Bestimmt Armut die Gesundheit?

Armut

Armut, Arbeitslosigkeit, frühkindliche Entwicklung: Es ist ein weites Feld, mit dem sich WissenschaftlerInnen der Universität Siegen im Nachwuchsforschungsprojekt „Medikalisierung und Psychologisierung sozialer Probleme“ (MEPYSO) seit 2017 beschäftigen. Eines verbindet die drei Begriffe: Heute gibt es in Verbindung mit sozialen Problemen häufiger medizinische oder psychologische Erklärungen. Wurden Kinder früher als Zappelphilipp abgestempelt, werden sie heute mit der Diagnose ADHS behandelt. Wer vor einigen Jahren noch als schwach galt, wird heute in weiten Teilen der Bevölkerung mit Burnout oder Depressionen ernst genommen. Woher kommt diese Entwicklung? Und vor allem: Welche Auswirkungen hat dies? Rücken möglicherweise strukturelle Probleme wie eben Armut und Arbeitslosigkeit mehr in den Vordergrund, oder werden einzelne Personen aufgrund ihrer Erkrankung stigmatisiert? Das werden die ForscherInnen auch in den nächsten zwei Jahren untersuchen, denn das Projekt MEPYSO ist nun verlängert worden. Insgesamt wird es über die gesamte Laufzeit mit knapp einer Million Euro gefördert.

Was hat Armut mit der Gesundheit zu tun?

Die Siegener WissenschaftlerInnen analysieren Parlamentsdebatten, Zeitungsartikel und Pressemitteilungen, genauso wie zum Beispiel die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung. Außerdem haben sie 2.600 Menschen in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage befragt. „Dass es strukturelle Ursachen für Krankheiten gibt, ist bei den politischen Akteuren in den vergangenen Jahren immer mehr angekommen“, sagt Dr. Nadine Reibling, Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe. Die positive Entwicklung erkenne man zum Beispiel im Vergleich der Armuts- und Reichtumsberichte der vergangenen Jahrzehnte. „In den öffentlichen Diskussionen ist diese Erkenntnis aber noch nicht im gleichen Maße angekommen“, erklärt die Forscherin eine der Kernergebnisse ihres Projekts. Das sehe man zum Beispiel in der eigens durchgeführten Umfrage.

In der Bevölkerungsumfrage fragten die WissenschaftlerInnen zum Beispiel: Wie viel Arbeitslosengeld würden Sie einer Person zahlen, die aufgrund einer Depression arbeitslos geworden ist, wie viel einer Person, die aufgrund chronischer Rückenschmerzen oder wegen persönlichen Fehlverhaltens den Job verloren hat? Wie würden Sie diese Personen sanktionieren, wenn sie nicht zu Terminen im Jobcenter erschienen? 2.600 Menschen trafen in der Umfrage für fiktive Fallbeschreibungen Entscheidungen. Entscheidungen, die in der Realität tiefe Einschnitte für Leben und Alltag bedeuten könnten. „Viele haben Verständnis dafür, wenn jemand wegen einer Krankheit Termine bei der Jobagentur verpasst“, sagt Reibling. Gleichzeitig erhalten Personen, die arbeitslos und krank sind, nicht automatisch mehr Geld. Vielmehr fordern viele, dass diese Personen an sich selbst und ihrer Gesundheit arbeiten. Die Hälfte der Befragten würde bei Menschen mit Depressionen die Höhe der ALG-II-Leistungen an eine Therapie knüpfen. Bei den Menschen mit Rückenschmerzen fordern sogar zwei Drittel, dass die vollen Leistungen nur gezahlt werden, wenn die Person ein Rückentraining absolviert. Die Botschaft ist klar: „Die Person muss auch selbst was machen.“

Strukturelle Probleme geraten aus dem Fokus

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass medizinische Diagnosen Vor- und Nachteile für die Betroffenen haben“, erklärt die Expertin für Sozialpolitik. Auf der einen Seite werden über Krankheiten, wie zum Beispiel Depressionen, die Probleme sozial benachteiligter Menschen ins Rampenlicht gerückt. Man versuche Menschen zu helfen, gesünder zu werden und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern. Aber solche Diagnosen könnten auch von den eigentlichen Problemen – wie der materiellen Armut – ablenken und machten das Problem an einzelnen Personen fest. „Es findet eine Stigmatisierung statt. Es wird das Gefühl vermittelt: Der Einzelne ist mit Schuld am Problem. Oder noch schlimmer: Der Einzelne ist das Problem.“

Während der Corona-Pandemie habe man viele der Studienergebnisse wie unter einem Brennglas beobachten können. „Zum einen hat man gemerkt, dass Gesundheit und Krankheit eine starke politische Kraft für Veränderungen haben“, sagt Reibling. Gleichzeitig sehe man die Individualisierung der Verantwortung: „Das Verhalten des Einzelnen zur Vermeidung des Ansteckungsrisikos wird großgeschrieben. Das ist ja auch richtig und wichtig. Aber: Das Strukturelle muss auch öffentlich diskutiert werden: Nicht jeder kann Homeoffice machen, enge Wohnsituationen oder Arbeitsbedingungen beeinflussen das Risiko. Und daran können Viele nicht einfach schnell etwas ändern.“

Um die Ergebnisse auch PraktikerInnen zugänglich zu machen, arbeiten Reibling und ihr Team gemeinsam mit sieben WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen jetzt an einem Positionspapier und einem Praxisleitfaden. Die Nachwuchsforschungsgruppe plant zwei Praxisworkshops mit LehrerInnen, Kinderärztinnen und -ärzten und MitarbeiterInnen der Jobcenter. Zudem soll ein Buch entstehen. Die finalen Ergebnisse werden die ForscherInnen beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales vorstellen, das über das Fördernetzwerk Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) die Nachwuchsgruppe finanziert.

Kontakt
Dr. Nadine Reibling
Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems, Universität Siegen
reibling@soziologie.uni-siegen.de

Zur Homepage: https://mepyso.phil.uni-siegen.de/2020/08/17/die-mepyso-nachwuchsgruppe-geht-in-die-verlaengerung/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Nadine Reibling
Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems, Universität Siegen
reibling@soziologie.uni-siegen.de


Krebserkrankungen steigern das Armutsrisiko

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