Ärztliches Handeln im interkulturellen Kontext – Orientierung für eine kultursensible Medizin

Durch die Öffnung der Grenzen, die hohe Mobilität, aber auch die starken Flüchtlingsströme gehört der Umgang mit Patienten und Patientinnen aus anderen Kulturkreisen zum ärztlichen Alltag, ganz besonders im Rhein-Main-Gebiet. Die sprachlichen und kulturellen Barrieren lösen in der medizinischen Praxis vielfach Konflikte aus, die sich auf die medizinische Behandlung als solche, aber auch auf die ethischen und religiösen Zusammenhänge auswirken. Der Ärztetag am Dom hatte deshalb Fachleute kulturell verschiedener Herkunft eingeladen, Fallbeispiele vom Lebensanfang bis zum Lebensende zu erläutern.
Kultursensible Medizin am Lebensanfang
Das Leben im Krankenhaus und in der ärztlichen Praxis ist ein Spiegelbild des „normalen“ Lebens in unserer Gesellschaft. Somit haben die öffentlichen Diskussionen um Integration und Migration auch einen Einfluss auf das Verhältnis von Arzt und Patienten und können gegebenenfalls vorhandene Vorurteile widerspiegeln. Migration ist keine Krankheit und als Mediziner behandeln wir nicht nur die biologischen Vorgänge des menschlichen Körpers, sondern den ganzen Menschen unter Beachtung seiner Lebensumstände. Denn auch die individuellen Formen der Lebensgestaltung, Sichtweisen und Vorstellungen und natürlich der Glaube haben entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit der eigenen Gesundheit und wie man sich der Herausforderung, die eine Krankheit bedeutet, stellt. Der Beitrag „Kultursensible Medizin am Lebensanfang“ widmet sich besonders den türkeistämmigen Migranten und erläutert die Besonderheiten sowie die kulturspezifischen Hintergründe dieses Patientenkollektivs. Mittlerweile lebt die vierte Generation der Zuwanderer in Deutschland, und damit sind vom Säugling bis zum Rentner alle Altersgruppen vertreten. Da in dieser Bevölkerungsgruppe eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate besteht, treffen wir im medizinischen Alltag auf viele Säuglinge und Kinder aus diesem Patientenkollektiv. So erklärt sich auch die Wichtigkeit, klientenorientierte Angebote im Bereich der Diagnose und Therapie anzubieten und als Ärzte und medizinisches Fachpersonal Wissen über die kulturspezifischen Hintergründe zu besitzen.
Kultursensible Medizin am Lebensende
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der das Sterben so unterschiedlich vonstattengeht, wie das Leben selbst geführt wurde. Anhand von Fallbeispielen aus dem stationären Palliativbereich werden Sterbebegleitungen mit ihren unterschiedlichen Facetten und Schwierigkeiten geschildert.
Ärztliches Handeln
Kulturelle Barrieren gibt es nicht nur zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, sondern auch in allen Bevölkerungsschichten bei Menschen mit unterschiedlichem medizinischem Kenntnisstand.
Beim Ärztetag herrschte Konsens darüber, dass Beschneidungen bei Mädchen nicht akzeptabel seien und dem Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit entgegenstehen. Diesbezüglich wurde die sehr starke Macht der Tradition, weniger der Religion, herausgestellt: Es wurde auf die große Bedeutung der Tradition (auch der Beschneidung) in unterschiedlichen Kulturen, die letztlich nichts mit der zugehörigen Religion zu tun habe, hingewiesen: es sei der Zwang, dazuzugehören. Das Spannungsfeld zwischen kultursensiblem Verhalten und Toleranz und andererseits nicht tolerablem Verhalten (wie Beschneidung bei Mädchen oder Vorenthalten von medizinischer Versorgung und von Vorsorgeuntersuchungen für kleine Kinder) wurde dargelegt.
Das Thema des Ärztetags „Kultursensible Medizin“ wurde sowohl bezogen auf den Patienten (welchen kulturellen Hintergrund und welche religiösen Vorstellungen bringe der Patient mit) als auch bezogen auf die Ärzte beleuchtet (wie sieht der kulturelle Hintergrund der Ärzte aus, welche kulturellen/traditionellen Auffassungen von Krankheit und Tod bringen sie mit?). Es gebe in der Medizin zur Frage, ob die ethischen Prinzipien universalisierbar seien, zwei extreme Standpunkte, die Universalisten und die Relativisten. Einen Mittelweg beschreibt der integrierte, reflektierte Partikularismus: dies bedeute, von der Patientenperspektive herkommend, einerseits die kulturellen Phänomene zu berücksichtigen und andererseits darauf zu achten, dass bestimmte Menschenrechte oder auch andere sehr zentrale Normen dadurch nicht verletzt werden.
Auf die Bedeutung von Sprach- und Kulturbarrieren wurde hingewiesen. Wenn die Kommunikation mit interkultureller Kompetenz und Kommunikationsmöglichkeiten funktionieren würde, hätte man auch Zeit und Geld gespart. Die Realität sehe aber häufig anders aus, die entsprechende Zeit fehle in der Praxis. Aus ethischer Sicht wurde aber davor gewarnt, aufgrund der realen Praxis unsere Ethik oder unser Berufsethos entstehen zu lassen: vielmehr sollte in Bezug auf die Ethik und ethische Prinzipien die Praxis gestaltet werden. Es sei letztendlich das Selbstverständnis des Arztes, dass die Leute zu ihm kommen und er ihnen – unabhängig von Ethnie oder Gesellschaftsschicht – hilft. Und glücklich der Arzt und glücklich der Patient, wenn sie aufeinandertreffen und miteinander umgehen können. Arzt und Patient sollten sich bemühen, aufeinander zuzugehen und sich zu verstehen: wir brauchen einen kulturellen Dolmetscher, nicht einen sprachlichen: das Sprachliche sei nicht das Hauptproblem, sondern das Verständnis für das, was kulturell dahinterstehe.
Aufgrund einer Anregung aus dem Auditorium äußerten sich die aus verschiedenen Kulturkreisen stammenden Podiumsdiskussionsteilnehmer zu der Krankheitsrolle, die jeder Patient in seinem eigenen Kulturkreis einnimmt oder auslebt. Als Kranke in orientalischen Ländern, sei es Persien oder Sudan, möchte man im Mittelpunkt stehen, man wünsche sich mehr Zuwendung durch die Umgebung und dass die Menschen den Betreffenden begleiten, wenn man eine schwere Diagnose bekommt. Demgegenüber möchten Deutsche meist nicht über ihre Krankheit reden und wollen ihre Diagnose nicht ihren Mitmenschen mitteilen.
Kultursensibilität habe auch viel mit Verständnis für andere Religionen zu tun. Kommunikation sei das Wichtigste, was es heute gebe, und deshalb sei es erstrebenswert, wenn sich Strukturen entwickeln, die diese Kommunikation zwischen den Menschen stärken. Das Zeigen von Ritualen und Kulturen und religiösen Überzeugungen sei in einem Zeitalter auch säkularer Einstellungen ganz unterschiedlich ausgeprägt. Toleranz sei das Sich-einander-Annähern ohne sich zu verletzen. Der Ethik in der Medizin sollte auch bei Zeitdruck und ökonomischen Zwängen ein gebührender Stellenwert eingeräumt werden.

Autor:
Prof. Dr. med. Gerd Hoffmann, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Veröffentlichung:
[1] Hoffmann G, Finke U, Suharjanto DM, Schuster J. Ärztliches Handeln im interkulturellen Kontext – Orientierung für eine kultursensible Medizin. 7. Ärztetag am Dom des Arbeitskreises „Ethik in der Medizin im Rhein-Main-Gebiet“. Frankfurt am Main, 01.02.2014. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2017. Doc14eth01.
DOI: 10.3205/14eth01, URN: urn:nbn:de:0183-14eth018
Artikel online frei zugänglich unter
http://www.egms.de/en/meetings/eth2014/14eth01.shtml (shtml) und
http://www.egms.de/pdf/meetings/eth2014/14eth01.pdf (PDF)

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