Bestäuberprodukte wie Kaffee oder Kakao könnten langfristig global im Preis weiter steigen

Erstmals konnten die Forscher auch zeigen, in welchen Regionen der Welt der Wert der Bestäubung besonders hoch und die Landwirtschaft zudem besonders abhängig von tierischer Bestäubungsleistung ist.

Analysiert haben die Wissenschaftler diesen Zusammenhang anhand von 60 Anbaufrüchten wie Kakao, Kaffee, Äpfel oder Sojabohnen, die auf die Bestäubung durch Tiere, zumeist Insekten wie Honig- und Wildbienen, Schmetterlingen oder Hummeln angewiesen sind. Damit konnten sie eine globale Karte der Abhängigkeit der landwirtschaftlichen Erträge von der Bestäubungsleistung vorlegen. „Wir können jetzt mit einer hohen räumlichen Auflösung schätzen, wie groß dieser Beitrag in vielen Regionen ist“, sagt Hauptautor Dr. Sven Lautenbach, Wissenschaftler am UFZ-Department für Landschaftsökologie. In Staaten wie etwa China, Indien, USA, Brasilien und Japan ist der Nutzen durch die bestäubungsabhängigen Produkte besonders hoch. Analysiert haben die Forscher diesen Effekt erstmals auch auf regionaler Ebene: In den USA ist die Abhängigkeit beispielsweise in Kalifornien besonders hoch, im Corn Belt im Mittleren Westen dagegen relativ gering. In Asien ist die Abhängigkeit besonders groß im Nordosten Chinas, in Europa und Afrika vor allem in den Mittelmeerstaaten wie Italien oder Griechenland sowie entlang des Nils in Ägypten. Für Deutschland stellten die Forscher eher mittlere Abhängigkeiten fest – dennoch ist der Beitrag der Bestäubung auch in Deutschland keinesfalls unerheblich.
Global hat der Wert bestäubungsabhängiger Agrarprodukte und damit der Wert der ökologischen Dienstleistung stetig zugenommen. Zurückzuführen ist das auf stark gestiegene Produktionsmengen bestäubungsabhängiger Anbaufrüchte. Seit 2001 kann zudem eine starke Zunahme der Produzentenpreise bestäubungsabhängiger Anbaufrüchte beobachtet werden, die deutlich stärker in die Höhe schnellten als Preise nicht bestäubungsabhängiger Ackerfrüchte wie etwa Reis, Getreide oder Mais. Für die Forschergruppe ist dies ein Hinweis, dass sich die Intensivierung der Landwirtschaft in einem weltweiten Preisanstieg von bestäubungsabhängigen Kulturen niederschlägt. Werden auf Äckern mehr Pestizide gespritzt, mehr Dünger ausgebracht und wertvolle Landschaftsstrukturelemente wie Hecken und Baumreihen in Ackerland umgewandelt, verschwinden die Insekten. Damit sinkt die Bestäubungsleistung, was sich wiederum in höheren Produzentenpreisen niederschlägt. „Wir werten diesen Preisanstieg als ein erstes Warnsignal, dass es zu Konflikten zwischen der Dienstleistung der Insektenbestäubung und anderen Landnutzungen kommen könnte“, sagt Sven Lautenbach. Sollten beispielsweise Hecken, Baumreihen oder Saumstrukturen als wertvolle Habitate für Insekten in den Produzentenländern weiter verschwinden und in landwirtschaftliche Flächen oder Siedlungsflächen umgewandelt werden, könnten die Preise für Kaffee oder Kakao in Zukunft steigen.
Besonders treffen könnte ein potentieller Bestäuberrückgang nach Berechnungen der Forscher jene Länder, in denen bestäubungsabhängige Früchte oder Kulturen einen wesentlichen Teil des in der Landwirtschaft erzeugten Bruttoinlandprodukts ausmachen. Dazu zählen zum Beispiel Argentinien, Belgien, China, die Elfenbeinküste, Ghana, Honduras und Jordanien. Belegen konnten die Forscher beispielsweise auch, dass in Staaten wie Aserbaidschan, Armenien, Kamerun oder der Ukraine die prozentuale Abhängigkeit von diesen landwirtschaftlichen Produkten zwischen 1993 und 2009 stark zugenommen hat. In Staaten wie Ägypten , Indien, Jordanien oder der Türkei sank die prozentuale Abhängigkeit dagegen im gleichen Zeitraum.
Die erstmalig mit der Studie erstmalig vorgelegten räumlichen Analysen liefern für die Naturschutzpraxis und die Politik wichtige Grundlagen. Auf Basis dieser Informationen könnten auf regionaler Ebene Empfehlungen für den Schutz von Landschaftselementen ausgesprochen werden, die für das Überleben von Insekten unerlässlich sind. Zudem könnten sich darauf aufbauend Marktinstrumente wie Zahlungen für Ökosystem-Dienstleistungen (Payment for Ecoystem Services/PES) einführen lassen, um beispielsweise Nutzer von Bestäubungsdiensten der Insekten für diese bislang kostenlose Leistung der Natur zahlen zu lassen. „Dies könnte Anreize schaffen, Insekten und deren Bestäuberleistungen zu schützen“, sagt Sven Lautenbach.
Benjamin Haerdle

Publikation:
Sven Lautenbach, Ralf Seppelt, Juliane Liebscher, Carsten F. Dormann (2012): Spatial and temporal trends of global pollination benefit. PLoS ONE

Die Untersuchungen wurden vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF), der Helmholtz-Uni-Forschungsgruppe BESS (Biological Ecosystem Services) und dem Helmholtz-Programm „Terrestrische Umweltforschung“ gefördert.

Weitere fachliche Informationen:
Dr. Sven Lautenbach
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Landschaftsökologie
Telefon: 0341-235-1942

Prof. Ralph Seppelt
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Landschaftsökologie
Telefon: 0341-235-1250

Prof. Dr. Carsten Dormann
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Abteilung für Forstliche Biometrie
Tel. 0761-203-3749

oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635

Weiterführende Links:
Wisschenschaftliche Begleitung, Koordination & Synthese (GLUES) des Moduls A im BMBF-Förderschwerpunkt „Nachhaltiges Landmanagement“:

Helmholtz-Uni-Forschungsgruppe BESS (Biological Ecosystem Services)

Bestäubung durch Insekten schafft 150 Milliarden Euro – Erstmals globaler ökonomischer Wert der Bestäuber geschätzt (Pressemitteilung vom 15. September 2008):

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 1000 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 33.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

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