Akademisierung der Gesundheitsberufe dient Verbesserung der Patientenversorgung

Mehr Forschung, gesundheitswissenschaftliche Kompetenz und evidenzbasierte Praxis in Deutschland sind bereits seit Anfang der 90er Jahre die Forderungen der Arbeitsgemeinschaft Medizinalfachberufe in der Therapie und Geburtshilfe (AG MTG), die mit dem Ziel, die von ihr vertretenen Berufsausbildungen zu akademisieren und die Professionalisierung dieser Berufe voranzutreiben, gegründet wurde. Laut Wasner tragen unterschiedliche Faktoren wie die demografische Veränderung, neue Konzepte der Versorgung und eine schnelle technische und wissenschaftliche Entwicklung zu veränderten Rahmenbedingungen für Therapeuten bei. In Konsequenz ergeben sich für die Physiotherapie neben ihrem effektiven, bedarfsorientierten und qualitätsgesicherten Einsatz unter anderem ein kritisch-reflektiver Umgang mit der täglichen Praxis sowie eine wissenschaftliche Weiterentwicklung der Behandlungsmethoden. Diese Aspekte kennzeichnen den wissenschaftlichen Ansatz und bilden die Grundlage für die Akademisierung; nicht nur die der Physiotherapie, sondern aller Therapieberufe. Die erforderlichen Kompetenzen können während eines Studiums vermittelt werden.

Trotz aller bisherigen Bemühungen hat sich das akademische Ausbildungsmodell noch nicht flächendeckend in Deutschland etabliert. Die im europäischen und außereuropäischen Ausland als „Normalfall“ geltende akademische Ausbildung Physiotherapie ist in Deutschland eher eine Besonderheit. Das hierzulande entstandene akademische Feld ist sehr heterogen und ist durch eine Vielfalt an Studienstrukturen und –abschlüssen gekennzeichnet. Die meisten Studienangebote sind nicht primärqualifizierend, dies bedeutet, dass ein Student entweder eine abgeschlossene Ausbildung haben muss oder diese parallel zum Studium an einer Berufsfachschule erwerben muss. Eine Ausnahme bildet die Hochschule Fresenius, an der bereits seit 1998 Physiotherapeuten primärqualifizierend in acht Semestern akademisch ausgebildet werden.

Europäische Perspektive
Die unterschiedlichen Ansätze in der Ausbildung, die Berufsprofile und das Qualitätsmanagement in der Physiotherapie-Ausbildung in EU-Ländern untersuchte Mieke Wasner in einer vergleichenden Studie 2007. Ihr Fazit: Der wissenschaftliche Vorsprung unserer Nachbarländer ist nach wie vor immens: die Niederlande und Skandinavien gelten als Vorbilder bei der Akademisierung. Deutschland hat noch großen Nachholbedarf – die Modellklausel zur Einführung von Studiengängen in der Physiotherapie war ein erster kleiner Schritt: „Den europäischen Standard können wir damit nicht erreichen“, urteilt Wasner. Die wachsende Wahrnehmung internationaler Forschungsergebnisse und verstärkte Forschung wertet sie als positive Signale, aber viele Fragen zur Akademisierung der Physiotherapie, wie beispielsweise die Vergütung von Hochschulabsolventen im Vergleich zu Berufsfachschulabsolventen, seien noch nicht geklärt.

Zur Person:
Professor Dr. Mieke Wasner studierte nach ihrer Physiotherapie-Ausbildung zunächst Sportwissenschaft, Sportorthopädie und –traumatologie sowie Volkswirtschaft an der Universität Heidelberg. Anschließend absolvierte sie in Illinois (USA) an der University of DeKalb, wo sie während dieser Zeit als Exercise Spezialist arbeitete, ein Masterstudium Sportmanagement mit Schwerpunkt Geriatrie. An der Hochschule Fresenius war sie am Aufbau der Berufsfachschule für Physiotherapie und des in Kooperation mit der Hogeschool Utrecht in Idstein durchgeführten primärqualifizierenden Bachelor-Studiengang Physiotherapie maßgeblich beteiligt. 2006 wurde Mieke Wasner zur Prodekanin des Fachbereichs Gesundheit an der Hochschule Fresenius berufen. Sie promovierte 2007 in Bildungswissenschaften an der Universität Heidelberg und wurde im Frühjahr 2010 zur Professorin für Physiotherapie berufen.
(idw, 05/2010)

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