Außergewöhnlicher Mensch und Wissenschaftler: Prof. Artmann erhält Querdenker-Preis

Artmann ist Artmann. Genauer gesagt: Professor Dr. habil. Gerhard Michael Artmann. Artmann ist Forscher und Suchender, Physiker und Philosoph, Zellbiologe und Zelleninsasse, Schauspieler und Schriftsteller, Lehrer und Gelehrter, ein Herz-Jesu-Anarchist und ein Herzchen. Und jetzt auch ein Querdenker, und zwar ein ausgezeichneter. Andere mögen sagen: Wohl eher ein Querkopf. Sollen sie, hätte er denen geantwortet. Artmann ist umstritten – um es vorsichtig auszudrücken. Er polarisiert, provoziert, emotionalisiert. Aber genau diese Leute sind es, die keine Grenzen kennen oder akzeptieren wollen, die immer weiter gehen – und manchmal auch sehr weit. In der BMW-Welt in München erhielt der FH-Professor jetzt den Querdenker-Preis, mit dem auch Hans-Dietrich Genscher, Thomas Müller und Thomas Gottschalk geehrt wurden.
Aber wer ist Artmann denn nun wirklich?
Sicher ist er ein außergewöhnlicher Wissenschaftler, er forscht in den Bereichen Zellbiophysik und Bioengineering. Wer mit ihm redet, ist vor allem von zwei Dingen fasziniert: das Feuer, das in ihm lodert, und die Gabe, seine Zuhörer mit diesem Feuer anzustecken. Die Funken sprühen, die Augen blitzen; Artmann läuft heiß, wenn er von seiner Forschung erzählt. Von all den Dingen, die er schon gemacht und erlebt hat, von Erfolgen und Rückschlägen, vor allem aber von all dem, was er noch vorhat. Von seiner CellDrum-Technologie, mit der die Funktion menschlicher Herzzellen im Labor getestet werden kann, unter anderem im Hinblick darauf, ob Medikamente wirken und welche Dosis am besten ist. Das Besondere daran: Die Methode ist maßgeschneidert für personalisierte Medizin. Haut- und andere Körperzellen eines Patienten können heute in (Stamm-)Zellen zurückverwandelt werden, um daraus menschliche Herzzellen zu züchten. Diese besitzen die Erbanlagen der Herzzellen des Spenders, inklusive autonomem Herzschlag. Artmann betont: „Um das biologisch umzusetzen, war nichts Geringeres als der Medizin-Nobelpreis in 2012 der Stammzellforscher Gurdon und Yamanaka nötig. So nahe dran ist unsere technologische Forschung bei der Umsetzung neuester Erkenntnisse in weitreichende Erfindungen für Pharmazie und Medizin.“
Diese so gewonnenen Herzzellen individueller Spender werden auf eine hauchdünne Membran – eben die CellDrum – aufgebracht. Durch die rhythmische Eigenkontraktion und anschließende Entspannung der Zellen hebt und senkt sich die Membran, die Stärke des Ausschlags erlaubt Rückschlüsse auf die „Pumpkraft“ der Zellen und damit etwa über die Wirkung eines Medikaments. Bluthochdruck lässt sich so besser diagnostizieren und behandeln, ebenso wie andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber es geht noch weiter: Artmann will Herzzellen gemeinsam mit seinem Professorenkollegen und gutem Freund, dem früheren „Jugend-forscht“-Gewinner im Fach Mathematik, Uni.-Prov. Dr. med. Dr. h.c. Jürgen Hescheler, Institut für Neurophysiologie der Universität zu Köln, produzieren und so applizieren, dass sie Infarktpatienten eingesetzt werden können, um die Funktion des geschädigten Organs wiederherzustellen. Wie genau das funktionieren soll? Die beiden haben eine Idee, mehr sagt er nicht. Es ist diese unbändige, nicht zu zähmende Neugier, die Artmann antreibt und die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.
Bis zu seinem 35. Lebensjahr lebte Artmann in der DDR, vollkommen karrierefrei, arbeitete unter anderem fünf Jahre lang untertage im Kalibergbau, aber das immerhin als diplomierter Physiker. Seine Freiheitsliebe und die Liebe zum Licht brachten ihn als jungen Erwachsenen in Kontakt zu den real existierenden „Kommunisten“. Er verweigerte den Waffendienst „für die Armee eines Volkes, das sich sechs Jahre später schon wieder ganz neu definieren ließ“, wie er selbst sagt. Er saß zunächst drei Monate in Einzelhaft in Halle und arbeitete dann weitere drei Monate als Gefangenenbuchhalter, dem besten, den das Strafgefängnis in Bitterfeld je hatte, so sagten zumindest die ihn beaufsichtigenden Bewacher. Als Artmann mit Mitte dreißig ohne Doktortitel im Westen ankam, hatte er nichts – nichts außer dem Willen, sich durchzusetzen und seinen Weg zu gehen.
Eines ist Artmann gewiss nicht: bescheiden. Warum auch? „Ich bin begabt“, „ich kann gut schreiben, lesen sie bloß mal „Hàllo Ànn“ von mir!“, und, ja, auch das, „ich kann gut kochen“. Ganz unbestritten hat er auch eine bezaubernde Ehefrau, ebenfalls Professorin, ursprünglich aus der Türkei stammend, aber mit noch einem Doktortitel mehr als er. Typisch er. Aber irgendwie kriegt sie es hin mit ihm, ganz ohne Gewalt, denn die lehnt er ja ab. Er liebt das klare, deutliche Wort. Er sagt, was er denkt, und er weiß, was er sagt. Er weiß auch, wie das, was er sagt, auf andere wirkt. Artmann, der Freiheitskämpfer. In unserer Demokratie? Gibt es denn diese Notwendigkeit? Er sagt dazu ganz klar: „Ja, unbedingt! Jeden Tag und immer wieder kostet es mich Kraft!“ Er geht so sehr in der eigenen Inszenierung auf, dass er mehrere belletristische Bücher und viele Kurzgeschichten publiziert hat. Über sich und die Welt, über Artmanns Welt und die der Anderen, oder manchmal auch beides. Da wird es dann besonders spannend. Wenn er könnte, würde er auch einen Film über sich drehen, eine Mischung aus Robin Hood, Braveheart und James Bond.
All das verliert aber für Artmann an Bedeutung, wenn er von ihr redet, von seiner Frau, seiner Herz-Dame, seiner Ayse. Die Augen, die sonst flackern und blitzen, werden sanft, die Stimme wird leiser, weicher. Die Frau, die er bei der Verleihung des Querdenkerpreises in München mit auf die Bühne geholt hat, weil es ihr, wie er selbst immer betont, sehr viel zu verdanken hat.

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