ALTERN – KEIN THEMA NUR FÜR ALTE

Altwerden möchte Jeder, auch wenn das Altsein nicht immer nur positiv besetzt ist. Die Generali Hochaltrigenstudie zeigt jedoch: Es ist nicht gerechtfertigt, das „vierte Lebensalter“ ab 85 Jahren aufwärts mit Ressourcenverlust, Multimorbidität und altersbedingten Defiziten gleichzusetzen. Obwohl unter Hochbetagten ein deutlich erhöhtes Risiko besteht, chronisch zu erkranken, zu leiden oder pflegebedürftig zu werden, schlummern auch in diesem Lebensalter Potentiale, die die Forschung gerade erst erkennt. Zehn Wissenschaftler präsentierten diese Potentiale aus verschiedenen Blickwinkeln heraus: Geriatrie, Gerontologie, Biomedizin des Alterns, Ernährungswissenschaft, Sportmedizin und Psychogerontologie zeigen überraschende Ergebnisse, wenn es darum geht, im Alter kognitiv und körperlich leistungsfähig zu bleiben.

Spotlight auf die Muskelmasse
Ein wesentliches Kriterium des gesunden Alterns ist der Erhalt der Muskelmasse und zwar entgegen der natürlichen Abnahme ab dem 40. Lebensjahr. Wer dieses Ziel nicht bewusst ins Auge fasst, dem geht Muskelmasse physiologisch bedingt, durch Bewegungsmangel und Mangelernährung verloren. Prof. Dr. Cornel Sieber, Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, beschrieb in seinem Vortrag die Sarkopenie als ausgeprägtes Problem im höheren Alter. Sarkopenie geht mit einer verminderten Muskelmasse und mit einer Funktions- und Kraftreduktion der Muskulatur einher. Kachexie, neurodegenerative Krankheiten, Immobilität, Bewegungsmangel und endokrine Faktoren sind ursächlich dafür. Es lässt sich jedoch laut aktueller Studien mit gezielten Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen gegensteuern. „Man kann bis ins höchste Alter Muskulatur aufbauen, selbst im Pflegeheim. Die Sarkopenie beeinflusst die Funktionalität der Muskulatur und ist therapierbar.“, betonte Prof. Sieber.

Sicher gehen – Kernkompetenz im Alter
Die zwei prägenden Komponenten für den Alterungsprozess sind die Gangsicherheit und die kognitive Fitness. Muskelschwäche ist einer der wichtigsten Faktoren für das Sturzrisiko im Alter. Wie sicher jemand geht, ist heute gut bestimmbar. Messungen der Gangsicherheit können u.a. zeigen, wie variabel ein Schritt gegenüber dem anderen ist.
Bereits ab einer Variabilität der Schrittlänge von 1,7 cm besteht ein verdoppeltes Sturzrisiko bei den Patienten. Prof. Reto Kressig beschrieb in seinem Vortrag den Zusammenhang zwischen der Gangsicherheit und der kognitiven Leistungsfähigkeit. Dieser erklärt, dass Krafttraining allein nicht die Gangsicherheit verbessert oder die Stürze im Alter reduziert, wie ein aktueller Cochrane Review aufzeigt. Die kognitiven Funktionen beim Gehen – auch als Multitasking oder Exekutivfunktion bezeichnet – können laut Prof. Kressig durch spezifische Interventionen trainiert werden. Tanzen im Allgemeinen oder spezielle rhythmische Bewegungsabläufe mit unerwarteten Wechseln (Methode nach Jaques-Dalcroze) sind nachweisbar wirksam, um Stürze in höherem Alter zu reduzieren. Aktuellen Interventionsstudien zufolge bewirkt auch die Gabe von Vitamin D3-Supplementen einerseits ein reduziertes Sturzrisiko und andererseits auch eine kognitive Verbesserung.

Gefährdete Nährstoffe im Alter
Vitamin D gehört zu den Nährstoffen, an denen es den Senioren oft fehlt. Zu kurz kommen weiterhin Folat, Jod und Calcium, wie die Bonner Seniorenstudie zeigt. Obwohl man von einer insgesamt guten Versorgung mit dem Vitamin B12 durch die Lebensmittel sprechen kann, zeigen Blutanalysen ungenügende Werte an. Dafür ist eine geringe Bildung des für die B12- Resorption im Dünndarm ausschlaggebenden intrinsic faktors als Ursache bekannt. Prof. Helmut Heseker, Universität Paderborn und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V., betont, dass ein B12-Mangel in deutschen Kliniken häufig übersehen wird.
Der altersabhängige, unterschiedliche Nährstoff- und Energiebedarf muss im Alter berücksichtigt werden. Prof. Dorothee Volkert, Institut für Biomedizin des Alterns, verwies vor allem auf den Eiweißbedarf: „Für den gleichen Muskelaufbau brauchen Ältere mehr Eiweiß als Jüngere“. Sie führte u.a. die Womens Health Initiative Study mit über 24.000 Teilnehmerinnen an, bei der eine erhöhte Eiweißzufuhr mit einem geringeren Gebrechlichkeitsrisiko verbunden war. Positive Effekte zeigt auch die mediterrane Ernährung, die sich durch eine relative hohe Zufuhr an Hülsenfrüchten, Nüssen, Fleisch, Fisch und Fettsäuren sowie Alkohol von anderen Ernährungsstilen unterscheidet. Prof. Volkert unterstrich, dass es im Alter besonders wichtig sei, bei Mangelernährung frühzeitig gegenzusteuern. „Die Warnsignale sind eine geringe Essmenge, einseitige Lebensmittelauswahl sowie Appetit- und Gewichtsverlust. Ideal wäre ein Routine-Screening auf Mangelernährung beim Hausarzt oder bei der Aufnahme in eine Klinik“.

Zusammenfassend beschrieb der 16. Workshop des IDE das Alter als Lebensphase, in der die Kräfte und Reserven zwar abnehmen, aber noch lange ausgeglichen werden können. „Die aktuelle Forschung zeigt, wie sehr selbst Hoch-betagte Beweglichkeit trainieren, Muskelkraft aufbauen und geistig fit bleiben können.“, resümierte Prof. Günther Wolfram, Präsident des IDE. „Eine alternde Gesellschaft wird profitieren, wenn Ältere für Jüngere sorgen wollen und können. Deshalb müssen wir alles tun, um die soziale Teilhabe alter Menschen im Alltag zu ermöglichen“.
Ein Bericht mit Kurzfassungen zu allen wissenschaftlichen Vorträgen kann kostenlos in der IDE-Geschäftsstelle angefordert werden. Der ausführliche Kongressbericht wird 2015 in der Zeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“ veröffentlicht.

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