Art meets Neuroscience: die hohe Kunst der Wissenschaft

In Vorbereitung der anstehenden Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag der Goethe-Universität im kommenden Jahr ruft die Goethe-Universität die Erinnerung an ihre große Tradition durch eine „Stelenstellaktion“ wach. Am 9. Oktober wurde die Stele zu Ehren des deutsch-jüdischen Hirnforschers, Nervenarztes, Universitätsstifters und Kunstmäzens Prof. Ludwig Edinger enthüllt.

Begründer einer einzigartigen Forschungstradition

Edinger gilt heute als der Begründer der modernen Neuroanatomie. 1883 ließ er sich, nachdem der zeitgenössische Antisemitismus seine Universitätskarriere verhindert hatte, als Spezialist für Nervenkrankheiten in Frankfurt am Main nieder. Er begann nachts – in seinem Schlafzimmer – mit bahnbrechenden Untersuchungen an fötalen Gehirnen. Ab 1885 baute er das erste Hirnforschungsinstitut Deutschlands aus privaten Mitteln auf und begründete damit eine national einzigartige und herausragende Forschungstradition. Seine vergleichend-anatomischen Studien zur Evolution des Wirbeltiergehirns schufen zentrale Forschungsgrundlagen der Neuroanatomie. Mit seinem interdisziplinären Wissenschaftsansatz wies er bereits den Weg hin zur modernen Neurowissenschaft.
Doch nicht nur für sein Fachgebiet, sondern auch für die Frankfurter Universität war Edinger von entscheidender Bedeutung. 1910 gehörte er zu den elf Unterzeichnern des Stiftungsvertrags zur Gründung der Goethe-Universität, an die er sein Institut anschloss. 1914 wurde er zum ersten ordentlichen Professor für Neurologie in Deutschland ernannt. Ludwig Edinger verstarb am 26. Januar 1918. Die Passion für sein Fach zeigte er auch noch über den Tod hinaus. So hatte er verfügt, dass sein Gehirn seinem Institut für Forschungszwecke zur Verfügung stehen soll.
Den Fortbestand seines Erbes hatte Edinger 1917 durch die Einrichtung einer Stiftung gesichert. Das Neurologische Institut am Universitätsklinikum – es trägt auch den Namen Edinger-Institut – ist bis heute Teil der Ludwig Edinger-Stiftung.

Sinn für die Kunst

Doch Ludwig Edinger war nicht nur international renommierter Wissenschaftler und generöser Stifter. Leidenschaftlich liebte und förderte er auch die Kunst. Entsprechend ist die nun eingeweihte 3,50 Meter hohe, dreieckige Edinger-Stele sinnlich ansprechend, intellektuell anregend und dabei augenzwinkernd informierend. Ihre Ästhetik ist an das berühmteste der von Edinger in Auftrag gegebenen künstlerischen Werke angelehnt, ein vom Impressionisten Lovis Corinth 1907 angefertigtes Portrait des Hirnforschers, das diesen bei der Hirnsektion im Ambiente seines Neurologischen Instituts abbildet. Analog zum Werk Corinths steht das Motiv des menschlichen Zentralorgans im Mittelpunkt der Stele; und das auf doppelte Weise: zum einen in Corinths Gemälde, das zwei Seiten der Stele einnimmt, und zum anderen im Schaukasten der Stele, wo sich ein materialisierter 3-D-Scan vom Gehirn des Hirnforschers befindet. Diese Vitrine – mit dem 3-D-Scan von Edingers Gehirn sowie einer kleineren Abbildung des Gesamtgemäldes – befindet sich über der Stelle, an der in Corinths Gemälde das von Edinger untersuchte Gehirn liegt. Nicht ohne Ironie bemerkt eine der Texttafeln auf der dritten Seite der Stele, das Gehirn sei eben ein „obskures Objekt der Begierde“.

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