinungen wie dem metabolischen Syndrom. Damit die Bewegungstherapie als solche wirksam ist, kommt es auf einen Mix aus Ausdauer und Koordination an.

Bewegungsexperten empfehlen, zunächst mit ausgedehnten Spaziergängen zu beginnen. Anschließend können Betroffene ihr Leistungspensum allmählig steigern. Langfristig besteht ein empfehlenswertes Ziel in zwei bis drei wöchentlichen Trainingseinheiten mit jeweils 60 Minuten. Gelenkschonende Ausdauersportarten wie Schwimmen, Walken und Radfahren sind ebenso sinnvoll wie gezieltes Krafttraining. Mithilfe dieser Trainingseinheiten gelingt es, wichtige körperliche Vorgänge in Gang zu setzen: Einerseits regenerieren Aktive ihre Muskulatur, die durch das Übergewicht oft geschädigt ist. Andererseits regen sie ihren Stoffwechsel an, wodurch der Körper überschüssige Kalorien verbrennt.

Dennoch benötigen übergewichtige Menschen eine gewisse „Grundbelastung“, damit ihr Stoffwechsel in Gang kommt. Studien sprechen hierbei von rund 85 Prozent der größtmöglichen Leistungsfähigkeit. Um dies zu erreichen, ohne sich zu überlasten, macht es Sinn, wenn Betroffene vorab einen Belastungstest durchlaufen. 

Mitunter ist sogar anzuraten, bei einer geringen Belastungstoleranz mit mittelmäßig intensiven Aktivitäten zu beginnen. Zwar verbessert sich hierbei die körperliche Fitness nicht so stark wie bei anspruchsvollen Sportarten. Doch dafür können stark übergewichtige Personen die Übungen im Alltag leichter umsetzen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass leichte Alltagsübungen die Verletzungsgefahr geringhalten.

 Alltagsaktivität bei Übergewicht schrittweise steigern

Übergewichtige, die ihre alltägliche Aktivität steigern, tragen langfristig gesehen einen positiven gesundheitlichen Nutzen davon. Schon kleine, in den Tagesablauf integrierte Übungen können langfristig Gewicht reduzieren. Da übergewichtige Menschen manchmal an ihre Belastungsgrenze stoßen, sollten sie nachfolgende Ratschläge beachten: 

  • Am besten mit „einfachen“ Aktivitäten im gemäßigten Tempo beginnen. 
  • Zügiges Gehen ist als Trainingsprogramm für Übergewichtige gut geeignet. Schon nach einer halben Stunde Gehen mit fünf bis sechs Kilometer pro Stunde verbraucht der Körper 200 Kalorien. Bei einem fünftägigen „Training“ dieser Art würden bereits 1.000 Kalorien verbraucht werden.
  • Steigt die körperliche Fitness bei Übergewichtigen, können sie mit anstrengenden Sportarten wie Joggen oder Aerobic beginnen. Ballsportarten, die leicht zu Verletzungen führen können, gilt es jedoch für Betroffene zu meiden. 
  • Es ist sinnvoll, kleine Alltagsaktivitäten schrittweise zu erhöhen. Dies lässt sich bereits mit einfachen Verhaltensänderungen erreichen: Etwa, indem Betroffene Treppen laufen, anstatt den Aufzug zu nehmen. Auch regelmäßig das Auto stehen zu lassen und zu Fuß zu laufen, verbessert die körperliche Fitness.
  • Um die eigenen Erfahrungen schriftlich festzuhalten, bietet sich ein wöchentliches Bewegungstagebuch an. Darin lässt sich der Aktivitätsumfang gezielt protokollieren und kontrollieren.
Scroll to Top