Akademisierung der psychiatrischen Pflege: „Deutschland hinkt in Europa hinterher“

Kliniken aus der Region seien auf die Hochschule Fulda zugekommen, um mit ihr eine Lösung zu suchen, wie sie qualifizierte Arbeitskräfte finden können, berichtet Prof. Dr. Beate Blättner, Studiendekanin des Fachbereichs „Pflege und Gesundheit“ der Hochschule Fulda. Der Mangel: „98 % unseres Pflegepersonals in der Psychiatrie besitzt keine Zusatzausbildung“, bestätigt der Fachkrankenpfleger Georg Vollmer, Abteilungsleiter Pflege der psychiatrischen Institutsambulanz am Klinikum Fulda. Nur 2 % verfügten über eine berufliche Weiterbildung zur Fachkrankenpflegerin/zum Fachkrankenpfleger. „Wir brauchen akademisch gebildetes Personal, das sich mit komplexen psychiatrischen Krankheitsbildern, Diagnostik und Therapie auskennt und auch praktisch gut ausgebildet ist“, betont Vollmer.

Zahl an psychisch kranken Menschen nimmt zu

Der Studiengang „Psychiatrische Pflege“ in Fulda umfasst 1.000 Stunden praktische Ausbildung im 2., 4. und 6. Semester in Bereichen wie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, forensische Psychiatrie oder Suchthilfe. Er baut auf den Grundlagen der evidenzbasierten Pflege auf: „Die Studierenden lernen zu bewerten, für welche pflegerischen Maßnahmen der Nutzen und die Wirksamkeit nachgewiesen werden können“, sagt Beate Blättner.

Pflegeexperten sind sich einig, an Stellen für akademisch gebildete Pflegekräfte wird es nicht mangeln. „Leider werden psychische Erkrankungen immer häufiger“, erläutert Blättner. Während in anderen Gebieten die Betten in Krankenhäusern abgebaut werden, ist im Zeitraum von 2003 bis 2013 die Zahl der Fälle in deutschen Kliniken in der Diagnosegruppe „Psychische und Verhaltensstörungen“ um das 1,2-fache auf rund 1,2 Millionen gestiegen, so die Daten des Statistischen Bundesamtes. Jedes Jahr ist etwa ein Drittel der Bevölkerung von mindestens einer psychischen Störung betroffen; am häufigsten sind Angststörungen, Depressionen und Alkoholstörungen. Mögliche Ursachen seien gesellschaftliche Veränderungen, wie etwa Belastung am Arbeitsplatz und in den Schulen, so die Professorin für Gesundheitsförderung. Aber auch die gerontopsychiatrische Versorgung sei ein wachsendes Aufgabenfeld für die Pflege.

„Die Tätigkeit in der psychiatrischen Pflege ist sehr attraktiv. Kein anderer Pflegebereich handelt so eigenverantwortlich“, betont Blättner. Ihre Expertise können Pflegfachkräfte dort als Teil des therapeutischen Teams aus Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern einsetzen. Pflegerinnen und Pfleger begleiten die Patienten durch Krisen, beruhigen verängstigte Personen, wenden professionelle Strategien wie Deeskalationstechniken an, führen die Patienten an die selbstständige Einnahme von Medikamenten für die Zeit nach der Klinik heran oder leiten Trainings zur Reduktion von psychischem Stress. „Sie können so maßgeblich die Genesung der Patienten beeinflussen“, betont Blättner.

Leitung und Koordination von ambulanten Pflege-Diensten

Aber vor allem auch der ambulante, gemeindepsychiatrische Bereich und aufsuchende Dienste gewinnen an Bedeutung. Gut qualifizierte Fachkräfte seien hier nötig, betont Vollmer. „Sie müssen oft ohne Team im Hintergrund eigenverantwortlich entscheiden, was dem Patienten helfen kann, selbstständig zu leben und einen erneuten Klinikaufenthalt zu vermeiden.

Prof. Dr. Dr. Ilse Heberlein, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, benennt einen Misstand, dem der Studiengang begegnen will: „Deutschland hinkt in der Akademisierung der Pflege hinterher. Hier sollten wir mit anderen EU-Ländern mitziehen.“ Heberlein hat vor ihrem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben den Studiengang „Psychiatrische Pflege“ in Fulda mitentwickelt. Sie ist nun in der Gesundheitspolitik aktiv als Mitglied des Sozialverbandes Deutschland und als Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). „Es besteht großes politisches Interesse daran, dass sich die Qualität in der Versorgung psychisch Kranker verbessert“, betont Heberlein. In der Leitung und Koordination ambulanter psychiatrischer Pflegedienste und im gemeindepsychiatrischen Bereich sieht sie verstärkt Aufgaben für das akademisch gebildete Personal. Ein freiberufliches Feld ist ferner die „Soziotherapie“ nach dem Sozialgesetzbuch § 37 SGB V. Hier helfen die Pflegekräfte, schwer Kranken in ihrem sozialen Umfeld zurechtzukommen. Mit dem Bachelor eröffnen sich außerdem bessere Chancen für die Absolventen, international zu arbeiten.

Der Studiengang an einer staatlichen Hochschule ist nicht kostenpflichtig – einzigartig in Deutschland. Interessenten benötigen eine Hochschulzulassung und eine abgeschlossene Ausbildung in einem Pflegeberuf, etwa der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, der Altenpflege oder der Heilerziehungspflege. Berufspraktiker ohne Hochschulzulassung können nach einer Prüfung aufgenommen werden.

Der Bewerbungsschluss ist am 15.7.2015.

Kontakt im Fachbereich:
Gretje Wittmann
Studiengangskoordinatorin
Tel.: 0661 9640 6401
E-Mail: gretje.wittmann@pg.hs-fulda.de

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