Agrarwirtschaft sollte transparenter werden

Welche Erwartungen richtet unsere Gesellschaft an die Agrarwirtschaft, und wie kann und sollte eine moderne Agrarwirtschaft diesen Erwartungen begegnen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Wirtschaft und Sozialwissenschaften des Landbaues e.V., die letzte Woche in Halle (Saale) stattfand. Rund 170 Teilnehmer hatten sich zu der agrarökonomischen Konferenz eingefunden, die zu den größten und bedeutendsten Fachveranstaltungen auf diesem Gebiet in Deutschland zählt. Das Thema lautete „Unternehmerische Landwirtschaft zwischen Marktanforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen“ und wurde in zwei Plenarsitzungen, einer Podiumsdiskussion, zwölf Arbeitsgruppen- und vier Postersitzungen facettenreich und mitunter sehr leidenschaftlich diskutiert.

Kritik am romantisierten Bild von Landwirtschaft

Im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung standen drei Perspektiven aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf das Oberthema der Konferenz. Nach der Eröffnung durch den GEWISOLA-Vorsitzenden Prof. Dr. Ernst Berg legte der Landwirtschaftsminister Sachsen-Anhalts Dr. Hermann Onko Aeikens seine Sichtweise dar. Er machte auf die global wachsende Nachfrage nach veredelten Agrargütern und Biomasse für die Energieproduktion aufmerksam. Landwirtschaft müsse, so Aeikens, ihre Produktivität weiterhin steigern. Gleichzeitig gelte es, Spekulationen zu beschränken und Bioenergie maßvoll zum Einsatz zu bringen. Als einen Problembereich identifizierte er die Bodenmärkte Ostdeutschlands. Die Ressource Boden wecke zunehmend das Interesse von nicht der Landwirtschaft zuzurechnenden Akteuren – mit der Folge stark steigender Preise. Wem das Land gehört, hätte jedoch Einfluss auf das ländliche Leben, so Aeikens – deshalb dürfe das Gut Boden nicht dem freien Spiel der Märkte überlassen werden. Weiterhin hob Aeikens die positive Rolle der Landwirtschaft als Arbeitgeber im ländlichen Raum hervor. Er wünsche sich mehr Viehhaltung pro Fläche, weil es Arbeitsplätze schaffe – dennoch gäbe es bei der Ansiedlung neuer Tierproduktionsanlagen stets große gesellschaftliche Spannungen, denen sich die Politik widmen müsse. Hilfreich dabei sei der Umstand, dass in Sachsen-Anhalt Landwirtschafts- und Umweltpolitik im selben Ministerialressort angesiedelt sind. Die Kritik an den negativen Umweltwirkungen der Landwirtschaft sei nur teilweise gerechtfertigt. Außerdem positionierte er sich gegen einen Teil der Vorschläge der Europäischen Kommission zur Reformierung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.
Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), räumte in seinem Vortrag ein, dass die moderne Landwirtschaft vielen Erwartungen der heutigen Gesellschaft derzeit nicht entspräche. Zur Kundengewinnung zeichneten die Unternehmen ein romantisiertes Bild traditioneller Landwirtschaft, das sich mit der Realität moderner Agrarbetriebe nicht vertrage – und tatsächlich nichts damit zu tun habe. Bartmer forderte jedoch dazu auf, sowohl die räumliche als auch die zeitliche Dimension dieser Erwartungen kritisch zu hinterfragen: Beispielsweise könne schon in zehn Jahren die dominierende Erwartung der Gesellschaft sein, dass Landwirtschaft produktiv und effizient wirtschaften müsse, um eine wachsende Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln und Bioenergie zu versorgen. „Auch Fortschritt nicht zu nutzen, kann schuldig machen“, so Bartmer. Er kritisierte die Greening-Pläne der EU-Kommission, denn sie hätten zur Folge, dass Europa seine Flächen nicht mehr leistungsorientiert nutzen könne. Es sei nicht gerechtfertigt, die Erwartungen anderer Gesellschaften, beispielsweise Drittweltländer, auszublenden, die sich weniger hohe Ansprüche leisteten. Er sprach sich für eine engere Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Wissenschaft zur Entwicklung messbarer Kriterien für Nachhaltigkeit, aber auch für mehr Transparenz und Offenheit der modernen Agrarwirtschaft gegenüber dem Verbraucher aus.
Eine wissenschaftliche Perspektive lieferte Prof. Dr. Achim Spiller von der Georg-August-Universität zu Göttingen. Er stellte die Ergebnisse einer Studie vor, in deren Mittelpunkt die gesellschaftliche Akzeptanz und Wahrnehmung der modernen Landwirtschaft stand. Zwar gäbe es in der Gesellschaft viele verschiedene Perspektiven mit differenzierten Erwartungen und Hintergrundwissen. Dennoch unterschied Spiller in seiner Studie zwischen einer Haltung, die Landwirtschaft eher nach Kriterien wie Produktivität und Effizienz beurteilt, und einer Einstellung, die eher auf artgerechte Tierhaltung, Regionalität, biologischen Anbau usw. wert legt. Der Studie zufolge ist in klassischen Tageszeitungen und in „Social Media“ – ausgeprägter, als wenn Verbraucher direkt befragt werden – eine der Produktivitätsorientierung moderner Landwirtschaft kritisch gegenüberstehende Meinung vorherrschend. In einem starken Kontrast dazu stünden die Marktentscheidungen der Verbraucher. Vor diesem Hintergrund gelte es, vermeintliche Zielkonflikte aufzulösen – beispielsweise den Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Tierwohl besser zu erforschen. Gleichzeitig müsse die Landwirtschaft beginnen, transparent zu arbeiten, besser kommunizieren und aufhören, sich in Werbung und Marketing auf ein überkommenes Idealbild zu beziehen. Bezüglich dieser Forderung bestand in der nachfolgenden Diskussion weitgehende Einigkeit. Bartmer ergänzte, nur Transparenz würde nicht ausreichen – die Landwirtschaft müsse auch Verantwortung übernehmen und echte Maßnahmen ergreifen, um Dinge, die nicht passieren dürfen, zukünftig zu vermeiden. Spiller wies daraufhin, dass die ausgeprägte Preisorientierung des deutschen Lebensmittelsektors auch Ergebnis von Pfadabhängigkeiten und in der Vergangenheit durch die Politik gefördert worden sei.

Internationale Perspektiven

Im Mittelpunkt des zweiten Panels am Eröffnungstag der Konferenz standen internationale Perspektiven auf die unternehmerische Landwirtschaft. James MacDonald vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium stellte zunächst den ausgeprägten Trend zu wachsenden Betriebsgrößen in den USA dar, zu beobachten sowohl im Ackerbau als auch in der Tierproduktion. Anschließend beschäftigte er sich mit den Triebkräften dieses Agrarstrukturwandels: Skaleneffekte (d.h. geringere Stückkosten bei steigender Produktionsmenge) ließen sich für die Tierproduktion nachweisen, weniger jedoch für den Ackerbau. Dort könnten neue Technologien einen Teil des Größenwachstums erklären: Beispielsweise sei der Einsatz von Precision-Farming-Maschinen in der Anschaffung teuer und nur auf großen Ackerflächen ökonomisch. Auch die staatlichen Subventionen hätten das Größenwachstum der Betriebe beeinflusst.
Paul B. Thompson, Professor für Philosophie und Ethik an der Michigan State University machte das philosophische Konzept, das dem Denken über Landwirtschaft zu Grunde liegt bzw. zu Grunde liegen sollte, zum Gegenstand seines Vortrags. Das derzeitige Denken über Landwirtschaft sei zum überwiegenden Teil von einer industriephilosophischen Haltung geprägt. In einer solchen Perspektive werde Landwirtschaft als ein Sektor der industriellen Wirtschaft gesehen, mit dem Ziel der möglichst effizienten und wettbewerbsfähigen Nahrungsmittelproduktion. Eine Alternative hierzu stelle der Agrarismus („Agrarianism“) dar. Thompson zeichnete das Bild einer multifunktionalen Landwirtschaft, die u.a. dazu beitragen könnte, Werte wie Gemeinsinn und Solidarität zu fördern.

In den Arbeitsgruppen- und Postersitzungen am zweiten und dritten Konferenztag wurde eine große Bandbreite agrarökonomischer Themen angesprochen und in kleineren Gruppen diskutiert. Ökologischer Landbau und der Konsum von Fair-Trade- und Bioprodukten waren ebenso Themen wie Biogasproduktion oder die Entwicklung russischer Großbetriebe, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Anspruchshaltung des Verbrauchers

Die Konferenz schloss am Freitag mit einer Podiumsdiskussion, die die gesellschaftlichen Erwartungen, mit denen sich moderne Landwirtschaft konfrontiert sieht, noch einmal breit reflektierte. Peter Bleser, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sagte, dass es gesellschaftliche Erwartungen an die Landwirtschaft stets gegeben habe. Politik müsse zwischen den Marktanforderungen an die Unternehmer und legitimen Verbrauchererwartungen „austarieren“. Dr. Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes verwies auf den ökonomischen Erfolg der Landwirtschaft und wunderte sich darüber, dass gerade zum jetzigen Zeitpunkt die Kritik immer lauter würde. Eine wachsende Anspruchshaltung des Verbrauchers bestätigte Dr. Sabine Eichner, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Leider sei das Bewusstsein dafür, dass Qualität auch einen Preis hat, noch nicht allzu ausgeprägt – daran müsse man arbeiten. Aber auch Verbraucher, die weniger Geld ausgeben können, hätten ein Recht auf gute und sichere Lebensmittel. Ein leichter Trend hin zu mehr Qualitätsorientierung sei zwar zu beobachten, aber nicht immer würde es den Verbrauchern leicht gemacht, die Qualität von Nahrungsmitteln zu beurteilen. Hier müsste sich die Lebensmittelwirtschaft stärker engagieren und ehrlicher sein. Prof. Dr. Jutta Roosen, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität München sagte, Verbraucher seien mit moderner Landwirtschaft nicht vertraut. Man müsse verstehen, dass die vermeintliche Technologieablehnung der Verbraucher oft in grundsätzlichen Wertehaltungen ihre Ursache habe. Prof. Dr. Eberhard von Borrell, Professor für Tierhaltung und Nutztierökologie an der Universität Halle, machte darauf aufmerksam, dass es sich bei der weitverbreiteten Annahme, Tieren ginge es in kleineren Ställen grundsätzlich besser, um ein Vorurteil handele, dass sich wissenschaftlich nicht bestätigen lasse. Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, begrüßte die Entstehung des gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsparadigmas und lobte das Entstehen neuer Kooperationen, z.B. zwischen einer Supermarktkette und einem ökologischen Anbauverband.

GEWISOLA-Preis vergeben

Der GEWISOLA-Preis würdigt besondere Leistungen jüngerer Wissenschaftler. 2011 wurde er an Dr. Robert Finger für seine Doktorarbeit „Climate Change Impacts and Adaptation in Swiss Cereal Production – Integrating Biophysicial and Economic Modeling“ verliehen. Finger ist inzwischen als Oberassistent in der „Agri-Food & Agri-environmental Economics Group“ der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich tätig. Prämiert wurden weiterhin die besten auf der Konfenz präsentierten Papiere, Vorträge und Poster.

Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaues e.V. (GEWISOLA) wurde 1959 gegründet und tagt einmal im Jahr. Die Ausrichtung der Konferenz rotiert unter den agrarwissenschaftlichen Universitätsfachbereichen und Forschungseinrichtungen; in diesem Jahr waren das Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) damit betraut. Die GEWISOLA hat rund 400 Mitglieder, die zumeist als Agrarökonomen und -soziologen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, in der Verwaltung und in Wirtschaftsunternehmen tätig sind.

Das Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften gehört zur Naturwissenschaftlichen Fakultät III der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit derzeit 19 Professuren werden dort die Bereiche Boden-, Pflanzen-, Tier- und Ernährungswissenschaften sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus abgedeckt. Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) widmet sich wichtigen Fragen der Agrar- und Ernährungswirtschaft und der ländlichen Räume. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung gehört es seit seiner Gründung 1994 der Leibniz-Gemeinschaft an. Zwischen beiden Instituten bestehen langjährige, enge Kooperationsbeziehungen in Lehre und Forschung.

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