Arzneimittelrückstände im Wasserkreislauf: Technische Lösungen stoßen an ihre Grenzen

Durch unsachgemäße Entsorgung und durch Ausscheidung von Medikamenten gelangen Arzneimittelrückstände in das Abwasser. Selbst modernste Reinigungstechnologien können nicht alle chemischen Verbindungen vollständig entfernen. Über den Ablauf aus den Kläranlagen in Flüsse, Seen und Bäche verbleiben sie im Wasserkreislauf. „Eine akute Gefährdung für den Menschen besteht nach bisherigem Wissensstand zwar nicht“, sagt Martina Winker, Leiterin des Forschungsschwerpunkts Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen am ISOE. Tier- und Pflanzenwelt werden jedoch nachweislich gestört, bekannt sind etwa Nierenschäden bei Fischen und die Verweiblichung männlicher Regenbogenforellen.
Es sei daher nachvollziehbar, meint Winker, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland solche Wirkstoffe nicht in ihrem Trinkwasser haben wollten. Auch die Verantwortlichen in der Wasserwirtschaft sehen Handlungsbedarf. „Verantwortung und Lösungen können aber nicht allein bei den Entsorgern liegen“, sagt Winker. Vielmehr sei die Konzentration auf Vermeidung und Vorsorge erforderlich. „Denn gerade da, wo die Probleme entstehen – bei der Medikamentenentwicklung und -einnahme – wird die Umweltproblematik bislang kaum berücksichtigt.“

Technische Aufrüstung von Kläranlagen mit Präventionsmaßnahmen bündeln

In mehreren Forschungsprojekten hat das ISOE wirksame Strategien entwickelt, die verschiedene präventive Maßnahmen bündeln. Dazu gehören Richtlinien zur Arzneimittelinnovation, zum Arzneimitteleinsatz und zum Emissionsmanagement in der Siedlungswasserwirtschaft. „Deutlich geworden ist, dass das Problembewusstsein für den Gewässerschutz sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Multiplikatoren im Gesundheitswesen noch nicht stark genug ausgeprägt ist“, beobachtet Winker. Das zeige aber auch, wie viel Potenzial für Vermeidung und Reduzierung von Medikamenteneinträgen in die aquatische Umwelt vorhanden sei, etwa durch zielgruppenspezifische Aufklärung.
In einer Umfrage unter Medizinern und Klinikpflegepersonal im Forschungsverbund SAUBER+ hat mehr als ein Viertel der Befragten erklärt, keinerlei Kenntnisse über die Umweltauswirkungen der Medikamente, die sie verschreiben bzw. verabreichen, zu besitzen. Für die Reduzierung und Verhinderung pharmazeutischer Einträge in die aquatische Umwelt sei die Sensibilisierung und Wissensvermittlung daher von großer Bedeutung. „Denn ohne Problembewusstsein für den Gewässerschutz werden alternative Therapiemöglichkeiten von vornherein gar nicht in Erwägung gezogen“, sagt Winker.

Früh in der Wirkungskette ansetzten, um Umweltprobleme zu vermeiden

Die Wasserexpertin empfiehlt deshalb einen Lösungsansatz, der die bereits erprobten Maßnahmen zur Verhaltensänderung im Umgang mit Medikamenteneinnahme und -entsorgung mit der Weiterentwicklung der Reinigungsstufen in Kläranlagen verbindet. „Die kosten- und energie¬intensive Aufrüstung der Kläranlagen in Deutschland kann nur im Zuge eines ganzheitlichen Ansatzes erfolgversprechend sein“, sagt Winker. Konsumenten und Schlüsselakteure in Pharmaindustrie und Gesundheitswesen müssten strategisch miteinbezogen werden. Wichtig sei, weit vorne in der Wirkungskette anzusetzen, möglichst schon bei der umweltfreundlichen Entwicklung von Arzneimitteln.
„Wir haben gesehen, dass die verschiedenen Maßnahmen auf die einzelnen Wirkstoffe ganz unterschiedliche Effekte haben“, sagt Martina Winker. „Das heißt, es gibt nicht die eine Maßnahme, die das Problem der Arzneimittelrückstände in den Gewässern löst.“ Deshalb sei es so wichtig, einen Ansatz zu verfolgen, der umwelttechnische und gesundheitspolitische Maßnahmen bündelt, um so den Eintrag der Chemikalien in die Umwelt gezielt zu reduzieren und im besten Falle sogar ganz zu vermeiden.

ISOE-Publikation zur Wirkungsabschätzung der Reduzierung von Arzneimitteleinträgen
in Gewässer

Im Projekt SAUBER+ hat das ISOE die drei Handlungsfelder „umwelttechnische Maßnahmen“, „gesundheitspolitische Maßnahmen“ sowie „innovative Ansätze in der Arzneimittelentwicklung“ hinsichtlich ihrer Wirkung für eine Minderung der Arzneimitteleinträge in die Gewässer untersucht. Die sozial-ökologische Wirkungsabschätzung mithilfe von Bayes’schen Netzen ist in der Zeitschrift Total Science of the Environment erschienen.

Caterina Brandmayer, Heide Kerber, Martina Winker, Engelbert Schramm (2015): Impact assessment of emission management strategies of the pharmaceuticals Metformin and Metoprolol to the aquatic environment using Bayesian networks. Science of the Total Environment 532: 605–616

ISOE-Projektübersicht zur Entwicklung nachhaltiger Strategien gegen Medikamentenrückstände im Wasserkreislauf

■ SAUBER+ – Innovative Konzepte für Abwasser aus Einrichtungen des Gesundheitswesens
■ TransRisk – Schadstoffe als Risiko im Wasserkreislauf
■ DSADS – Den Spurenstoffen auf der Spur
■ Arznei für Mensch und Umwelt?
■ Pharmas – Risikoabschätzung für Medikamente in der Umwelt
■ Elimination von Spurenstoffen in Kläranlagen
■ Kommunikationsstrategien zum nachhaltigen Umgang mit Arzneimitteln
■ start – Strategien zum Umgang mit Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser

ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main
Das ISOE gehört zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Seit mehr als 25 Jahren entwickelt das Institut wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsfähige Konzepte für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft – regional, national und international. Zu den Forschungsthemen gehören Wasser, Energie, Klimaschutz, Mobilität, Urbane Räume, Biodiversität und sozial-ökologische Systeme.

Pressekontakt:
Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 69 19-51
neugart@isoe.de

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