Agrarentwicklung entlang der Seidenstraße auf dem Prüfstand

Im Mittelpunkt des IAAE Inter-Conference Symposium „Agricultural Transitions along the Silk Road“, das vom 4. – 6. April in Almaty, Kasachstan, abgehalten wurde, standen die Wettbewerbsfähigkeit der Erzeuger, Veränderungen in der Landnutzung, die Integration der Märkte und die Rolle der staatlichen Agrarpolitik. Während Baumwollproduktion und Tierhaltung seit dem Ende der Sowjetunion an Bedeutung verloren haben, setzen die Regierungen verstärkt auf eine Diversifizierung der Agrarsektoren. Aktuelle Initiativen zum Ausbau von Infrastruktur und Handel erscheinen vielversprechend, sie unterliegen jedoch dem Vorbehalt der effektiven Umsetzung. Die weitere Professionalisierung der öffentlichen Dienstleistungen im Agrarbereich, der Ausbau der Wertschöpfungsketten durch erleichterten Marktzutritt und die Verringerung willkürlicher staatlicher Eingriffe stehen dabei ganz oben auf der Reformagenda.

Als einer der Hauptredner betonte Prof. Dr. Richard Pomfret von der Universität Adelaide in Australien die positiven Signale für eine Verringerung der Handelsbarrieren in Zentralasien durch Handelsabkommen und verbesserte Transportinfrastruktur. Als Beispiele nannte er die Ausweitung der Eurasischen Wirtschaftsunion, den von China initiierten „Wirtschaftsgürtel Seidenstraße“ und die Wiedereingliederung Irans in die Weltwirtschaft. Die Währungsabwertungen der vergangenen Monate würden zudem die Wettbewerbsfähigkeit der Agrarexporte steigern. Dr. David Sedik von der Landwirtschaftsorganisation FAO der Vereinten Nationen zufolge beflügeln formale Integrationsschritte den Handel im Agrarbereich jedoch nicht zwangsläufig. Er stellte Analysen vor, nach denen die Vereinheitlichung der Zolltarife und eine gemeinsame Lebensmittelüberwachung als Grundlage für den freien Warenverkehr im Agrarbereich innerhalb der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion noch in weiter Ferne liegen. Wichtige Gründe hierfür seien die Unterordnung der Handels- unter die Außenpolitik und ein fehlendes Vertrauen unter den Mitgliedsländern.

Durch den Einfuhrstopp für Agrargüter aus dem westlichen Ausland nach Russland haben sich neue Absatzmärkte für zentralasiatische Produzenten von Obst und Gemüse ergeben. Mehrere Vortragende stellten jedoch heraus, dass die durch die Bauern erzielten Marktpreise für Agrargüter allzu oft von monopolistischen Zwischenhändlern und willkürlichen Zolleinnehmern diktiert würden, die den wesentlichen Teil der Spanne zwischen den Erzeugern und den Verbrauchern in den russischen Metropolen abschöpfen.

Im Rahmen der Konferenz stellte das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle (Saale) Zwischenergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützten Forschungsprojektes „AGRIWANET – Agrarreformen, Wasserknappheit und die Anpassung an den Klimawandel in Zentralasien: Eine Fünf-Länder-Studie“ vor. Die vortragenden Wissenschaftler zeigten, dass alle fünf zentralasiatischen Länder die Erzeugung von Getreide in den vergangenen Jahren teilweise erheblich ausgeweitet haben. In Turkmenistan und Usbekistan seien diese Veränderungen jedoch nicht auf die Ergreifung von Marktchancen durch Agrarunternehmer oder verbesserte Handelsmöglichkeiten zurückzuführen, sondern auf staatliche Vorgaben und Ablieferungspflichten zur Sicherung der nationalen Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Der Leiter des Projekts, IAMO-Wissenschaftler Prof. Dr. Martin Petrick, verwies auf große Unterschiede zwischen den Agrarpolitiken der Länder in anderen Bereichen. So verzehnfachte Kasachstan die Ausgaben für die Unterstützung der Landwirtschaft von rund 20 Billionen Tenge im Jahr 2004 auf knapp 200 Billionen in 2014. Viele der Maßnahmen seien jedoch wenig zielgerichtet oder führten zu Mitnahmeeffekten. Kirgistan und Tadschikistan seien in ihrer Agrarpolitik hingegen fast ausschließlich von den Zuwendungen internationaler Geldgeber abhängig. Viele der Geberprojekte richten sich auf ein verbessertes Management der Bewässerungsinfrastruktur. Die Erfahrungen bei der Übertragung von guter fachlicher Praxis aus anderen Weltregionen seien jedoch außerordentlich ernüchternd. Lokale Eliten würden solche Projekte nicht selten für eigene Ziele missbrauchen und von einer breiten Beteiligung der Wassernutzer an Entscheidungen zur Wasserverteilung könne keine Rede sein, so Petrick.

Die insgesamt 90 auf der Konferenz präsentierten Vorträge und Poster wiesen eine große thematische Vielfalt auf. In einem von International Food Policy Research Institute (IFPRI) organisierten Konferenzblock standen die Themen Klimawandel und Ernährungssicherung in Zentralasien im Mittelpunkt. In einem Workshop zur Organisation von Wertschöpfungsketten und der Rolle der Agrarpolitik wurden die Ergebnisse des Forschungsprojekts „The Global Food Crisis – Impact on Wheat Markets and Trade in the Caucasus and Central Asia and the Role of Kazakhstan, Russia and Ukraine (MATRACC)“ diskutiert. Weiterer thematischer Schwerpunkt waren Landnutzungsveränderungen, u. a. wurden Fortschritte in der Dynamik der Landnutzung und dem Verständnis der Muster der Landbedeckungsänderung in Zentralasien vorgestellt.

An der Konferenz nahmen um die 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 25 Nationen und von 60 verschiedenen Institutionen teil. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der International Association of Agricultural Economists (IAAE), der Kazakh National Agrarian University (KazNAU) und dem IAMO ausgerichtet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der IAAE, Inculerate Incubator Accelerator und dem Center of Applied Research Talap finanziell unterstützt.
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Bildmaterial für Berichterstattungen
Mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 25 Nationen nahmen an der Konferenz teil. © KazNAU
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Prof. Dr. Martin Petrick (1. v. li.) und Dr. Nodir Djanibekov (2. v. li.) vom IAMO stellen die Ergebnisse des Projekts AGRIWANET vor. © KazNAU
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Die Bilder können unter Angabe der Urheberrechte für Berichterstattungen über die Veranstaltung benutzt werden. Weitere Bilder auf Anfrage.

Über das IAMO
Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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