Wie Altersschwerhörigkeit das soziale Leben beeinträchtigt

„Was haben Sie gesagt?“, „Wie bitte?“ – etwa 13 Millionen hörgeschädigte Deutsche formulieren solche Sätze täglich, um einem Gespräch folgen zu können, darunter ein Drittel aller über 65-Jährigen. Da der Bevölkerungsanteil älterer Menschen deutlich wächst, steigen auch Alterskrankheiten an – darunter die wenig beachtete Altersschwerhörigkeit.

Schlechtes Hören im höheren Lebensalter, der sogenannte „symmetrische Hochtonverlust“ des Innenohrs, ist kein ausschließlich medizinisches Problem: Im Gegensatz zu anderen Alterskrankheiten wie Arteriosklerose, Muskelschwäche oder Knochenschwund hat der Verlust an Hörkraft vielmehr soziale und psychische Folgen, als dass er körperliche Leiden mit sich bringt. Die Schwerhörigkeit älterer Menschen wirkt sich primär in der Einschränkung kommunikativer Prozesse – vor allem im Sprachverstehen – aus. Treffend lässt sich die Situation Betroffener mit „social deafness“ beschreiben. Diese bedingt Störungen der Umweltorientierung und der zwischenmenschlichen Verständigung. „Man kann das Ohr als das ‚sozialste’ Organ des Menschen bezeichnen. Der Prozess des Hörens ist sehr viel komplizierter als beispielsweise der des Sehens“, erläutert Professor Dr. med. Stefan Dazert, Dozentenkanzler der Fortbildungsgesellschaft der Hals-Nasen-Ohrenärzte mbH. „Jede Kommunikation und Begegnung der Menschen in der Gesellschaft ist immer mit Sprache und Ansprache verbunden, das Wahrnehmen von Signalen ist lebensnotwendig und unsere Kultur ist wesentlich auf das Hören ausgerichtet.“

Studien zeigen, dass die psychischen und sozialen Probleme im Zusammenhang mit Schwerhörigkeit bisher noch weitgehend ungelöst sind, denn das Image der Hörschädigung ist noch immer mit vielen negativen Assoziationen verbunden. „Oft werden Schwerhörige durch ihre schlechte Hörfähigkeit mit den Vorwürfen der Interesselosigkeit oder mangelnden Höflichkeit konfrontiert, was ihnen schließlich auch als Charakterschwäche ausgelegt wird“, so Dazert. Daraus resultiert, dass viele Betroffene diese Behinderung zu verbergen versuchen. Die meisten Hörgeschädigten benutzen folglich keine Hörgeräte, um sich öffentlich nicht zu brandmarken. Doch genau dies bringt sie in einen Teufelskreis, den sie nicht zu durchbrechen vermögen: Bleibt die Hörfähigkeit eingeschränkt, tritt auch keine positive soziale Veränderung ein.

„Dabei ist das Problem der Schwerhörigkeit in vielen Fällen gut in den Griff zu bekommen“, sagt Dazert. „Individuelle Hörfähigkeitsuntersuchungen und hörakustische Rehabilitationsmaßnahmen könnten Betroffene gezielt und schnell wieder in das soziale Leben zurückholen und ihnen die Lebensqualität in ihrem sozialen Umfeld zurückbringen. Hierzu bedarf es jedoch einer sensiblen Therapie, die auch auf die psychischen Umstände solcher Patienten eingeht. So kann dem Patienten nach und nach der Grund genommen werden, sich eines Hörgeräts – und damit einer schnellen Problemlösung – zu verweigern.“

Die Behandlung und Versorgung älterer, schwerhöriger Menschen ist folglich eine große soziale Herausforderung. Der demografische Wandel in unserer Gesellschaft lässt eine ansteigende Zahl Hörgeschädigter erwarten, wodurch sich die Notwendigkeit zu mehr Informationen und Aufklärung über die „Altersschwerhörigkeit“ ergibt. HNO-Experten erklären auf der heutigen Pressekonferenz, in Mannheim, welche Formen der Schwerhörigkeit es gibt, wie sich die Krankheit genau feststellen und therapieren lässt und ab wann Hörprothesen eingesetzt werden sollten.

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