ANIM 2019 in Berlin: NeuroIntensivmedizin stand für drei Tage im Blickpunkt

Präsidentensymposium thematisiert die Zukunft der Notfallversorgung in Deutschland
„Die Zukunft der Notfallversorgung in Deutschland“ – das große Thema des Präsidentensymposiums der ANIM ist hochbrisant. André Gries, Leiter der Zentralen Notfallaufnahme Leipzig, gab mit seinem Vortrag „Ambulante und stationäre Notfallversorgung – Quo vadis?“ einen Überblick über die stark gestiegene Inanspruchnahme der Notaufnahmen, lange Wartezeiten, Überlastung und Unzufriedenheit des Personals sowie steigende Kosten. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Frankfurt am Main, stellte ausgewählte Empfehlungen zum „Abbau von Versorgungsdefiziten und bestehenden Überversorgungen“ vor und stellte als „bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ das Konzept einer integrierten, komplett neu strukturierten Notfallversorgung vor: „Wir sind überzeugt, dass in der Notfallmedizin mit 10 Notfallkontakten pro 1000 Patienten im Jahr einiges schief läuft, das ist im internationalen Vergleich viel zu viel!“ Statt der bisherigen Dreiteilung von Notaufnahmen der Kliniken, Rettungsdienst und Kassenärztlichem Bereitschaftsdienst sollen zukünftig – von Krankenhausgesellschaften und Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam finanziert – sogenannte Notfallleitstellen aufgebaut werden.
Mit dem Ziel einheitlicher effizienter und transparenter Prozesse mit digitaler Vernetzung aller Beteiligten sollen die Patienten in den nach einheitlichen Notfallalgorithmen strukturierten zentralen Anlaufstellen nach einer vorigen telefonischen Erstberatung an einem sogenannten „Tresen“ weiter verteilt werden. Entscheidend sei, dass dieser „eine Ersteinschätzung nach Dringlichkeit und Bedarf“ leistet, wie der Präsident der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), Martin Pin, Düsseldorf, in seinem Vortrag „Ersteinschätzung in Notfallzentren“ kritisch zu bedenken gab. Gerade bei älteren Patienten mit Delir, Demenz, eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit sei der geplante telefonische Erstkontakt kaum durchzuführen: Es sei elementar für die Patientensicherheit, dass Hochrisikopatienten unmittelbar und ohne Verzögerungen ärztlich behandelt werden. Notfallpatienten müssten nach Ansicht der DGINA mit einer validierten Ersteinschätzung von notfallmedizinischen Spezialisten versorgt werden wie derzeit in den Notaufnahmen der Krankenhäuser.
In der kontrovers geführten Podiumsdiskussion zur geplanten neuen Notfallversorgung – nach der Einschätzung von Helmuth Steinmetz „eine Lösung einiger Probleme, die wir heute schon haben“ -, hatte Stefan Schwab, Erlangen, zwar grundsätzlich „keinen Dissenz“, stellte aber doch kritische Fragen: „Wo sehen Sie all die Ärzte? In meiner Region in Franken sehen wir die nicht!“. Außerdem erfordere die Neuregelung „eine erhebliche Edukation der Patienten, eine Herkulesaufgabe für die nächsten Jahre!“ Nach Ansicht von Frank Joachim Erbguth, Nürnberg, ist der Vorschlag „logistisch grandios“. Der Vorsitzende der DGN-Kommission Leitende Krankenhausärzte hatte allerdings Bedenken zur Steuerungsfunktion und umfassenden fachlichen Kompetenz am „Tresen“, an dem die medizinischen Entscheidungen getroffen werden sollen.
Helge Topka, München, Vorsitzender der DGN-Kommission Neurologische Notfallmedizin, fragte nach Anreizen für Allgemeinmediziner und stellte die Frage nach Sanktionen, die jedoch nicht geplant seien. Dazu Gerlach: „Im Idealfall haben wir Generalisten mit zusätzlicher Notfall-Qualifikation. Ziel ist eine insgesamt bedarfsgerechtere Steuerung, um von unnötigen Eingriffen diagnostischer und therapeutischer Art herunterzukommen.“ Hauptkritikpunkt an der jetzigen Situation seien vor allem auch „zu viele Kliniken in Ballungsräumen, Krankenhäuser in Rollatornähe, die dazu führen, dass sich Hamsterräder drehen, ein enormer Verschleiß an ärztlichen und pflegerischen Kräften. Wenn diese Strukturprobleme gelöst sind, sind Arbeitskräfte frei für notwendige Aufgaben!“

Aktuelle Erkenntnisse zur Sekundärprophylaxe und zur Akutversorgung beim Schlaganfall
„Der Schlaganfall erlebt momentan stürmische Zeiten“, sagte der Präsident der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), Prof. Armin Grau, anlässlich der ANIM in Berlin. Im positivsten Sinne: In Deutschland herrsche eine sehr gute allgemeine Versorgungs- und Therapielage. Stärkere Bestrebungen benötige jedoch der Bereich der Nachsorge. Ein neues Konzept zur Nachsorge soll deshalb implementiert werden. Prof. Grau verwies auf eine aktuelle Untersuchung zur Sekundärprävention: „Wir haben eine Cluster-dominierte Studie zur Nachsorge initiiert, die gerade jetzt in 30 Zentren startet.“
In zwei spannenden DSG-Symposien wurde auf der ANIM in Berlin über neueste Erkenntnisse zur Sekundärprophylaxe und zur Akutversorgung beim Schlaganfall berichtet. Prof. Joachim Röther, Hamburg, stellte in der Session „Sekundärprophylaxe und Versorgungsstrukturen“ den aktuellen Stand der Neurovaskulären Netzwerke vor. Die Ziele der interdisziplinären neurovaskulären Netzwerke sind zum einen die Stärkung der regionalen Versorgungszentren und die Kontrolle über die Qualität der Schlaganfallversorgung, die Sicherstellung der Thrombektomiebehandlung durch erfahrene Neuroradiologen und hochspezialisierter Eingriffe in Kliniken mit entsprechender Expertise. Die Zentren sichern auch die elektive interdisziplinäre Behandlung neurovaskulärer Erkrankungen (Aneurysmen, AVMs, intrakranielle Stenosen) sowie die bessere Vernetzung von Klinikverbünden mit dem Ziel kurzer Transportzeiten. In Deutschland gibt es aktuell 324 zertifizierte Stroke Units, davon 195 regionale, 113 überregionale und 16 telemedizinisch vernetzte Stroke Units. Von der Etablierung Neurovaskulärer Netzwerke profitieren alle Partner: Strukturen werden transparent, Probleme evident und Missverständnisse ausgeräumt, es wächst der Zusammenhalt und die Versorgungsqualität steigt. Auch Prof. Darius Nabavi, Berlin, bekräftigte, dass die Netzwerke in den Stroke Units und bei den Interventionalisten sehr gut entwickelt seien (knapp 50 % mit 24/7 Interventionsfähigkeit vor Ort) – im Europäischen Vergleich ein Spitzenplatz. Jedoch die Verlegungsprozesse zur mechanischen Thrombektomie (MTE) seien noch stark unzureichend. „Dies sollte Schwerpunkt unserer künftigen Qualitätsarbeit sein!“, so Nabavi.
Den Faktor Zeit griff auch Prof. Gerhard Hamann, Günzburg, auf: „Wir sind heute in der Lage eine MTE für alle Patienten mit angehbarem Gefäßverschluß innerhalb von 24 h nach Auftreten eines Schlaganfalls zu realisieren. Ich will damit nicht sagen, dass man jeden Patienten rekanalisieren muss, aber man hat die Möglichkeit. Vor 2 Jahren hätte ich das noch nicht gesagt.“ Hamann stellte die Wirksamkeit der mechanischen Thrombektomie an vielen Beispielen und Studien vor. Er rief dazu auf, auch Patienten mit einem späten Zeitfenster (6-16 h, in Einzelfällen bis 24 h) zur MTE zu identifizieren. „Eher behandeln als nicht behandeln ist das Credo“, so Prof. Hamann.

Irreversibler Hirnfunktionsausfall (IHA) und Organspende – zwei Seiten einer Medaille?
Schon der Titel dieses Symposiums war bewusst von den beiden Neurologen Prof. Georg Gahn, Karlsruhe, und Prof. Stephan Brandt, Berlin, provokant formuliert worden. Brandt schilderte in seinem Vortrag über „Qualitätsmanagement bei der IHA-Diagnostik“ sehr übersichtlich die von der Charité ausgehenden Bemühungen zur Steigerung der Transparenz bei der Durchführung der IHA-Diagnostik. So werden seit 2012 sehr aufwendig alle IHA-Protokolle mit einem eigenen Prüfbogen hinsichtlich fehlerhafter Einträge oder inhaltlicher Fehler fortlaufend analysiert – ohne dass schwerwiegende Fehler etwa bei einer Diagnose, sondern nur gelegentliche formale Schwächen aufgefallen sind.
Anschließend stellte Dr. Axel Rahmel, medizinischer Direktor der Deutschen Stiftung Organspende (DSO), den aktuellen Stand der Organspende in Deutschland dar. Hier hat es 2018 erfreulicherweise mit insgesamt 955 Organspendern einen Aufschwung gegeben. Rahmel wies auf die brandaktuellen Bemühungen des Bundesministeriums für Gesundheit hin, mit dem Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO), die Situation in Deutschland grundlegend zu verbessern. Als Kenner der Szene schilderte er die in dem Gesetzentwurf enthaltenen Details zur Stellung der Transplantationsbeauftragten, aber auch ungelöste Fragen wie die Organisation der IHA-Diagnostik. Erfreulich für die NeuroIntensivmediziner ist hierbei, dass die Anregungen der DGNI zum Gesetzentwurf berücksichtigt worden sind.
Abgerundet wurde das Symposium von Dr. Thomas Vogel, Transplantationschirurg aus Münster, der die Bedeutung der Organprotektion und der Organkonservierung sehr anschaulich erklärte. Da zunehmend ältere Spender mit Begleiterkrankungen als sogenannte „Expanded Criteria Donors – ECD“ ihre Organe zur Verfügung stellen, rückt die Optimierung der Organprotektion bis zum Zeitpunkt der Explantation und anschließend die der Organkonservierung mehr und mehr in den Vordergrund. Vogel konnte eindrucksvoll zeigen, dass durch normotherme maschinelle Perfusion der Organe mit Blut viel bessere Ergebnisse bei der Transplantation von ECD-Organen erzielt werden können, als durch die herkömmliche Kühlung der Organe mit Nährlösungen.
Zuhörer, Referenten und Vorsitzende diskutierten engagiert auch die kontroversen Aspekte der Vorträge. Am Ende wurde aber doch deutlich, dass die IHA-Diagnostik eher die eine Seite einer Medaille darstellt, während sich auf deren anderer Seite die Organtransplantation befindet.

Die ANIM 2019 ist die 36. Gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und fand vom 17.-19. Januar 2019 in Berlin statt.

Pressekontakt:
Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI)
Romy Held, Pressestelle
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