Analyse: Deutsche Gesundheitsausgaben laufen nicht aus dem Ruder

Im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen konnten die Verfasser keine Ausgabenexplosion in den vergangenen Jahren, weder bei den Gesundheitsausgaben insgesamt noch bei den Arzneimitteln im Besonderen, feststellen. Zudem, so zeigen sie, bewegen sich die Zahlen des deutschen Gesundheitssystems im Mittel aller G7-Länder. Allerdings mussten sie auf Defizite im Finanzierungsmodell nachdrücklich verweisen. Die Ergebnisse der Analyse erscheinen nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Gesundheitsökonomie und Qualitätsmanagement“.

Trotz einer eher moderaten Kostenentwicklung sei allerdings das System von nicht unbeträchtlichen Ineffizienzen gekennzeichnet. Gerade in dem von den Autoren untersuchten Bereich der Arzneimittelversorgung führten offensichtlich Fehlregulierungen zu beträchtlichem Schaden. Die Implementierung von Arzneimittelinnovationen wird als mangelhaft eingeschätzt, wodurch diese ihre gesundheitsfördernden Effekte nicht rechtzeitig entfalten könnten.

Die Autoren weisen auf ein bemerkenswertes Paradoxon der aktuellen Gesetzgebung hin: In der Versorgungsrealität werde da reguliert, wo Wettbewerb schon sehr effizient stattfinde – nämlich bei der Arzneimittel-Grundversorgung. Eine Regulierung bliebe aber dort aus, wo sie wie bei der Arzneimittel-Spezialversorgung unbedingt notwendig wäre. Auch wird bemängelt, dass die Kompetenz der Ärzte für eine effiziente Arzneimittelversorgung ungenutzt bliebe.

Anstatt ineffizienter Frühbewertungen, Me Too-Klassifikationen (Me-too-Präparate sind Fertigarzneimittel, die im Vergleich zu bereits etablierten patentgeschützten Arzneimitteln ähnliche, aber nicht identische pharmakologisch-therapeutische Wirkungen und Nebenwirkungen entfalten), Quotenregelungen etc. und einer in Folge immer stärkeren bürokratischen Eingrenzung der Therapiefreiheit der Ärzte, machen die Autoren einen bemerkenswerten Alternativvorschlag:
Um den Implementierungsprozess von Innovationen zu befördern und die Effizienz in der Arzneimittelallokation sicher zu stellen, sollten da, wo notwendig, Anbieter und Nachfrager von Arzneimitteln, z.B. Kassen und Arzneimittelhersteller, verstärkt kooperieren und in vertraglicher Form einen Innovationsförderungsprozess in der unmittelbaren Versorgungsrealität organisieren. Dies würde zu outcome-orientierten Preisen führen, die Qualität der Versorgung anheben und ein Klima des kontrollierten Vertrauens schaffen, ohne dass zentrale bürokratische Eingriffe notwendig wären.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wird von den Autoren als wichtige Instanz bezeichnet, um Qualitäts- und Preiswettbewerb komplementär zu befördern. Sie bemängeln allerdings eine nicht konsequente Neutralität, Wissenschaftlichkeit und Transparenz des Instituts in der Vergangenheit, sowie den bisher wenig ausgeprägten kommunikativen und vertrauensvollen Arbeitsstil.

Quintessenz des Papers ist: Im deutschen Gesundheitssystem schlummern beträchtliche Effizienzreserven. „Würden diese gehoben, würde Deutschland ein Beispiel geben können für Effizienz und Qualität der Gesundheitsversorgung, was allen Bürgern zu Gute käme und uns für die demografischen Herausforderungen fit machen würde“, ist sich Erstautor Thomas Hoffmann sicher. Heute sind wir anscheinend davon noch weit entfernt. „Kostendämpfung“ mag einen immer wieder aktuellen marginalen Wert haben, für strategisches Denken tauge dieser Begriff nicht. „Hier sollten Effizienz und Qualität die entscheidenden Treiber für politisches Handeln sein“, unterstreicht Prof. Joachim Kugler.

Kontakt:

Technische Universität Dresden
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus
Lehrstuhl Gesundheitswissenschaften/Public Health
Prof. Dr. Joachim Kugler
Tel.: +49 0351 3177 217
Fax: +49 0351 3177 459
E-Mail: kugler@gesundheitswissenschaften-dresden.de

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